Forstwirtschaft und Naturschutz


300 Jahre Nachhaltigkeit im Forst

IG BAU warnt vor personellem Raubbau in Forstbetrieben

IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Harald Schaum mahnte: Das Spardiktat bedroht den Forstbestand.
IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Harald Schaum mahnte: Das Spardiktat bedroht den Forstbestand. © IG BAU (Kalle Meyer)
06.04.2013
Nachhaltigkeit ist ein forstwirtschaftlicher Begriff, auf den wir alle sehr stolz sein können. Seit 300 Jahren sichert die Idee des schonenden Umgangs mit der Ressource Holz unsere Wälder. Die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hat anlässlich dieses Jubiläums Gäste eingeladen, um mit ihnen über das Thema „300 Jahre Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft – und die Menschen?“ zu diskutieren.

IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Harald Schaum begrüßte dazu den Bundestagsabgeordneten Georg Schirmbeck (CDU), Präsident des deutschen Forstwirtschaftsrates; Bundestagsabgeordnete Petra Crone, forstpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion; Carsten Wilke, Präsident des Deutschen Forstvereins und Sprecher der deutschen Forstchefkonferenz; Hubertus Kraut, Direktor des Landesbetriebs Forst Brandenburg; Michael Gerst, Leiter des Landesbetriebs Hessen-Forst; Dr. Jens Jacob, Leiter der Landesforsten Rheinland-Pfalz; von den Zertifizierungssystemen Elmar Seizinger, Leiter Waldbereich FSC Deutschland und Dirk Teegelbekkers, Geschäftsführer PEFC.

Begrüßt wurden auch die Delegierten der Bundesvertretung Beamtinnen/Beamte und Angestellte in Forst und Naturschutz, ihr Ehrenvorsitzender Ulli Blöcher, die Delegierten der Bundesfachgruppe Forstwirtschaft sowie Günther Schmidt, IG BAU-Bezirksvorsitzender des Bezirksverbands Rhein-Main und Jürgen Kumm, Geschäftsführer des Vereins zur Förderung der Land- und Forstarbeiter (VLF). Die Moderation übernahmen Harald Schaum, Siegfried Rohs, Vorsitzender des Bundesfachgruppenvorstandes und Volker Diefenbach, Vorsitzender der Bundesvertretung Forst und Naturschutz.

Spardiktat bedroht Forstbestand

Harald Schaum warnte in seiner Rede davor, die Früchte von jahrhundertelanger Voraussicht durch eine dogmatische Sparpolitik leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Nach wie vor gibt es Personalabbau, und es ist oft unklar, ob die Menschen eine Perspektive haben. „Das Spardiktat von Bund, Ländern und Kommunen bedroht den Forstbestand. Die öffentliche Hand führt den Wald zunehmend wie ein Industrieunternehmen. Gewinnmaximierung gibt es aber im Forst nur genau einmal. Dann ist der Wald verschwunden. Voraussetzung für einen gesunden Wald ist zudem eine fachgerechte Bewirtschaftung. Deshalb ist ein blinder Personalabbau im Forst, ohne Rücksicht auf die Folgen, gerade nicht nachhaltig. Fehler, die wir heute begehen, müssen noch unsere Kinder und Enkel ausbaden“, sagte Harald Schaum in seiner Rede.

Vorausschauend Nachwuchs einstellen

Während der Wald derzeit noch von der jahrzehntelangen fachkundigen Betreuung zehrt und gut gedeiht, ist die Personalsituation im Forst alarmierend. Ein Großteil der Forstbeschäftigten steht kurz vor der Rente. Doch statt jetzt vorausschauend Nachwuchs einzustellen, nimmt die Forstbranche den Mitarbeiterschwund offensichtlich gern in Kauf – ganz nach dem Motto: Alles, was Kosten senkt, ist erwünscht. „Die demografische Entwicklung führt bei der derzeitigen Politik dazu, dass spätestens bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Forstbranche personell ausblutet“, warnte Schaum. „Dann ist das Know-how dahin – mit allen Konsequenzen, die das für unseren Wald hat. Denn eins ist klar: Ohne Fachkräfte wird der Forst kaputtgewirtschaftet.“

Nachhaltige Personalentwicklung gefordert

Die IG BAU fordert die Politik auf, sich an dem Erfinder der Nachhaltigkeit, Hans Carl von Carlowitz, ein Beispiel zu nehmen. Vor 300 Jahren stellte der sächsische Oberberghauptmann fest: „Die Ökonomie hat der Wohlfahrt des Gemeinwesens zu dienen. Sie ist zu einem schonenden Umgang mit der Natur verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden.“ Für eine nachhaltige Personalpolitik im Forst fordert die IG BAU deshalb:

  • Den Personalbestand entsprechend den Aufgaben zu gestalten und nicht ausschließlich den Einsparvorgaben der Finanzministerien zu opfern.
  • Die Attraktivität der Forstberufe muss durch höheres Einkommen und tarifliche Regelungen verbessert werden.
  • Es braucht eine Ausbildungsoffensive auf allen Ausbildungsebenen.
  • Berufsbilder, Ausbildungsgänge, Einsatzoptionen müssen modernisiert und der jeweils fachlichen und persönlichen Qualifikation angepasst werden.

„Die Forstbetriebe müssen wieder den Menschen in den Mittelpunkt rücken, wie es auch in dem IG BAU-Konzept ‚Team statt Hierarchie’ beschrieben ist. In den ersten Forstbetrieben wird unser Konzept diskutiert und auch umgesetzt. Das ist der richtige Ansatz für eine nachhaltige Personalentwicklung, die wir ausdrücklich begrüßen“, sagte Schaum.

Nicht kürzen, sondern investieren

In seinem Grußwort umriss Georg Schirmbeck die Arbeit des deutschen Forstwirtschaftsrates. Er sagte: „ Alles was wir heute tun, das hat Auswirkungen auf die nächsten 50 oder 100 Jahre. Die heute pflanzen, müssen das auf der Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse tun. Öffentliche Mittel in diesem Bereich dürfen nicht weiter gekürzt werden. Im Gegenteil, es muss weiter investiert werden.“ Das ist deshalb so wichtig, weil Deutschland das größte Forstland in Europa ist und die Welt auf uns schaut.

Schirmbeck erinnerte an den großen Sturm Kyrill und die darauffolgenden Pflanzaktionen. „Man kann heute sehen, wo mit qualifizierten Mannschaften gepflanzt wurde. Wer aber nur fünf Euro ausgegeben hat, der bekommt auch nur etwas für fünf Euro.“ Wenn die Besten eines Jahrgangs nicht eingestellt werden, wenn sie nicht für das zur Verfügung stehen, wofür der Staat Zuschüsse gegeben hat, dann ist die Richtung falsch. „Es geht um die Zukunft der Forstwirtschaft. Gemachte Fehler lassen sich nicht im nächsten Sommer wieder reparieren. Da ist mehr Sorgfalt erforderlich“, so Schirmbeck. Dafür lohne es sich, gemeinsam einzustehen.

Personelle Nachhaltigkeit

SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Crone eröffnete ihr Grußwort mit dem Sprichwort: „Ein Grashalm wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das beschreibe sehr gut die Grenzen des Ökosystems Wald. Man hat den Eindruck, dass seit geraumer Zeit an den forstlichen Fachkräften gezogen wird, wie an dem Grashalm. „Wir brauchen gut ausgebildete und tariflich entlohnte Forstwirte und Förster, wir brauchen eine personelle Nachhaltigkeit“, so Crone. Das Diktat der schwarzen Null habe in vielerlei Hinsicht die Strukturen geschwächt oder sogar zerstört. Petra Crone forderte zudem einen gesetzlichen forstlichen Mindestlohn.

Menschen verkörpern Nachhaltigkeit

Carsten Wilke, Präsident des Deutschen Forstvereins und Sprecher der deutschen Forstchefkonferenz, zeigte in seinem Impulsreferat Zusammenhänge zwischen den im Wald Beschäftigten und der Nachhaltigkeit auf. Er sagte: „Nachhaltige Forstwirtschaft ist untrennbar mit den Menschen verknüpft. Eher umgekehrt, es sind Menschen, die nachhaltige Forstwirtschaft verkörpern.“ Bei von Carlowitz ging es um Menschen und die Sicht auf Nachhaltigkeit. Sie beruht auf drei Säulen, darunter der sozialen. „Bei kritischer, auch selbstkritischer Betrachtung, muss zugegeben werden, dass den Säulen Ökologie und Ökonomie meist größere Aufmerksamkeit zuteil wird“, so Wilke.

Ein Zitat aus dem 1803 veröffentlichten Buch „Grundsätze der Forst-Direction“ von Georg-Ludwig-Hartig regte die anschließende Diskussion an: „Wenn der Staat gebildete Forstbedienstete haben und jedem einen solchen Wirkungskreis erweisen will, dass er seine ganze Tätigkeit beim Dienste des Staates widmen muss, und folglich keinen Nebenverdienst haben kann, so erheischt es auch die Billigkeit, einen jeden Diener verhältnismäßig und so zu besolden, dass er seinem Stande gemäß mit seiner Familie leben, und ohne von Nahrungssorgen gequält zu werden, arbeiten kann. Man wird daher immer finden, dass in demjenigen Lande, wo nur die absolut nötige Anzahl Staatsdiener existiert und gut besoldet wird, die Geschäfte ungleich pünktlicher und besser besorgt werden, als da, wo im Verhältnisse zu viele Diener sind, die man alsdann gewöhnlich auch schlecht bezahlt.“

Bildung ist wichtiger denn je

Bildung ist ein entscheidendes Kriterium für Nachhaltigkeit. Mit Blick auf die Forstpartie in Deutschland sind die beruflichen Qualifikationen eine gute Basis, wie die Forstwirtausbildung im dualen System und die Weiterqualifikation zum Forstwirtschaftsmeister. „Es ist gut und wichtig, diese Grundlagen zu haben, und am wichtigsten ist, sie weiterzuentwickeln“, so Wilke.

Die Situation der Universitäten und Hochschulen mit forstlichen Studiengängen bedarf der Aufmerksamkeit. „Es besteht der Eindruck, wonach politische Hochschulschwerpunkte zu sehr in Feldern gesetzt werden, die die Inhalte von anwendungsorientierten Wissenschaften, wie der unseren, vernachlässigen. Zu sehr und zu oft haben aber die etablierten Kräfte in Forstverwaltung und –wirtschaft vor der eigenen Branche gewarnt, ihre Perspektiven gering geschätzt und damit die Rechtfertigung der Bildungseinrichtungen und ihrer Eigenständigkeit nicht gestützt“, sagte Wilke.

Personalausstattung stabilisieren

Was die Menschen im Wald in Deutschland in den vergangenen 300 Jahren geschaffen haben, das ist sehr eindrucksvoll. Diese Ergebnisse sind keine Selbstverständlichkeit. „Im Moment sind die Voraussetzungen akut gefährdet. Es ist erkennbar, dass es rascher Anstrengungen bedarf, die Personalausstattungen in den Forstverwaltungen und –betrieben zu stabilisieren und zu konsolidieren, sonst wird das Erreichte gefährdet, und keine auch noch so detailreiche Vorschrift wird das verhindern“, stellte Wilke fest.

Ein weiteres historisches Zitat stammt aus der Dienstanweisung für die Beamten der preußischen Staatsoberförstereien aus dem Jahr 1927: „Der Forstbeamte soll sich durch sein Verhalten in und außer Dienst die Achtung, das Ansehen und das Vertrauen der Bevölkerung zu erwerben und zu erhalten suchen.“ Die Dimension desjenigen, der die Belange des Waldes verkörpert, hat viel mit Nachhaltigkeit und sozialer Nachhaltigkeit zu tun. Ohne Berücksichtigung der Belange anderer wäre 300 Jahre nachhaltige Forstwirtschaft nicht geglückt. „Schneller, höher, weiter gilt für die olympischen Spiele. Das Leben auf unserem Globus ist aber kein Spiel“, mahnte Wilke.

Aus Anlass des Jubiläumsjahrs dürfen sich die deutschen Forstbeschäftigten selbst feiern. „Sie sollten das zum Anlass nehmen, anderen Bereichen zu erklären, dass Nachhaltigkeit ein Gegenentwurf sein kann, wie wir unser Miteinander menschenwürdig für heutige und zukünftige Generationen gestalten wollen. Sie sollten auch dazu auffordern, dem Forstbereich die gebührende Anerkennung zu gewähren und Nachhaltigkeit auch an anderer Stelle durchzusetzen", ermutigte Wilke.

Taten wichtiger als schöne Worte

In der Diskussion wurde deutlich, dass in den Grußworten und im Impulsreferat viel Richtiges zur Sicherung der Forstwirtschaft gesagt wurde, dass aber die Praxis bei der personellen Nachhaltigkeit, der nachhaltigen Personalentwicklung und der Bildung oft anders aussieht. „Schöne Worte reichen nicht, es fehlen Taten und Konzepte. Bereits heute müsste klar sein, welches Personal in zehn oder 15 Jahren benötigt wird, und was in die Ausbildung investiert werden muss“, so Arno Heilemann.

Die Personalentwicklungskonzepte, die unter Mitarbeit der IG BAU in Hessen und Rheinland-Pfalz vereinbart wurden, schaffen zumindest in diesen Bundesländern Klarheit auf diesem Gebiet, erklärten die Forstchefs Michael Gerst und Dr. Jens Jacob. „Die politisch motivierten massiven Stellenstreichungen der vergangenen Jahre waren nicht durchdacht. Man hat billigend in Kauf genommen, dass die freiwerdenden Kapazitäten durch externe Dienstleister ersetzt werden, die teilweise zu einem Lohn arbeiten, der das Wort Mindestlohn nicht verdient“, kritisierte Peter Martens aus Niedersachsen. In Brandenburg sollen in den nächsten sechs Jahren 50 Prozent der Stellen im Landesforst wegfallen.

„Wir haben der SPD-Fraktion klar gesagt, dass die IG BAU für eine solche Maßnahme nicht zur Verfügung steht. Jeder Arbeitsplatz, der im Forst verloren geht, ist ein Arbeitsplatz, der im ländlichen Raum der Bundesrepublik verschwindet“, hob Jörg Müller aus Brandenburg hervor. Er mahnte eindringlich davor, die großen Forstverwaltungen aufzuspalten. Mit diesem Irrweg schütte man das Kind mit dem Bade aus.

„Arbeitsplätze gehen auch durch die Konkurrenz auf der Unternehmerseite verloren“, machte Elmar Seizinger deutlich. „Wenn jemand wesentlich geringere Löhne zahlt, dann ist das natürlich eine wunderbare Option für einen Forstbetrieb, Kosten zu sparen. Da wünsche ich mir vonseiten des FSC eine gemeinsame Anstrengung der Landesforstbetriebe und der Verbände, damit der Unternehmer genauso wie der Forstwirt entlohnt wird.“

Georg Deeken aus Niederachsen unterstützte diesen Gedanken. „Es wäre doch nachhaltig, wenn Unternehmer genauso behandelt würden, wenn man gemeinsam die Kräfte bündelte und auf dieser breiten Basis auch was erreichen könnte.“ Das müssten die anderen Beteiligten auch verstehen.

Miteinander mehr erreichen

„Verstehen beginnt damit, dass man nicht übereinander, sondern miteinander redet. Das ist mitunter nicht leicht, aber notwendig. Wir konnten einen weiteren Schritt in Richtung Dialog gehen. Bei einem Miteinander erreicht man mehr als bei einem Gegeneinander“, stellte Harald Schaum am Ende des öffentlichen Teils dieser Veranstaltung fest und weist darauf hin, dass das von der IG BAU erarbeitete Konzept „Team statt Hierarchie“ immer mehr Beachtung findet.

Ein Beitrag unseres Kollegen Klaus Gabor.