Sunrise 2016


Auf der Flucht


© Matthias Voigt
28.05.2016
Obwohl bei dem einen oder anderen die Nacht etwas kürzer ausgefallen sein dürfte, starteten die Workshops am dritten Tag des Sunrise Festival 2016 pünktlich. Das diesjährige Motto der Junge BAU-Veranstaltung lautet „Refugees welcome“. Genau das stand an diesem Samstag im Mittelpunkt.

Der Atem stockte den Zuhörern im Raum „Sophie Scholl“, als Taha Sif Eddin von seiner Flucht aus Syrien berichtete. Beim Spazieren durch seinen Wohnort war er plötzlich und ohne Anlass von Soldaten verhaftet und in ein Gefängnis gesteckt worden. „In den ersten vier Tagen habe ich kaum etwas zu essen bekommen“, berichtete er. Insgesamt 30 Tage musste der junge Mann in der Haftanstalt verbringen, bis er ohne ein Wort des Bedauerns wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Schrecklich sei die Zeit im Gefängnis gewesen, sagte Taha Sif Eddin, aber auch lehrreich. „Ich musste schnell erwachsen werden. Kino, Freunde und Freizeit - alles schön und gut. Aber es gibt mehr als nur das.“ Er beschloss, aus seiner Heimat zu fliehen. Mit einem völlig überfüllten Flüchtlingsboot schaffte er es bis auf die griechische Insel Samos. Von dort verschlug es ihn nach Deutschland. „Ein Neuanfang ist nicht nur schön, sondern auch schwierig. Vor allem gibt es die Herausforderung, die deutsche Sprache zu lernen.“ Vor dem eindrucksvollen Bericht von Taha Sif Eddin hatte Christopher Wieprecht die politische und kulturelle Situation in Syrien beleuchtet.

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Taha © Matthias Voigt

Im Nachbarraum der Bildungseinrichtung der IG BAU in Steinbach am Taunus erklärte die Christliche Arbeiterjugend (CAJ), wie sie sich an der Seite der Gewerkschaften dafür stark macht, dass Flüchtlinge in Deutschland menschenwürdig leben können. Auch hier half ein praxisnahes Beispiel, zu verstehen, wie schwierig es Flüchtlingen zum Teil gemacht wird, in Deutschland Fuß zu fassen. Mahnaz Youzbashi hatte in Afghanistan in der Schule drei Klassen übersprungen, ihr Abitur bereits in der Taschen und das Studium der Zahnmedizin begonnen. Sie floh nach Deutschland, hatte aber ihre Dokumente verloren. Also wurde sie wieder eingeschult, in die achte Klasse. „Es ist eine unsichere Situation. Ich weiß nicht, ob ich bald wieder von vorne anfangen muss, oder ob ich weitermachen kann“, schilderte die mittlerweile 21-Jährige. Denn, wenn sie voraussichtlich in einem Jahr ihren Schulabschluss besteht, kann sie ihren Aufenthalt in Deutschland beantragen. „Meine Familie kann dies aber nicht“, sagte Mahnaz Youzbashi. Ob und wann es zu einer Wiedervereinigung mit ihren Angehörigen kommt, steht in den Sternen.

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Im dritten Workshop schließlich machte Denny Carsten Wirth von der IGay BAU auf die Problematik von Homosexualität und Flüchtlingen aufmerksam. Er behandelte zudem das Thema „Homophonie am Arbeitsplatz“.
Keinen Vortrag, dafür aber einen Film bekamen die Teilnehmer des Sunrise Festival am Nachmittag zu sehen. In der Dokumentation „Blut muss fließen“ von „FilmFaktum“ wurde deutlich, wie man gegen rechtsradikale Tendenzen vorgehen kann. Der Film zeigte das Ergebnis jahrelanger Undercover-Recherchen im konspirativen Milieu von Rechtsrock-Konzerten in Deutschland.
Aber nicht nur ernst ging es am Samstag zu, sondern auch kreativ und sportlich. Ivo beeindruckte mit seinen Graffitikünsten und begeisterte einige Teilnehmer beim Sprayer-Workshop. Auf einem überdimensionalen Fußballfeld in einer Hüpfburg konnten sich die Sunrise’ler*innen mächtig austoben. Das Team Hechendorf setzte sich am Ende gegen die Konkurrenz durch. Nur das Wetter ließ gegen Abend hin ein wenig nach. Doch das konnte das Gesamtbild des Sunrise Festival 2016 keineswegs trüben.

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Carsten Burckhardt sagte in seiner Dankesrede: „Refugees welcome ist nicht nur hohles Geschwätz, sondern wir haben in den vergangenen Tagen gezeigt, wie man es mit Leben füllen kann. Wir haben es erlebt und gelebt.“ Nun liege es an den rund 200 Teilnehmer*innen, den Solidaritätsgedanken in ihre Betriebe und Freundeskreise zu tragen und für eine offene, friedliche Welt zu werben und einzustehen.
Die Partynacht wurde danach von den „Bourbon Bastards“ eingeläutet, die sich dem Truck’n’ Roll verschrieben haben - einer Musikrichtung, die das Beste aus allen Genres herauszieht und zusammenpackt. Bunt ging es nicht nur bei den Musikstilen zu, sondern auch auf der Tanzfläche.

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