Senioren


"Aus der Geschichte nichts gelernt? Rechtsradikalismus erkennen und begegnen"

Senioren-Seminar in Weimar


© IG BAU (Robert Schneider)
14.11.2013
Aus dem gesamten Bundesgebiet nahmen 20 Vorsitzende oder Mitglieder der Bezirksseniorenvorstände an einem Seminar in Kooperation mit dem Arbeitnehmerzentrum Königswinter (AZK) teil, das im November 2013 in Weimar stattfand. Die Stadt in Thüringen ist nicht nur der Ort der Weimarer Klassik, wo Herder, Goethe und Schiller wirkten, sondern auch ein Ort der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer Verbrechen gewesen

Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald ist ein erschreckender Tatort für die menschenfeindliche Politik der NS-Schergen. Fast nirgendwo in Deutschland liegen Hochkultur und Barbarei so eng beieinander wie in Weimar.
Die Veranstaltung fand in zeitlicher Nähe zum Jahrestag der „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938, also vor fast genau 75 Jahren statt.

Das Seminar wurde im Bildungszentrum „Jakob-Kaiser-Haus“ durchgeführt. Aufgrund seiner Lage in der Nähe des Zentrums der Stadt Weimar konnten einige Exkursionen in das Tagungsprogramm integriert werden. Lebendig wurde die wechselvolle Geschichte für die Seminarteilnehmer durch eine thematische Stadtführung „Weimar unter dem Hakenkreuz“, durch einen Besuch im Stadt-Museum und insbesondere durch einen Tag in der Gedenkstätte Buchenwald.

Darüber hinaus gab es aktuelle Informationsvorträge zu verschiedenen Aspekten des Rechtsextremismus in Deutschland. Ein Referent des Thüringer Verfassungsschutzes wies darauf hin, dass der Rechtsextremismus derzeit die Hauptgefahr für die Sicherheit in der Bundesrepublik darstellt. Rechtsextremistische Parteien, wie z.B. die NPD, Neonazis, rechte Musik-Gruppen oder rechtsgerichtete Aktivitäten im Internet sind nur einige Beispiele dafür. Die Ursachen, warum insbesondere Jugendliche rechtsextremistisch werden, sind vielfältig. Der Referent stellte anhand von verschiedenen wissenschaftlichen Studien (z. B. dem „Thüringen-Monitor“, Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung und der „Bertelsmann-Stiftung“) klar, dass rechtsextreme Einstellungen keine Randerscheinung mehr sind, sondern bis in die Mitte unserer Gesellschaft reichen. In vielen Bereichen gibt es z. B. ein hohes Maß an Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus oder eine „Islam-Phobie“. Diese Einstellungen können der „Nährboden“ für eine Radikalisierung sein, d.h. von der Meinung bis zur Tat, auch zur kriminellen Tat, ist es oft nur ein kurzer Schritt.

Der Rechtsextremismus hat sich in den letzten Jahren verändert. Sein Erscheinungsbild ist moderner geworden. Rechtsextremisten verfolgen eine „Verharmlosungs- oder Verbürgerlichungsstrategie“. Die eher unauffällige Kleidung mit Anzug und Krawatte darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich bei diesen Personen weiterhin um gefährliche Rassisten mit einer menschenfeindlichen Ideologie handelt, die auch vor Gewalttaten und Kriminalität nicht zurückschrecken.

Um Jugendliche zu gewinnen, bieten Rechtsextremisten eine besondere Erlebniswelt an: Musik, Konzerte, Familienfeste, Ferienlager, Fackelmärsche usw. dienen dazu, Jugendliche zunächst für den Einstieg in die rechte Szene zu interessieren, um sie dann - Schritt für Schritt - zu Aktivitäten und zu Straftaten zu mobilisieren.

Rechtsextremismus hat auch soziale und ökonomische Ursachen, wie z. B. eine lang anhaltende Arbeitslosigkeit, fehlende soziale Gerechtigkeit und persönliche Unzufriedenheit in der Arbeitswelt. Vor diesem Hintergrund ist ein gesamtgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus von besonderer Bedeutung. Die Teilnehmer des Seminars brachten viele Beispiele dafür, wie auch die IG BAU Seniorinnen und Senioren seit je her zivilgesellschaftliche Aktivitäten gemeinsam mit den demokratischen Parteien, den Kirchen und anderen Akteuren unterstützen und Ihre langjährigen Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Gewerkschaftsarbeit im Kampf gegen Rechtsextremismus mit einbringen. Alle waren sich darin einig, dass mit diesem Engagement gegen Rechts nicht nachgelassen werden darf.

Die Referenten wiesen auch darauf hin, dass der Rechtsextremismus nicht nur eine Gefahr innerhalb Deutschlands, sondern ein weltweites Problem darstellt. So gibt es innerhalb Europas Vernetzungen rechtsextremer Parteien. Daher sollte die kommende Europa-Wahl am 25. Mai 2014 gerade auch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ernst genommen werden. Mit der Stimmabgabe für demokratische Parteien kann wirksam verhindert werden, dass rechtsextreme Parteien aus Deutschland sich in Europa weiter festigen.

Ein Beitrag unserer Kollegin Eva-Maria Pfeil.

Bei der Stadtführung in Weimar mit Karsten Matthis, Geschäftsführer der Stiftung Christlich-Soziale Politik e.V. (zweiter von links) © IG BAU (Robert Schneider)
Auf dem Weg zur Ausstellung "Rückblick auf eine gescheiterte Weimarer Republik" im Weimarer Stadtmuseum mit Thomas Schulz, Mitarbeiter des Thüringer Verfassungsschutzes, (siebter von rechts) © IG  BAU (Robert Schneider)
Tor zur Gedenkstätte Buchenwald © IG BAU (Robert Schneider)
In Buchenwald © IG BAU (Robert Schneider)
Unterwegs in der Gedenkstätte © IG BAU (Robert Schneider)