Bauhauptgewerbe


Bau-Tarifverhandlungen 2016: Schon zu Anfang völlig anders


Ingo von Scheffer © Wilstedt/zplusz
14.10.2016
Vier Runden und zuletzt 14 Stunden hatte es gedauert – dann hatten sich IG BAU und Arbeitgeber im Mai geeinigt. Beinahe fünf Prozent sollen die Beschäftigten der deutschen Baubranche in den nächsten beiden Jahren mehr verdienen. "Die Kelle" (GBR-Newsletter von Züblin) hat dazu Ingo von Scheffer, Betriebsratsvorsitzender der Züblin Direktion Ingenieurbau Nord und Mitglied der Verhandlungskommission, nach seinen Eindrücken zur diesjährigen Verhandlungsrunde befragt.

Kelle: Hallo Ingo, Du warst dieses Jahr wieder bei der Verhandlungskommission der IG BAU bei den
Tarifverhandlungen im April und Mai dabei?
Ingo von Scheffer: Ja, seit Ende 2004 bin ich als ehrenamtliches Mitglied bei den Tarifverhandlungen dabei.

Und war es dieses Jahr schwieriger?
Keine dieser Tarifrunden war einfach.

Wie läuft denn so eine Verhandlung überhaupt ab?
Im Gegensatz zu allen vorherigen Verhandlungen war es in diesem Jahr schon zu Anfang völlig anders. Bisher war es so, dass die Arbeitgeber – nachdem unser Verhandlungsführer unsere Forderungen mit den dazugehörigen Begründungen vorgetragen hat – uns im Gegenzug eine Liste mit ihren Forderungen präsentiert haben. Und genau das haben sie diesmal nicht getan, sondern nur ganz klar gesagt, was nicht geht und dass es aus ihrer Sicht nur eine reine Lohn- und Gehaltsrunde sein soll. Und damit war auch schon der erste Verhandlungstag so gut wie vorbei.

Und wie gingen die Verhandlungen dann weiter?
Die zweite Runde am 5. April – ich sag das mal so platt - hätte auch ausfallen können, denn am Ende des Tages waren wir nach „fruchtlosen“ Diskussionen nicht ein winziges Stück weiter als am ersten Tag.
Erst am dritten Verhandlungstag kam es kurz vor einer weiteren Vertagung doch noch zu einem Angebot der Arbeitgeber, sowohl in Bezug auf den Lohn/das Gehalt und die Azubi-Vergütung, als auch auf die Gestellung der Unterkunft (BRTV § 7).
Alle weiteren Forderungen, wie z. B. die Bezahlung des 24. und 31.12. für die gewerblichen Kolleginnen und Kollegen, oder auch die Kostenübernahme der Reise/Unterbringungskosten bei weit entfernten Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten für die Azubis wurden grundsätzlich abgelehnt.

Wie war deine Reaktion auf die ersten Angebote der Arbeitgeberseite?
Das, was angeboten wurde, führte in unserer Verhandlungskommission auch zu einer Diskussion über ein Scheitern der Verhandlungen. Was aber letztendlich verworfen wurde, um es stattdessen noch einmal in einer vierten Runde zu versuchen.

Jetzt kam die Arbeitgeberseite aber mit vernünftigen Angeboten an den Tisch?
Nein – wie befürchtet waren die Arbeitgeber wieder nicht bereit, sich auch nur einen „Zentimeter“ zu bewegen. Sodass wir am Abend, nach einem langen Tag schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Bis schließlich unser Verhandlungsführer Dietmar Schäfers ein finales Gespräch mit der gesamten Arbeitgeber-Verhandlungskommission als letzte Möglichkeit gesehen hat, um doch noch einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden.

Hast du am Ende noch an eine Einigung geglaubt?
Doch, immer und notfalls auch mit einem Streik. Aber diese „Brandrede“, so hat es der Kollege und IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Carsten Burckhardt genannt, hat schließlich dazu geführt, dass sich die Arbeitgeber doch noch bewegt haben und ganz am Ende ein Tarifvorschlag vereinbart werden
konnte.

Du hast die Möglichkeit von Streiks erwähnt. Wie habt ihr die Streikbereitschaft eingeschätzt und ward Ihr mit der Unterstützung durch die Mitglieder zufrieden?
Es hat viele tolle Aktionen auf den Baustellen, in den Betrieben und vor den Palästen der Arbeitgeberverbände gegeben. Die Information der Kolleginnen und Kollegen war noch nie so hautnah wie diesmal - auch mit den neuen Medien und im Internet. Ich glaube, diesmal wäre sehr viel möglich gewesen.

Soweit ist es ja nicht gekommen.
Das Ergebnis steht ja nun fest, nachdem letztendlich alle Beteiligten bis zum 10. Juni zugestimmt haben. Infos dazu für Gewerkschaftsmitglieder kostenlos von ihrem Regionalbüro, für alle anderen nachzulesen in der „Tarifsammlung für die Bauwirtschaft“.

Bist Du mit dem zufrieden, was Ihr für die Beschäftigten in der Baubranche erreicht habt?
Persönlich bin ich mit dem Ergebnis nicht so zufrieden. Auslösung und Unterkunft sind bei Züblin kein Streitthema. Aber ich denke, bezogen auf alle Kolleginnen und Kollegen im Bauhauptgewerbe, ist uns wieder einmal mehr ein Tarifvertrag gelungen, der sich wirklich sehen lassen kann.
Und beim Verpflegungszuschuss können wir ja nachverhandeln. Auf jeden Fall ist so eine Tarifverhandlung - und ganz besonders die von 2016 - nicht gerade „vergnügungssteuerpflichtig“.