E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Das unternehmerische Wir und Anforderungen an Betriebsräte, Gewerkschaften und Beschäftigte

Viertes Steinbacher Forum, 10. September 2016

Reinhard Alff zeichnet
Reinhard Alff zeichnet © IG BAU
14.09.2016
Das vierte STEINBACHER FORUM „Das unternehmerische Wir und Anforderungen an Betriebsräte, Gewerkschaften und Beschäftigte“ beschäftigte sich dieses Jahr mit dem Thema indirekter Steuerung. Der Begriff „indirekte Steuerung“ versucht die Ursachen für die Veränderungen der Arbeitswirklichkeit zu fassen

Verdichtete Arbeitsprozesse, mehr Stress, Druck und die Vermischung von Privat- und Arbeitsleben sind ebenso Teil davon wie auch mehr Selbstbestimmung in den Aufgaben, flexible Arbeitszeiten oder der Wunsch nach sinnstiftenden Tätigkeiten.

Der Philosoph Stephan Siemens setzt sich seit den 1990er Jahren mit indirekter Steuerung auseinander. Im ersten Teil der Veranstaltungen beschrieb er, was indirekte Steuerung ist und wie sie funktioniert. Wesentlicher Kern indirekter Steuerung ist es, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Produktivität der Beschäftigten zur vollen Entfaltung kommen kann. Und das scheint zu funktionieren, denn die Produktivität der Beschäftigten hat in den letzten zwanzig Jahren um mehr als 30 Prozent (destatis, 30.4.2012) zugenommen.

Anstatt klarer Anweisungen erhalten Beschäftigte relativ große Freiräume, um sich selbst zum Ziel zu führen oder sogar ihre Ziele selbst zu erarbeiten. Vorgesetzte übernehmen hauptsächlich die Aufgabe, zu kontrollieren, ob die Ziele (z. B. Gewinnsteigerung, Produktentwicklung, Absatzsteigerung, Objekte geschafft etc.) auch erreicht wurden. Wie sie erreicht werden, interessiert ihn / sie im Zweifelsfalle nicht.

Konkurrenzsituationen, Märkte, verfügbare Personalressourcen oder Zielvorgaben dienen dazu, die Kreativität und Problemlösungskapazitäten von Belegschaften hervor zu kitzeln. Damit versuchen Unternehmen, dass ArbeitnehmerInnen sich von selbst mit dem Unternehmenszweck identifizieren und von selbst das tun, was für das Unternehmen gut ist. Dass damit ein Produktivitätszuwachs zustande kommt, klingt logisch. Denn wer kennt nicht das Phänomen, dass man mehr schafft und mit mehr Elan bei der Sache ist, wenn man den Eindruck hat, dass das was man tut, sinnvoll ist und man mitreden kann.

Damit unterstreicht Siemens das Neuartige in der heutigen Lohnarbeit: Beschäftigte, also wir selbst, erarbeiten uns die gesellschaftliche Bedeutung unserer Arbeit selbst. Wir müssen uns selbst mit dem Markt auseinandersetzen. Das was früher einmal die Aufgabe des Unternehmers war, wird jetzt vom „(unternehmerischen) Wir“ – den Beschäftigten gemeinsam – erledigt.

Nach Stephan Siemens ist das erstmal nicht schlecht. Schließlich kommen damit einher auch verschiedenste neue Freiheiten für ArbeitnehmerInnen. Doch die Frage dabei, die sich jede und jeder stellen muss, ist: Wofür werden diese neuen Freiheiten genutzt? Um Arbeitsbedingungen und unser Leben zu verbessern oder allein um Gewinne des Unternehmens zu steigern? Werden diese Fragen nicht gestellt, geht die indirekte Steuerung klar zu Lasten des Privatlebens und der (psychischen) Gesundheit.

An dieser Stelle ist es unerlässlich, sich über die Veränderungen im Betrieb und über die Vorgänge indirekter Steuerung bewusst zu sein. „Diese Aufgabe können nur Gewerkschaften übernehmen.“, so Siemens.

© IG BAU
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Nach Abschluss seines Philosophiestudiums beschäftigte Stephan Siemens sich intensiv in einem interdisziplinären Projekt mit den Veränderungen der Organisation der Arbeit.

© IG BAU

Im zweiten Teil des Steinbacher Forums stellte Franz Uphoff, Bildungsreferent in der Bildungsstätte Steinbach, die weiterentwickelte Bildungsstrategie der IG BAU für Betriebsräte vor. Denn gerade Betriebsräte sind diejenigen, die mit den Folgen der indirekten Steuerung in ihrem eigenen Unternehmen konfrontiert sind. Und das meist in einer Zwischenposition, in der sie nicht nur der ArbeitgeberIn gegenüber stehen sondern auch ihren KollegInnen, die freiwillig auch den Samstag zum Arbeiten nutzen, damit sie ihren Auftrag schaffen – weil sie ihn schaffen wollen.

Angesichts der immer zügiger wechselnden Bedingungen in der Arbeitswelt und des steigenden Wettbewerbsdrucks, hilft es weniger, als Betriebsrat nur einzelne Fälle von KollegInnen zu lösen. Denn hier ändert sich die Rechtslage ständig. Und nur weil ein Kollege nun besser eingruppiert ist, heißt es nicht, dass grundsätzlich alle Beschäftigten des Betriebs ebenso faire Entgelte erhalten. Es geht vielmehr darum, längerfristige Strategien und Ziele zu verfolgen.

Drei VertreterInnen aus Betriebsräten der IG BAU Branchen berichteten von ihren Erfahrungen im neu gefassten Betriebsräteseminar und wie das neue Wissen in ihren Betrieben ankommt. Als wesentliche Herausforderungen nannten sie vor allem, dass es schwierig ist, gegenüber den KollegInnen verständlich zu machen, worin die Krux in der indirekten Steuerung liegt.

Die Arbeit für den Betrieb ist so stark zum Selbstverständnis von Beschäftigten geworden, dass es schwer fällt die Interessen von ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn noch klar zu unterscheiden. Auch hier zeigt sich das „unternehmerische Wir“. „Der Interessensgegensatz zwischen Kapital und Arbeit wird als solcher gar nicht anerkannt. Kein Chef mehr und Beschäftigte – nur noch Wir.“, fasst es Carsten Burckhardt, Mitglied im Bundesvorstand der IG BAU.

Es wurde auch klar, dass indirekte Steuerung nicht nur in großen Unternehmen im Dienstleistungssektor oder in höher qualifizierten Bereichen stattfindet. Auch in kleinen und mittleren Betrieben, ob im Baustoff oder in der Gebäudereinigung, überall finden sich Hinweise darauf. Sei es das Whiteboard, das zeitecht die Marktpreise für die Materialien oder die Gewinne anzeigt oder erhöhter Ansporn durch Personalabbau. Die verbleibenden Mitarbeiter holen Höchstleistungen aus sich heraus. Denn die Arbeit muss ja gemacht werden.

Während des Steinbacher Forums fing der Zeichner, Reinhard Alff, die Diskussionen in Bildern auf. Damit machte er die Auswüchse indirekter Steuerung deutlich. Ein selbstironisches Schmunzeln blieb da nicht aus.

Die Referate werden in der Begleitbroschüre Steinbacher Forum zum Nachlesen nochmal aufgegriffen.

Das nächste Steinbacher Forum wird das Thema von einem anderen Blickwinkel aufgreifen. Es findet am 13. Mai 2017 statt.

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Betriebsräte im Gespräch mit Franz Uphoff © IG BAU