Junge BAU


"Eigentlich wollen wir nur in Frieden leben"

Die Ukraine – ein Erfahrungsbericht

Volksfestähnliche Stimmung auf dem Maidan
Volksfestähnliche Stimmung auf dem Maidan © IG BAU (Christian Beck)
02.06.2014
Eigentlich wollte ich nur einen Freund besuchen. Die meisten Menschen waren fassungslos: „Echt, da willst du hin? Da ist es doch so gefährlich und bald bricht der Krieg aus.“ Als ich kurz nach Ostern in Kiew angekommen bin, habe ich etwas anderes erlebt. Der Maidan in Kiew ist noch immer gesäumt mit Barrikadenresten, Zelten und Gedenkorten. Einige gedenken dort Menschen, die bei den Protesten ums Leben kamen. Andere patrouillieren stolz in Uniform über den Platz. Eine Funktion haben sie wohl nicht.

Aber es scheint gerade „in“ zu sein, Tarnfleck und selbst designte Abzeichen zu tragen. Das kenne ich von meinen Besuchen in Russland vor Jahren. Man trifft auf Angehörige des „Rechten Sektors“, aber auch auf ganz normale Studenten, Mütter, Väter und Gewerkschafter. Ein buntes Treiben auf einem Platz und einer Hauptverkehrsader, die eher an ein revolutionäres Volksfest erinnert. Manche Demonstranten kampieren noch in Zelten.

Das Gewerkschaftshaus war bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren durch große LCD-Tafeln hell erleuchtet. Nach dem Brandanschlag baumelt noch immer die verkohlte Weihnachtsdeko im Wind. Das Gebäude ist ein Totalschaden – Menschen sind ums Leben gekommen. Irgendwie wirkt das auf mich gespenstisch. Dieses bunte Treiben an einem so dramatischen Ort und im Hintergrund dieses graue, vom Feuerqualm schwarz gezeichnete Gewerkschaftshaus. Der Anschlag wird den Sicherheitskräften der Janukowitsch-Regierung zugeschrieben. Das Haus soll wieder aufgebaut werden; ohne Spenden wird das nicht gehen.

Ausgebrannt: das Gewerkschaftshaus in Kiew. Nach dem Brandanschlag ist es nicht mehr nutzbar. © IG BAU (Christian Beck)

Ausgebrannt: das Gewerkschaftshaus in Kiew. Nach dem Brandanschlag ist es nicht mehr nutzbar. © IG BAU (Christian Beck)

Die Händler haben ihr Sortiment angepasst. Bilder von den Maidan-Protesten dominieren das Angebot. © IG BAU (Christian Beck)

Die Händler haben ihr Sortiment angepasst. Bilder von den Maidan-Protesten dominieren das Angebot. © IG BAU (Christian Beck)

Vergleiche zwischen der EU und der Ukraine werden angestellt. © IG BAU (Christian Beck)

Vergleiche zwischen der EU und der Ukraine werden angestellt. © IG BAU (Christian Beck)

Die Stadt geht ihrem Alltag nach. Auf dem Michaelsteig ist voller Betrieb – wie immer. © IG BAU (Christian Beck)

Die Stadt geht ihrem Alltag nach. Auf dem Michaelsteig ist voller Betrieb – wie immer. © IG BAU (Christian Beck)

Barrikadenreste am Maidan. © IG BAU (Christian Beck)

Barrikadenreste am Maidan. © IG BAU (Christian Beck)

Barrikadenreste werden auch als Andachtsstätten genutzt. © IG BAU (Christian Beck)

Barrikadenreste werden auch als Andachtsstätten genutzt. © IG BAU (Christian Beck)

Die Cafés ringsherum haben geöffnet. Schwer vorstellbar, dass das auch während der Proteste so war. Die Bilder, die wir hierzulande gesehen haben, lassen das kaum vermuten. Sogar Banken sollen ihren Geschäften nachgegangen sein. In den Straßen verkaufen Händler Andenken. Blau-gelbe Schleifen, die obligatorischen Holzlöffel und Kühlschrankmagneten. Sie haben sich angepasst, das Sortiment auf die Proteste ausgerichtet. Bilder von brennenden Barrikaden oder der protestierenden Menge, aber auch von der Sängerin Ruslana gibt es genauso wie die Bilder von Kosaken.

Das Säulentor kurz vor dem Dynamo-Kiew-Stadion strahlt wieder in leuchtendem Blau. Bereits wenige Stunden nach den Protesten wurde hier angefangen, es von den Brandspuren zu reinigen. Der Vorsitzende der Ukrainischen Baugewerkschaft, Vasyl Andreyev, erzählt, dass die Statue eines legendären Trainers bei Beginn der Auseinandersetzungen sauber verpackt wurde. Von demonstrierenden Fußballfans und den Sicherheitskräften. Gegenüber wirbt ein Plakat für ein bald stattfindendes Konzert der deutschen Band "Guano Apes" in Kiew. Bis auf die noch verbliebenen, sauber für den Abtransport aufgeschichteten Pflastersteinen erinnert nichts mehr an die gewaltsamen Proteste vor wenigen Monaten.

Auch der Rest der Stadt geht unaufgeregt seinem Alltag nach. Die Touristenattraktionen ziehen Menschen an und auch einige Touristengruppen sind in der Stadt. Die Kleinkunsthändler am Andreassteig haben geöffnet und bieten ihre Waren feil. Auch die Matroschkas mit Putin-Konterfei sind dabei. Bestseller sind sie nicht mehr. Trotzdem ist vieles anders. Die Währung kriselt, viele Waren sind teurer geworden.

Die Menschen hoffen auf ein besseres Land. Vergleiche werden angestellt, wie viele Kilometer Autobahnen es in der Ukraine und der EU gibt. Viele warteten auf die Präsidentenwahlen am 25. Mai. Gleiches habe ich von den Menschen aus dem Osten des Landes erlebt. Auch sie versprechen sich ein besseres Land. Die Menschen in den Fabriken fürchten um ihre Jobs. Schließlich kommt die Mehrzahl der Aufträge aus dem Land im Osten.

Ich habe intensive Gespräche mit Gewerkschaftern aus Kiew und der Donbass-Region geführt. Freundliche Gespräche. Die Alltagsprobleme der Beschäftigten gehen sie noch immer zusammen an. „Eigentlich wollen wir nur in Frieden leben“, sagen sie. Trotzdem werfen die Konflikte ihre Schatten voraus.

Auf die Frage, ob es zum Krieg mit Russland kommen kann, sagt mein Bekannter, er hoffe es nicht. Allerdings fänden Charity-Galas statt, um für die Armee Uniformen und Waffen zu beschaffen. Wirkliche Chancen auf einen Sieg rechnet sich hier freilich niemand aus. Aber mit einem Krieg rechnen, das tun offensichtlich weniger Ukrainer, als es Politiker tun. Beruhigend. Trotzdem klingt das nicht nach Entwarnung. Vor knapp zwei Jahren wurde in der Ukraine noch die EM ausgetragen. Jetzt nehmen gerade Politiker das Wort "Krieg" wie selbstverständlich in den Mund. Erschreckend.

In den Gesprächen mit Menschen aus Ost und West wird bald klar: Jeder wirft jedem etwas vor. Aber auch das fällt auf: wirklich umfassend informiert sind die Wenigsten. Weder in Deutschland noch in der Ukraine – weder im Westen, noch im Osten.
 
Der Vorwurf, dass alle Unterstützer der Maidan-Proteste, der Übergangsregierung oder der Wahlen im Mai Faschisten seien, ist dämlich und für die Betroffenen mehr als verletzend. Unsere Leitmedien, aber auch die aus dem linken Lager, sind wohl leider nicht immer so reflektiert und neutral, wie sie gerne behaupten. Das zeigen mir die Gespräche mit den Gewerkschaftern aus Ost und West. Vermutlich lassen sich die Ereignisse hier auch nicht in wenigen Schlagsätzen auf den Punkt bringen.

Eine wirklich linke Opposition gibt es indes nicht. Auch, weil diese unter Janukowitsch deutlich mehr Repressionen ausgesetzt war als die Rechten. Einer der Gründe mag sein, dass man damit die Opposition generell mit Rechten gleichsetzen konnte. Eine gute Strategie, um Reformen und die Stärkung oppositioneller Kräfte gesamtgesellschaftlich zu verhindern.

Auch Gewerkschaften sind noch nicht soweit, dass sie einen umfassenden Plan für einen Neubau der Ukraine hätten. Bei den aktuellen Entwicklungen im Osten sind auch Gewerkschafter beteiligt. Auf beiden Seiten.

Zum Zeitpunkt meines Besuchs waren diese Entwicklungen sicherlich abzusehen. Daran geglaubt haben sicherlich nicht viele. Doch während es keine linke, gestaltende Opposition gibt (auch nicht im Osten des Landes), stehen wichtige Entscheidungen an. Meine Gesprächspartner sagen, es brauche dringend Geld von internationalen Partnern. Aber auch den eher Europa Zugeneigten ist klar, dass die Konditionen des IWFs für Hilfe brutal sind. Mit Blick auf Griechenland fürchten sie für die Ukraine und deren inneren Frieden das Schlimmste. Hilfe aus Russland erwarten nur diejenigen aus dem Osten des Landes. Aber wie sie aussehen kann, wissen sie auch nicht. Lediglich eines ist für sie klar - dass es diese Hilfe nur für den Osten geben kann. Keine wirklich guten Voraussetzungen für ein geeintes Land.

Die Situation ist also nicht so eindeutig, wie wir es gerne hätten. Vorschnelle Urteile plumpes Nachplappern von Berichterstattungen oder das Verfallen in alte Muster sollte man also tunlichst vermeiden.

Die Junge BAU bemüht sich im Moment darum, den Vorsitzenden der Ukrainischen Baugewerkschaft zum Sunrise-Festival zu bekommen. Vielleicht hilft das, die Situation leichter zu verstehen: Mit Infos und Diskussionen aus erster Hand. Zugesagt hat er schon, aber ob er wirklich da sein wird, hängt auch von der Situation in der Ukraine ab.

Ein Beitrag unseres Kollegen Christian Beck.

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