Deutschland, das Land der Vorschriften: „Durchgang mit Arbeitsschuhen verboten“ – das Schild im Vorraum des Nürnberger Bauindustrie-Zentrums ist eines der ersten Dinge, die die Bauarbeiter aus Palästina in Deutschland sehen. Die Sicherheitsschuhe müssen bei der Arbeit zwar getragen werden, aber eben nur in der Werkhalle.
Verbindliche Regeln für alle kommen bei den sechs Männern zwischen 19 und 28 Jahren, die sich auf Einladung der IG BAU in Nürnberg qualifizieren, gar nicht schlecht an. „Niemand steht über dem Gesetz“, stellt Mahmoud Maraaba fest. Er und seine Kollegen erkennen, dass die Vorschriften einen Sinn haben. Baunormen etwa sichern Qualität. „Drei Reihen Steine müssen immer 25 Zentimeter hoch sein“, hat Maraaba schon gelernt. „Bisher habe ich ungenauer gearbeitet.“ Ebenso ist er von der Arbeitssicherheit beeindruckt. So etwas wie Hörschutz kennen die Palästinenser auf ihren heimischen Baustellen nicht.
Ebensowenig gibt es in Palästina eine Ausbildungsordnung. Die Teilnehmer des IG BAU-Projekts haben ihre Kenntnisse auf dem Bau so gelernt, wie es in ihrer Heimat üblich ist: vom Vater, von Verwandten, Freunden. In den acht Wochen, die die Palästinenser in Nürnberg zu Gast sind, unternehmen sie einen Streifzug durch die dreijährige Ausbildung von Bauarbeitern, wie sie sich in Deutschland bewährt hat.
Neben den allgemeinen Grundlagen des Berufs lernen sie moderne Techniken im Mauerwerks-, Schalungs- und Straßenbau sowie im Rohrleitungs- und Kanalbau. An jeder dieser vier Stationen erhalten sie zwei Wochen lang von den Ausbildern des Nürnberger Bauindustrie-Zentrums Unterricht. „Ausbildung ist die Voraussetzung für Entwicklung“, sagt der Stellvertretende IG BAU-Bundesvorsitzende Robert Feiger. Für die IG BAU habe jeder junge Mensch das Recht auf eine qualifizierte Ausbildung und auf gute Arbeit. „Wir wollen die jungen Bauarbeiter unterstützen, damit sie trotz der schwierigen politischen Bedingungen in ihrer Heimat ihre berufliche Zukunft meistern und eine Perspektive für ihr Leben sehen“, fasst Feiger das Ziel der Initiative zusammen.
„Das Projekt ist ein erster kleiner Schritt, der aber viel Zuversicht stiftet“, sagt Ambet Yuson, Generalsekretär der Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI). Hoffnung auf eine veränderte Gesellschaft sei in Palästina das Wichtigste. Er plädiert dafür, auch künftig Palästinenser bei der Berufsqualifizierung zu unterstützen, wenn möglich direkt in ihrem Land.
Die jungen Palästinenser erkennen zwar die Chancen, die sich ihnen durch die Weiterbildung bietet, sehen aber auch die Realität. „In Palästina gehen die Uhren anders“, sagt Ali Abuzaina. Ein geregeltes Leben wie in Deutschland sei dort nicht möglich. „Wegen der Bedingungen vor Ort wird es weder feste Arbeit noch einen geregelten Arbeitsrhythmus von sieben bis 16.30 Uhr geben.“
Sind anderen voraus
Allein die Fahrt zu den Baustellen dauert wegen der Kontrollen an den Checkpoints oft Stunden. An manchen Tagen kämen die Beschäftigten gar nicht zur Arbeit – und würden dann auch nicht bezahlt. Dennoch rechnet der junge Mann damit, durch die Qualifizierung bei den üblichen Kurzaufträgen künftig öfter zum Zuge zu kommen. „Durch die Teilnahme an dem Projekt haben wir anderen etwas voraus. Dadurch erhalten wir mehr Angebote“, hofft Abuzaina.
Ein Beitrag unseres Kollegen Ruprecht Hammerschmidt in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe Juni 2011.