Frauen


Ermahnung zum Widerstand


© IG BAU (Sonja Heideloff)
21.04.2015
Die IG BAU Frauen auf Bundesebene haben in den letzten Jahren intensiv an Fragen zur Gestaltung der Zukunft gearbeitet. Bei ihren Treffen im April in Fulda richteten sie ihren Blick auf die Vergangenheit und die Lehren daraus. Anlässlich des 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus hatte die IG BAU hatte gemeinsam mit der Stadt Fulda am 17. April 2015 zu einer großen Kulturveranstaltung mit Esther Bejerano eingeladen. Sie ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters im Konzentrationslager Auschwitz.

Die IG BAU-Kolleginnen waren tief beeindruckt von der kleinen 90jährigen Frau, die kraftvoll und akzentuiert ihre Erinnerungen vortrug und anschließend in einem Konzert mit der Hip-Hop-Gruppe Microphone Mafia zum Widerstand ermutigte.
Eingebettet waren diese Höhepunkte des Abends in mehrere Reden sowie musikalische Darbietungen von zwei Schulorchestern und einem Schulchor. Auch die Szenen aus dem Theaterstück "Brundibar", gespielt von Schülerinnen der Fuldaer Marienschule, berührten sehr.

Esther Bejerano  © IG BAU (Sonja Heideloff)
Esther Bejerano bei ihrem Auftritt mit der Microphone Mafia © IG BAU (Sonja Heideloff)

Am nächsten Morgen stand für die Gewerkschafterinnen ein alternativer Stadtrundgang durch Fulda auf dem Programm. Der Historiker Gabriel Möller schilderte dabei anschaulich die jahrhundertealte Diskriminierung und Verfolgung der Juden bis in die Nazizeit. Er zeigte ihnen die Straße, wo damals das eingezäunte jüdische Ghetto war. An der Stelle der von den Faschisten abgebrannten Synagoge erinnern Tafeln an mehr als 950 Juden, die emigrieren mussten. Weitere 252 jüdische Menschen wurden zwischen 1940 und 1942 in Todeslager deportiert.

Stadtrundgang mit Gabriel Möller © IG BAU (Sonja Heideloff)
© IG BAU (Sonja Heideloff)

Am Nachmittag erzählte Alice Czyborra in einem sehr persönlichen Gespräch von ihrer Familie. Sie ist die älteste Tochter von Ettie und Peter Gingold. Bereits ihre Großeltern väterlicherseits wurden als Juden in Polen verfolgt und flohen nach Frankfurt. 1933 flohen sie erneut, diesmal nach mit ihren sechs Kindern nach Frankreich. Ihr Vater, Peter Gingold, war schon in der kommunistischen Jugend im Widerstand und schloss sich in Paris der Resistance an. Dort lernten ihre Eltern sich kennen. Alice wurde im Juni 1940 geboren. Aufgrund der ständigen Todesgefahr wurde sie schon früh bei einer Bauernfamilie auf dem Land in Sicherheit gebracht. 1945 kannte sie ihre Eltern nicht mehr. Peter Gingold wollte zurück nach Frankfurt, ihre Mutter war erneut schwanger und Alice kam zunächst in ein Schweizer Kinderheim. Erst mit acht Jahren kam sie zu ihrer Familie nach Deutschland. Für sie ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht sprach.

Ihre Eltern waren Mitbegründer der VVN (Verband der Verfolgten des Naziregimes) und in der KPD aktiv. 1956 wurde die KPD verboten. Der Familie Gingold wurden die Pässe entzogen, weil ein akribischer Beamter herausfand, dass es nach dem Krieg nie einen ordnungsgemäßen Einbürgerungsantrag gab. Viele Jahre waren sie staatenlos. Erst auf massiven öffentlichen Druck, auch aus Frankreich, wo ihr Vater als hochgeehrter Widerstandskämpfer galt, durften sie Deutsche sein. Mitte der siebziger Jahre erhielt ihre Schwester Silvia aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der DKP Berufsverbot als Lehrerin. Erneut bedurfte es großen Drucks aus dem In- und Ausland, bis sie in ihrem Beruf wieder arbeiten durfte. Sie wurde nie verbeamtet.

Unermüdlich traten ihre Eltern ein gegen Rassismus, Neonazis und für den Frieden. Peter Gingold ging noch als 90jähriger in die Schulen, zur Gewerkschaftsjugend und war Redner auf unzähligen Veranstaltungen. Er starb 2006. Heute führen seine Töchter als Kinder des Widerstands die Arbeit ihrer Eltern weiter. Erinnern an das Grauen des Naziregimes und fordern zum Widerstand gegen jegliche faschistischen Bestrebungen auf.

Was Alice Czyborra aus der Nachkriegsgeschichte erzählte, war vielen IG BAU Kolleginnen nicht bekannt. Sie beschlossen deshalb, sich im nächsten Jahr über die Geschichte nach 1945 weiter zu informieren.

Ein Beitrag unserer Kollegin Sylvia Honsberg.

Alice Czyborra © IG BAU (Sonja Heideloff)