Junge BAU


Gegen das Vergessen


© IG BAU (Nadja Langen)
05.09.2015
In der Zeit vom 17 bis 21. Juni .2015 machte ich mich gemeinsam mit fast 1000 anderen Menschen aus verschiedenen Jugendorganisationen aus Deutschland, Österreich und Israel auf den Weg nach Auschwitz. Sehr ereignisreiche und vor allem emotional sehr aufreibende Tage liegen hinter mir und noch immer fehlen mir eigentlich die Worte, um das Erlebte, dass Gesehene und in erster Linie das jetzt so Greifbare niederzuschreiben.

Wenn ich diese Tage in nur einem Wort zusammenfassen müsste wäre das geeignetste wohl „fassungslos“!

Der Ankunftstag steht uns zur freien Verfügung. Aber nach 19 Stunden Busfahrt habe ich eigentlich nur zwei Dinge im Kopf: Eine heiße Dusche und Essen. Gemeinsam mit meiner Bezugsgruppe kehren wir in ein schönes polnisches Restaurant ein und genießen polnische Spezialitäten. Aber im Hinterkopf schwingt immer der Gedanke an den morgigen Tag mit und dem Besuch des Stammlagers 1 und Auschwitz-Birkenau.

“Jedes Paar Schuhe in diesem Raum steht für ein getötetes Kind”

Der Donnerstag beginnt früh, da wir noch ca. 1.5 Stunden Busfahrt vom Stammlager entfernt sind. Langsam macht sich ein komisches Gefühl in der Magengegend breit, und mit jedem Kilometer, den wir näher an Auschwitz herankommen, wird es stärker. Hat man doch schon so viel über Auschwitz gelesen und in Dokumentarfilmen gesehen, aber wie wird es wohl sein, an dem Ort zu sein, an dem so viele unschuldige Menschen auf grausamste Art und Weise wie Tiere abgeschlachtet wurden?

Unser Guide spricht mit einer sehr ruhigen Stimme und erklärt uns die Dinge sehr sachlich (vermutlich ist sie mittlerweile etwas abgestumpft, im Gegensatz zu uns) und doch berühren ihre Worte mein Innerstes.

“Jedes Paar Schuhe in diesem Raum steht für ein getötetes Kind.” Bei diesen Worten steigen mir unweigerlich die Tränen in die Augen, aber ich beherrsche mich. Bis zu dem Raum in dem sieben Tonnen echte Haare lagern. Bei diesem Anblick verliere ich völlig die Fassung und mir laufen die Tränen übers Gesicht. Als wir dann auch noch den Raum mit den unzähligen Koffern betreten, die alle mit einem Namen und persönlichen Daten versehen sind, ist es vorbei. Ich kann einfach nicht mehr…

All diese Schicksale bekommen vor meinem inneren Auge auf einmal Gesichter und ich fühle mich ihnen auf eine seltsame Art so nah, und alles wird greifbar. Und wieder stelle ich mir die Frage nach dem „Warum?“. In dem Flur, in dem auf Augenhöhe etliche Reihen mit Häftlingsfotos hängen, wird unsere Gruppe auf einmal sehr still. In Gedanken und Entsetzen versunken blicken mir Männer und Frauen von Angesicht zu Angesicht entgegen – sie alle starben hier, meist nach nur wenigen Wochen oder Monaten.

Ich laufe über die selben Wege über die einst all diese Gefangenen gelaufen sind, betrete die Baracken und Räume, in denen unvorstellbares Leid zugefügt wurde, ich kenne die Daten, Fakten und habe so viele Bilder im Kopf. Und doch konnte ich, oder vielleicht wollte ich auch nicht, mir bis zum heutigen Tage nicht ansatzweise vorstellen, wie schrecklich die Herrschaft der Nazis war. Und was bleibt ist immer noch die Frage nach dem „Warum?“.

In Gedanken versunken

Vom Stammlager geht es nun nach Auschwitz-Birkenau. Und das erste, was man dort sieht, sind die Gleise und das riesige Gebäude, was einem aus Filmen wie „Schindlers Liste“ doch so bekannt ist. Alles wirkt irgendwie so friedlich hier. Das weitläufige Gelände und die Wildblumen, die dort stehen. Dadurch, dass viele Baracken nicht mehr stehen, verliert man sich im Blick dieses riesigen Geländes.

Unser Guide führt uns an eben diesen Gleisen entlang zu einem Waggon, in dem die Menschen zusammengefercht auf engstem Raum ohne Wasser, Lebensmittel, einer Möglichkeit zum Austreten oder ausreichender Luftzufuhr hierher deportiert wurden. Von dort gehen wir zu den Ruinen der Krematorien, die die Nazis kurz vors Kriegende selbst zerstörten, um ihre Spuren zu verwischen. Vorbei an Baracken gehen wir langsam wieder Richtung Ausgang. Die Häupter gesenkt, in Gedanken versunken. Auf meine Frage nach dem „Warum?“ habe ich noch immer keine Antwort und so verlasse ich diesen schrecklichen Ort voller unterschiedlicher Emotionen.

© IG BAU (Nadja Langen)

Fassungslosigkeit macht sich breit

Der Freitag beginnt mit einer Führung durchs jüdische Viertel und einem Besuch in Schindlers Museum. Vom jüdischen Viertel ist mir vor allem der Friedhof in Erinnerung geblieben. Dieser Ort wurde als Müllhalde von den Nazis verwendet. Die Grabsteine dienten als Straßenpflasterung im KZ Placow. Wie erniedrigend es für die Gefangenen dieses KZs gewesen sein muss, jeden Tag über die Grabsteine ihres Volkes zu gehen. Bei diesem Gedanken steigen mir wieder die Tränen in die Augen und Fassungslosigkeit macht sich breit.

Von dort aus gehen wir ins Krakauer Ghetto. Bis heute war es mir unvorstellbar, wie das Leben dort gewesen sein muss. Dort, wo einst 17.000 Menschen auf so engem Raum zusammenlebten und ermordet wurden, und noch immer übersteigt es meine Vorstellungskraft. Vorbei an der berühmten Adler-Apotheke gehen wir ins Museum. Unsere Teamer hatten uns bereits vorgewarnt, dass uns dort Dinge erwarten werden, die wir so vielleicht nicht erwartet hätten.

Und sie behielten Recht. Das Erste, was man dort zu Gesicht bekommt, sind zwei riesige Hakenkreuzfahnen, die von der Decke hängen und durch die man durchgehen muss, um zum nächsten Raum zu kommen. Beim Anblick dieses Symbols läuft es mir kalt den Rücken runter. Unser Guide führt uns trotz Zeitdruck gut durch die Kriegsgeschichte. Aber unsere gesamte Gruppe hat mit dem vielen Input innerhalb der kurzen Zeit zu kämpfen. Draußen reflektieren wir kurz die Geschehnisse des Tages, bevor wir dann wieder nach Birkenau zur Gedenkzeremonie fahren.

© IG BAU (Nadja Langen)

Zum Gedenken an 1,5 Millionen Kinder

Knapp 1000 Menschen sammeln sich nach und nach an dem Denkmal und doch nehmen wir nur einen kleinen Bruchteil des Platzes dort ein. Es werden verschiedene Texte von unterschiedlichen Menschen vorgetragen. Leider sind einige Texte nicht zu verstehen, da die Entfernungen doch recht weit waren und die Vortragenden ohne Hilfsmittel zu uns sprachen. Aber ein Text blieb mir besonders im Gedächtnis, und noch immer berührt er mich sehr.

“Zum Gedenken an die 1,5 Millionen Kinder, die keine Gelegenheit hatten, ihre Kindheit in Frieden und Eintracht zu verleben. Sie wurden im zarten Alter hinter den Stacheldraht der Ghettos und der Konzentrationslager gesperrt, die die Nazis in ganz Europa errichteten.”

Nach der gemeinsamen Gedenkminute singt Ori Strassberg, ein Teilnehmer der israelischen Gewerkschaftsdelegation, das El Male Rachamim (Gebet für die MärtyrerInnen der Shoa). Auch wenn ich den Text leider nicht verstanden habe, da er auf hebräisch ist, ist das für mich ein so ergreifender Moment und ich merke, wie mein ganzer Körper von Gänsehaut überlaufen wird. Gerade als ich dachte, das ist nicht mehr zu toppen, reißt der Himmel, der morgens noch für Regen sorgte und voller dicker Wolken hing, auf. Hinter dem Denkmal bricht die Sonne durch die Wolkendecke und scheint uns allen ins Gesicht.

Für mich steht fest: Das kann kein Zufall sein. Und auch, wenn ich kein sehr gläubiger Mensch bin: In meinen Augen war in dem Moment Gott bei uns allen! Und vor allem bei allen Opfern des Holocaust!

"Dass Auschwitz nie wieder sei!"

Der Samstag stand ganz im Zeichen der Workshops. Ich entschied mich für die erste Lesung von Esther Bejarano, einer Überlebenden des Holocaust. Ich durfte Esther schon vor ein paar Jahren in Saarbrücken erleben und doch war es ein unbeschreibliches Erlebnis, diese Frau erneut zu sehen und ihre Geschichte zu hören. Und wieder liefen mir die Tränen bei ihrer Geschichte. Eine so glückliche Verkettung von Zufällen und Ereignissen führten dazu, dass Esther überlebte und sie ihre Geschichte erzählen kann. Dieser Frau zolle ich meinen tiefsten und vollsten Respekt und hoffe sehr, dass sie noch lange ihre Geschichte erzählen kann.

Der zweite Workshop, den ich besuchte, hatte das Thema „Sexzwangsarbeit im KZ“. Leider war der Workshop viel zu überfüllt, sodass das Thema nicht wirklich gut thematisiert werden konnte. Aber die Eckdaten, die man dort erfahren hatte, machen einfach nur sprachlos.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich diese Erfahrung richtig verarbeitet habe. Und ein erneuter Besuch von Auschwitz wird dazu auf jeden Fall nötig sein. Aber ich möchte diese Erfahrung auf keinen Fall missen und bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, sie gemeinsam mit dem Bündnis zu machen. Denn dort wurde ich begleitet von Menschen, die ich schon lange kenne oder zu denen ich während des Vorbereitungsseminars eine Bindung aufbauen konnte.

Und was noch viel wichtiger ist, sie alle haben das gleiche Ziel wie ich

„DASS AUSCHWITZ NIE WIEDER SEI!!!“.

Auf meine Frage nach dem „Warum?“ habe ich bis heute noch keine Antwort gefunden oder bekommen - und das wird vermutlich auch so bleiben. Denn eine solche Grausamkeit kann man einfach nicht erklären oder rechtfertigen.

Ein Beitrag unserer Kollegin Nadja Langen.