Tarife


Gerüstbau-Handwerk: Tarifergebnis erzielt

30.07.2015
Die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten im Gerüstbau-Handwerk wurden erfolgreich beendet - und das mit folgendem Ergebnis:

Rahmentarifvertrag (ab 1. September 2015)

Betrieblicher Geltungsbereich:
1. Der räumliche Geltungsbereich wird in Sachen Urlaubskassenverfahren auf Entsendebetriebe erweitert. Damit wird der Urlaubsanspruch auch für die entsandten Kollegen abgesichert.

2. Im betrieblichen Geltungsbereich haben wir eine Ausweitung auf selbständige Betriebsabteilungen (Gesamtheit von Arbeitnehmern) vereinbart.

3. Die Berliner Gerüstbauer werden in den Geltungsbereich des Rahmentarifvertrags aufgenommen.

Somit haben wir dem ständigen Unterlaufen des allgemeinverbindlichen Rahmentarifvertrags wieder ein Stück mehr Einhalt geboten.

Arbeitszeit (Arbeitszeitflexibilisierung):
1. Zukünftig gibt es nur noch einen Ausgleichszeitraum und der ist vom 1. April. bis 31. März des Folgejahres festgeschrieben. Der ständige Wechsel und die angebotenen Ausgleichszeiträume haben zu Irritationen bei den Beschäftigten und teilweise auch Willkür bei den Ausgestaltungen der Arbeitszeitflexibilisierung einiger Arbeitgeber geführt. Diese für uns ärgerliche Kreativität einiger Arbeitgeber haben wir somit für die Zukunft unmissverständlich unterbunden.

2. Der Verbrauch der Stunden aus dem Arbeitszeitkonto wurde klargestellt. Die Entnahme ist fortan auch in der Schlechtwetterzeit möglich, sofern kein Anspruch auf Überbrückungsgeld besteht oder dieses noch nicht aufgebraucht wurde.

3. Die Insolvenzsicherung der Arbeitszeitkonten erfolgt über einen von allen Arbeitgebern zu zahlenden Umlagebeitrag bei der SOKA Gerüstbau. Somit sind zukünftig alle Arbeitszeitkonten in den Betrieben insolvenzgesichert.

Arbeitsversäumnis und Arbeitsausfall:
1. Bezahlte Freistellungstage wurden reduziert, so dass zukünftig:
- Bei eigener Eheschließung von 3 auf 2 Tage,
- bei Eheschließung der Kinder von 1 auf 0 Tage,
- beim Tag der Silberhochzeit von 1 auf 0 Tage,
- bei Wohnungswechsel, wenn er nicht betriebsbedingt ist, müssen nur einmal jährlich 2 Arbeitstage bezahlt werden. Erfolgt der Umzug aus betriebsbedingten Gründen, werden die Umzugstage uneingeschränkt gewährt.

2. Gewerkschaftsmitglieder sind für die Teilnahme an SOKA-/ZVK-Sitzungen sowie für Tarifverhandlungen unbezahlt freizustellen. In der Vergangenheit hat das immer wieder zu Problemen der Kollegen in ihren Betrieben geführt. Mit Aufnahme dieser Regelung ersparen sich unsere Mitglieder zukünftig diese Diskussionen im Betrieb.

Fort- und Weiterbildung/Eingruppierung:
1. Für ungelernte Gerüstbau-Werker wird die Fortbildung optimiert und entsprechende Ausbildungslehrgänge zum geprüften Gerüstbaumonteur und zum geprüften Montageleiter in das Fortbildungsprogramm aufgenommen.
Der Werker liegt im Lohngefüge bei 90 Prozent des Facharbeiterlohns.
Er hat einen tarifvertraglichen Anspruch auf Weiterbildung, wenn er mindestens zwei Jahre (bei anderer Berufsausbildung) oder vier Jahre (ohne Berufsausbildung) nachweislich als Werker tätig und eingruppiert war.

2. Der neu geschaffene geprüfte Gerüstbau-Monteur hat nach erfolgreicher bestandener Prüfung einen Lohnanspruch auf 95 Prozent des Facharbeiterlohns.
Als ungelernter Gerüstbauer erhält er nun eine Weiterbildung mit Lerninhalten eines ausgebildeten Gerüstbauers und hat nach weiteren zwei Jahren Berufspraxis den tarifvertraglichen Anspruch, an der Aufnahmeprüfung zum geprüften Montageleiter teilzunehmen.

3. Die Ausbildung zum Gerüstbauer wird aufgewertet. Der ausgebildete Gerüstbauer wird in der Lohnrelation vorab um 4 Prozent angehoben und steht fortan mit dem ehemaligen Gerüstbau- Fachmonteur auf einer Stufe.
Der ausgebildete Gerüstbauer bildet die 100%-Lohngruppe in den Lohnrelationen ab!
Der ehemalige Gerüstbau-Fachmonteur wird ohne Verluste in die Lohngruppe des Gerüstbauers überführt und zukünftig nicht mehr als Berufsbezeichnung im Tarifvertrag aufgeführt.

4. Der geprüfte Obermonteur (Eintritt bis 31. Juli 2015) wird zukünftig nicht mehr als Weiterbildungsmaßnahme angeboten. Die bis zum Stichtag eingruppierten Beschäftigten werden zukünftig mit 109 Prozent oberhalb des Facharbeiters eingruppiert.
Sie haben bereits heute die Voraussetzungen erfüllt, an den Weiterbildungsmaßnahmen zum geprüften Gerüstbau-Montageleiter teilzunehmen.

5. Der geprüfte Gerüstbau-Montageleiter wird als neues Ausbildungsmodul und Berufsbezeichnung im Eingruppierungsgitter aufgenommen. Der bisherige Gerüstbaukolonnenführer (bis 31. Juli 2015) wird in diese neue Lohngruppe überführt und zukünftig nicht mehr als Berufsbezeichnung im Tarifvertrag aufgeführt. Die Lohnrelation des geprüften Gerüstbau-Montageleiters ist 115 Prozent oberhalb des Facharbeiters. Alle ehemaligen geprüften Obermonteure (sofort), ausgebildete Gerüstbauer nach zweijähriger und geprüfte Gerüstbaumonteure nach dreijähriger Berufspraxis in ihren Berufsbildern haben tarifvertraglichen Anspruch auf die Aufnahmeprüfung zum Lehrgang.

6. Der geprüfte Gerüstbau-Kolonnenführer bleibt als Weiterbildungslehrgang wie bisher bestehen. Die Lohnrelation beträgt 125 Prozent oberhalb des Facharbeiters.
Derzeit werden mit den Ausbildungszentren Inhalte der Lehrgänge zu den neu geschaffenen Berufsbezeichnungen und die Aufnahmeprüfungen zu den Lehrgängen mit den Tarifvertragsparteien abgestimmt. Die ersten Lehrgänge sollen zum 1. Januar 2016 über die Ausbildungszentren angeboten werden.
Insgesamt ist durch die neue Lohnrelation eine Aufwertung des Ausbildungsberufs Gerüstbauer erfolgt und ein tarifvertraglicher Anspruch auf Weiterbildung erwachsen, die sich nach bestandenen Prüfungen rechtsverbindlich im Geldbeutel bemerkbar machen.

7. Besitzstandsregelungen wurden für die Berufsgruppen der Lohngruppe V und VI (Gerüstbau-Werker und Gerüstbau-Helfer) vereinbart, weil diese von dem neugeschaffenen System „Aus-und Weiterbildung muss sich lohnen“ vorerst nicht profitieren. Sie erhalten dauerhaft eine monatliche Besitzstandszahlung in Höhe von 50 Euro. Die Besitzstandszahlung ist nicht dynamisch und darf nicht verrechnet werden.

Saison- KUG und Überbrückungsgeld:
Die Tarifvertragsparteien setzen sich für eine kostenneutrale Einführung des Saison-KUG für das Gerüstbauerhandwerk ab 2018 ein. Wir werden diese Regelungen nach überprüfter Finanzierbarkeit zukünftig tarifvertraglich regeln. Das bisherige Überbrückungsgeld wird durch das Saison-KUG ersetzt.

Erschwerniszuschläge:
Für Fahrer von Lastkraftwagen über sechs Tonnen muss der Arbeitgeber zukünftig sämtliche damit verbundenen Tätigkeiten wie beispielsweise das Betanken, die Wasser-und Ölstandsprüfung, die notwendigen medizinischen Untersuchungen und Fortbildungsveranstaltungen als Arbeitszeit vergüten. Außerdem hat er diesen Arbeitnehmern die zur weiteren Ausübung dieser Tätigkeit notwendigen Aufwendungen zu bezahlen. Dafür entfällt die Fahrerpauschale von9 Euro/Tag.

Fahrtkostenabgeltung, Verpflegungszuschuss und Auslösung:
1. Fahrtkostenabgeltung bei Bau- oder Arbeitsstellen mit täglicher Heimkehr
- Bei Fahrt mit eigenen PKW von mindestens 10 Kilometer von der Wohnung entfernten Arbeitsstelle: Für die ersten10 Kilometer = pauschal 1,80 Euro, ab dem elften Kilometer = 0,30 Euro für jeden gefahrenen Kilometer. Der arbeitstägliche Anspruch ist auf 24 Euro begrenzt.
Mit dieser Regelung haben wir einen über 100%igen Anstieg der Fahrtkostenerstattung gegenüber der alten Regelung im RTV erreicht.

2. Der Verpflegungszuschuss für Arbeitnehmer, die außerhalb des Betriebes arbeiten und ausschließlich aus beruflichen Gründen mehr als 10 Stunden von Ihrer Wohnung abwesend sind, steigt von derzeit 2,60 Euro auf 3,50 Euro je Arbeitstag.

3. Bau- und Arbeitsstelle ohne tägliche Heimkehr:
- Anspruch auf Auslöse in Höhe von 24 Euro bei Einsatz auf einer Bau- oder Arbeitsstelle, die mehr als 65 Kilometer vom Betrieb entfernt ist und eine unzumutbare Rückfahrt von 1,25 Stunde (einfache Fahrt) vorliegt.
Bei Abwesenheit von 24 Stunden = 24 Euro; An- und Abreisetag = 12 Euro.
- Der Arbeitgeber trägt und zahlt die notwendigen Kosten für die ordnungsgemäße Unterkunft. Nutzt der Arbeitnehmer diese Unterkunft nicht, so steht ihm grundsätzlich eine pauschale Aufwandsentschädigung von 20 Euro pro Tag zu.
- Wenn die Unterkunft am Auslöseort mehr als 20km vom Einsatzort entfernt ist, wird die Fahrzeit als Arbeitszeit vergütet.

Mindesturlaubsvergütung:
Wie vom EuGH gefordert wird eine Mindesturlaubsvergütung (MUV) bei Krankheit ohne Lohnfortzahlung und bei Saison-KuG für die Beschäftigten der Branche tarifvertraglich geregelt. Die Finanzierung soll über die Sozialkasse Gerüstbau im Umlageverfahren erfolgen. Mit dieser Regelung im Gerüstbauerhandwerk schützen wir unsere Mitglieder vor Einkommenseinbußen durch Krankheit oder Kurzarbeit.

Mit den vereinbarten neuen Regelungen im Rahmentarifvertrag wurden die Regelungslücken aus den vergangenen zwölf Jahren geschlossen und in den oben aufgeführten Bestandteilen substanziell verbessert und zeitgemäß gestaltet.

Alle anderen verbleibenden Regelungen aus dem Rahmentarifvertrag sind unverändert übernommen, da sie sich in den zurückliegenden Jahren bewährt haben und beide Seiten keinen Änderungsbedarf gesehen haben.

Das neue Tarifvertragswerk muss nun vom BMAS für allgemeinverbindlich erklärt werden. Die Allgemeinverbindlichkeitserklärung wird derzeit beantragt und voraussichtlich rückwirkend zum 1. September 2015 erfolgen.

Lohntarifvertrag (ab 1. August 2015)

1. Im Zusammenhang mit den Änderungen im Rahmentarifvertrag zu den Lohnrelationen wird zuerst der Ecklohn (Gerüstbauer 100 Prozent) um 4 Prozent von 14,44 Euro auf 15,02 Euro angehoben. Das hat zur Folge, dass alle Lohngruppen linear um 4 Prozent steigen.

2. Der neue Ecklohn (+ 4 Prozent) von 15,02 Euro steigt zum 1. August 2015 um weitere 5,2 prozent auf 15,80 Euro.

3. Der Lohntarifvertrag tritt zum 1. August 2015 in Kraft und kann frühestens zum 31. Juli 2017 gekündigt werden. Für die Monate Mai, Juni und Juli 2015 gelten die alten Tariflöhne unverändert weiter.

4. Die Ausbildungsvergütungen steigen ab 1. August 2015:
- erstes Ausbildungsjahr von 608 Euro auf 650 Euro,
- zweites Ausbildungsjahr von 803 Euro auf 850 Euro,
- drittes Ausbildungsjahr von 1.051 Euro auf 1.100 Euro.

Weiterhin wird das Weihnachtsgeld für die Auszubildenden um jeweils 10 Euro erhöht.

5. Mindestlohn
- Erhöhung des Mindestlohns ab 1. April 2016 von 10,50 Euro auf 10,70 Euro,
- Erhöhung des Mindestlohns ab 1. Mai 2017 von 10,70 Euro auf 11,00 Euro.

Durch die prozentuale Anhebung der Lohnrelation im Lohngefüge um 4 Prozent und eine sofortige lineare Ecklohnerhöhung um weitere 5,2 Prozent ist es uns gelungen, insofern eine reale Lohnerhöhung von 9,2 Prozent für 27 Monate Laufzeit durchzusetzen. Das entspricht einer zwölfmonatigen durchschnittlichen Lohnerhöhung von 4,1 Prozent.

Mit den materiellen Verbesserungen aus dem Rahmentarifvertrag haben wir unsere Ausgangsforderung von 7 Prozent Lohnsteigerungen in vollem Umfang erreicht.