
Sorgen für Aufsehen: die Sklaven © IG BAU (Anna Mutter)
Aufsehen gab’s schon kurz vor 11 Uhr, als sich die Gerüstbauer am Kieler Hauptbahnhof trafen. Zwei stramme Gerüstbauer werden vor der Kutsche des „Versteigerers“ angeschirrt. Die „Sklaven“ legen ihre armseligen Jute-Kutten an, lassen sich in Ketten legen und trotten schicksalsergeben hinter der Kutsche her. Auf dem Kutschbock thront der Auktionator, herausgeputzt mit Hut und schwarzem Anzug. Mit seiner Peitsche treibt er die Sklaven immer wieder an, zieht dazwischen genüsslich an seiner dicken Zigarre.
Dem Zug voran marschiert der Trommler. Seine Trommel lässt die Passanten in der belebten Fußgängerzone aufhorchen, stehen bleiben und das Spektakel miterleben. Auf dem Weg zum Schloßplatz gerät der Zug ins Stocken. Die Kutsche hält an, die Sklaven versammeln sich. Der Trommler kündigt die Auktion an. Aus der Kutsche heraus erklärt der Auktionator, dass man hier günstig Gerüstbausklaven ersteigern kann. Er preist seine „Ware“ an, beginnt mit einem ersten Angebot: "Meister, 30 Jahre Berufserfahrung - heute für nur 7 Euro die Stunde abzugeben! Wer bietet weniger?"
Der Ersteigerer begutachtet des Meisters gesunde Hautfarbe und fragt nach den Urlaubstagen, die er dann unterbietet (15 statt 20 Tage). So geht es mal um den Stundenlohn, den Urlaub, die Arbeitszeit oder das Rentenalter. Jedes Gebot verschlimmert die Situation der Sklaven. Argumente sind die "gute" finanzielle Situation der Schwester (weswegen der Sklave ja auch weniger bekommen kann), der hervorragende Gesundheitszustand (hat wohl noch nicht genug gearbeitet), kann sich festes Schuhwerk leisten, und, und, und.
Geiz beim Lohn ist nicht geil
Während der Auktion wird das Publikum ins Bieten mit eingebunden. Ein Passant bietet mit. Allerdings bietet der mehr anstatt weniger und wird vom Auktionator als Gewerkschafter „beschimpft“. Was er nicht krumm nimmt, das Ziel der Aktion ist dem Publikum schnell klar. Ein Sklave geht schon für 4,10 Euro weg - beinahe wie im richtigen Leben. Für ihre Aktion erfahren die Gerüstbauer viel Sympathie und Zustimmung von den Passanten. "Geiz beim Lohn ist nicht geil sondern dumm", bringt es eine resolute Mittvierzigerin auf den Punkt. "Wer anständig arbeitet, muß auch anständig verdienen".
Das sehen auch die Kumpels vom Bau so. "Es reicht jetzt. Wir haben zugunsten unserer Betriebe auf Lohnerhöhungen verzichtet. Nun wollen wir teilhaben an den Gewinnen, die wir erwirtschaften“, sagt Thomas Kurtze, Branchensekretär beim Bundesvorstand der IG BAU. Ein Gerüstbauer aus Wiesbaden erzählt, dass er mit reichlich Überstunden auf gerade mal 1 600 Euro brutto kommt. 8,50 Euro in der Stunde sind kein fairer Lohn für die schwere Arbeit. Von einem Kollegen in Köln weiß er, dass der schon mal für 5,50 Euro/Stunde malocht hat. Mehr ist fair - und dafür ist es bei den Gerüstbauern höchste Zeit.
Angeblich gibt's nichts zu verteilen
Präsidums- und Vorstandswahlen stehen auf der Tagesordnung der Arbeitgeber-Bundestagung, auch "fachlichen und menschlichen Gedankenaustausch zwischen den Mitgliedern" haben sich die Gerüstbau-Arbeitgeber ins Programm geschrieben. Abschalten und entspannen - mit herrlichem Blick auf den Hotelgarten oder die Kieler Förde, da vergisst man schnell die über 22 000 Arbeitnehmer im Gerüstbaugewerbe - und dass es für sie seit vier Jahren keine Lohnerhöhung mehr gegeben hat.
"Die Arbeitgeber verarschen uns seit 5 Jahren, damit ist jetzt Schluß. Angeblich gibt’s nichts zu verteilen, dabei hat die Beschäftigtenzahl in den letzten Jahren um 25 Prozent zugenommen, die Zahl der Auszubildenden hat sich verdoppelt. Das sind keine Zeichen für eine Krise der Branche", stellt Frank Methkemeyer, Bundesfachgruppenvorsitzender der Gerüstbauer, fest.
Vereinzelt stehen schon Arbeitgeber vorm Eingang, als der Sklavenzug am Hotel eintrifft. Im Laufe der Auktion werden es immer mehr, sie bilden eine Traube vor dem Hotel. Sowohl Auktionator als auch Ersteigerer beziehen sie als Publikum mit ein, regen sie an, mitzubieten. Als der Ersteigerer später seine Ware abführen will, greift die IG BAU ein und vertreibt ihn und den Auktionator. Beide ergreifen die Flucht, schimpfen dabei wild auf die Gewerkschaft. Die „geretteten“ Sklaven entledigen sich ihrer Fesseln und Kutten. Zum Vorschein kommen T-Shirts mit der Aufschrift "Mehr ist fair".
Deutliche Worte und eine klare Aufforderung
Für einige der Arbeitgeber wird’s bei der Diskussion mit den verärgerten Gerüstbauern ungemütlich. Die machen ihrem Unmut mit drastischen Worten Luft. Es kommt zu einer wilden Diskussion mit den aufgebrachten Kollegen die versuchen, ihre Situation zu schildern. Sie ärgern sich gewaltig, dass die Arbeitgeber ihren Argumenten ausweichen Trotz allem Ärger bleiben Handgreiflichkeiten aus. Die Kumpels überreichen ihre Deklaration, mit der sie die Rückkehr an den Verhandlungstisch fordern - und einen fairen Tarifvertrag.
Gegen 14 Uhr treffen sich die Gerüstbauer zum zünftigen Imbiss am extra im Hof des Kieler Gewerkschaftshauses aufgebauten Grill, bevor sie die Heimreise antreten. Zum Teil sind die Kollegen seit 4 Uhr morgens unterwegs, werden erst spät am Abend wieder zuhause sein. Sie sind mit ihrer Aktion zufrieden, die Zustimmung, die sie unterwegs erfahren haben, bestärkt sie: es lohnt sich, für sein Recht einzustehen.
Als ein besonderes Kompliment entpuppt sich die Nachfrage eines Pressevertreters, der wissen will, ob da echte Schauspieler am Werk waren. Der Mann war verblüfft, zu hören: Auktionator (Maik Schwaß), Ersteigerer (Wilke Witte) und Trommler (Jörg Böhnke) sind Gewerkschaftssekretäre der IG BAU-Region Nord. Für ihre Kollegen schlüpfen die schon mal in andere Rollen, um einer Forderung Nachdruck zu verleihen.
IG BAU – die tun was!
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