E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Gewerkschaft im Wandel

Robert Feigers Beitrag in der "Gegenblende"


© IG BAU (Alexander Paul Englert)
20.01.2014
"There is no such thing as society (So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht) - diese geschichtsvergessene Meinung der einstigen britischen Premierministerin Margaret Thatcher prägte eine ganze Epoche der Politik. Wie zersetzend sich diese Geisteshaltung letztlich auswirkt, hat die von den weiterhin in Thatchers Kielwasser fahrenden Hasardeuren ausgelöste Finanzkrise gezeigt.

Staaten wurden an den Rand des Ruins gedrängt. Es sind die dort lebenden Menschen, also die vom Beinah-Bankrott betroffenen Gesellschaften, die nun für eine rücksichtlose Bereicherung Weniger haften. Eine Ungerechtigkeit mit Folgen. Zumindest den Pragmatikern dämmert es inzwischen, dass eine Politik des ‚jeder gegen jeden’ am Ende mehr Werte zerstört als Wachstum schafft. In den europäischen Krisenstaaten werden Gewerkschaftsrechte ausgehöhlt und zum Teil abgeschafft. Auf Druck der Finanzpolitik erhalten Arbeiter weniger Lohn und die Renten werden gekappt. Eine Erholung ist nicht in Sicht, und so sind es gerade die jungen, gut ausgebildeten Menschen, die ihre Heimat verlassen. Dieser Aderlass entzieht diesen Ländern aber gleichzeitig den Boden für zukünftigen Wohlstand. Ein Teufelskreis. Solche Umwälzungen bringen inzwischen selbst Wettbewerbsverfechter zum Nachdenken. Es zeichnet sich ab, dass in der Öffentlichkeit und der Politik die Einsicht in den Nutzen von Kooperation wieder wächst. Dies lenkt die Aufmerksamkeit in Deutschland verstärkt auf die DGB-Gewerkschaften. Denn sie sind die erfahrensten und glaubwürdigsten Akteure, wenn es darum geht, die Interessen der Arbeitnehmer wahrzunehmen, und so letztlich nichts Geringeres als den sozialen Frieden zu sichern.

Dieser Ausgleich lässt sich aber nur mit Gewerkschaften erzielen, die Arbeitgebern auf Augenhöhe begegnen können. Durch die Verschiebungen am Arbeitsmarkt im Zuge einer neoliberal geprägten Politik, gerieten insgesamt alle Gewerkschaften in die Defensive. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) im Speziellen durchstand darüber hinaus mehr als eine Dekade der Krise in der Bauwirtschaft, was die Organisation in zusätzlichem Maße geschwächt hat. Von 1995 bis 2009 brach die Nachfrage für das Bauhauptgewerbe in einem Umfang ein, den sich in den Boomjahren nach der Wiedervereinigung niemand hatte vorstellen können. Die Beschäftigtenzahl am Bau halbierte sich im Zuge der Baukrise von 1,4 Millionen 1995 auf nur noch rund 700 000 im Jahr 2005. Parallel dazu sank die Zahl der IG BAU-Mitglieder ebenfalls um die Hälfte von 700 000 auf unter 350 000. In den darauffolgenden Jahren konnte die Organisation den Mitgliederverlust zwar verlangsamen, schaffte den Turnaround zu neuem Wachstum aber noch nicht (s. Grafik 1). Dagegen machten die Folgen der Finanzkrise dem Bau, Gebäudereinigung und Agrar-Branchen zwar ebenfalls zu schaffen, jedoch weit weniger stark als der Export-Industrie.

© IG BAU

Nachdem diese lawinenartige Entwicklung gleichsam zum Stillstand gekommen ist, sieht das Umfeld, in dem sich die IG BAU nun bewegt, stark verändert aus. Sie musste sich auf neue Rahmenbedingungen in ihrer Arbeit einstellen. Die Baubranche ist stark zersplittert. Es existieren nur noch wenige Großbetriebe. Gleichzeitig stieg der Anteil an kleineren und Kleinstbetrieben. Wie stark sich die Betriebsgrößen reduziert haben, wird im Vergleich der Anzahl der Firmen vor und nach der Krise deutlich. Denn trotz Halbierung der Belegschaft verharrt die Betriebsdichte wie schon vor der Baukrise bei 70 000 (s. Grafik 2). Im Durchschnitt beschäftigen sie weniger als zehn Arbeitnehmer. Davon kommen viele Bauleute aus dem europäischen Ausland – Mitte der 1990er aus Großbritannien und Portugal heute verstärkt aus Osteuropa und Spanien. Zwar hat die IG BAU mittels des ersten tariflichen Mindestlohns in Deutschland ein Einfallstor für Dumpinglöhne geschlossen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Unternehmen dennoch versuchen, über schlechte Löhne einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Sie benutzen dazu das Instrument der Werkverträge. Daraus hat sich eine eigene Sparte von Entsendeunternehmen entwickelt, die in großem Stil Menschen nach Deutschland bringen und sie dort als Scheinselbstständige ausbeuten. Sprachbarrieren, zeitlich befristeter Einsatz und weiträumige Verteilung auf immer wieder anderen Baustellen erschweren es der IG BAU, mit den betroffenen Arbeitnehmern in Kontakt zu treten und sie zu organisieren. Zudem wandelte sich mit zunehmenden Lohndruck, verschlechterten Arbeitsbedingungen und daraus resultierender fragwürdiger Qualität der Bauleistung das Image der Branche.

Die Bedeutung der Projektarbeit

Vielfach empfinden Bauarbeiter kaum noch Stolz auf ihre Arbeit. Es besteht eine hohe Wechselbereitschaft in andere Tätigkeiten. Eine auf Dauer angelegte Mitgliedschaft in der IG BAU macht aus Sicht der potenziellen Berufswechsler keinen Sinn. Diese Haltung prägt auch die zweite große Branche der IG BAU, die Gebäudereinigung. Mangels eines Zugehörigkeitsgefühls zu einer Berufsgruppe und der Meinung, der „Putzjob“ sei lediglich eine kurzzeitige Überbrückung oder lediglich ein Nebenjob für wenige Stunden, sehen viele Beschäftigte keinen Grund, sich zu organisieren. Dabei sind die Arbeitsbedingungen prekär. Hoher Leistungsdruck und Kommandoton bestimmen vielfach den Alltag. Befristete Arbeitsverhältnisse und Minijobs nehmen zu. Der IG BAU ist es durch einen modernen Ansatz - etwa durch Projektarbeit – gelungen, das Selbstbewusstsein der Beschäftigten zu stärken und einen spürbaren Mentalitätswandel gegenüber Gewerkschaften herbeizuführen. Die Bereitschaft der Arbeitnehmer/innen, sich der IG BAU anzuschließen, wird allerdings von den privaten Dienstleistern oftmals aktiv bekämpft.

© IG BA'U

Ein derartiges Vorgehen der Arbeitgeber wurde noch bis in die jüngste Zeit von Politik und Öffentlichkeit ignoriert oder sogar wohlwollend begleitet. Kollektive Interessenvertretungen der Mitarbeiter standen in der Kritik, widersprachen sie doch der Mainstream-Ansicht ‚jeder ist selbst seines Glückes Schmied’. Wer zu wenig verdient oder schlecht behandelt wird, war nach dieser Ideologie selber schuld. Wem seine Arbeitsbedingungen nicht passten, könne ja wechseln oder müsse eben auf eigene Faust nachverhandeln. „Get rich or die tryin‘“ – war das Lebensgefühl der Jungen. Wer noch Verantwortung für andere wahrnahm, konnte nur frühvergreist sein.

Gerechtigkeit ist wieder "In"

Zwar gibt es immer noch reichlich laute Stimmen, die ein „Weiter so“ propagieren. Dennoch wird die Öffentlichkeit kritischer. Die Mahner gesellschaftlicher Fehlentwicklungen finden inzwischen Beachtung in den Medien und bei der Politik. Es dämmert vielen, dass die Auswüchse prekärer Arbeit und das Auseinanderdriften von Arm und Reich in diesem Umfang nicht einzig die Folge individuellen Versagens sein können. Der Zeitgeist ändert sich langsam zugunsten von gewerkschaftlicher Arbeit. Einige der gewerkschaftlichen Forderungen wurden bei den Koalitionsverhandlungen berücksichtigt, wenn auch nicht vollständig erfüllt. Damit wenigstens diese Kompromisse umgesetzt werden, müssen Gewerkschaften der Politik weiterhin auf die Finger schauen. Denn die gesellschaftliche Diskussion geht weiter. Sie mäandert zwischen neoliberalen Hardlinern und Unterstützern von sozialer Gerechtigkeit. Gerechtigkeitspositionen werden zurzeit aber wenigstens wieder als berechtigt anerkannt und nicht mehr als sozialromantische Träumereien abgetan.

Dieser sich wandelnde Zeitgeist führt zu einer stärkeren Akzeptanz von Gewerkschaften, erleichtert deren Arbeit und die Mitgliedergewinnung. Dennoch stellen die veränderten Rahmenbedingungen erhebliche Herausforderungen dar und verlangen von den Organisationen große Anstrengungen. Geringere Mitgliederstärke und damit weniger finanzielle und personelle Ressourcen erfordern ein stärkeres Engagement der ehrenamtlichen Mitglieder. Die IG BAU hat sich folgerichtig schon seit längerem als Mitmachgewerkschaft positioniert, bei der dem einzelnen Mitglied eine gewachsene Bedeutung zukommt. Dies hat durchaus beabsichtigte Rückwirkungen auf die Organisation. Statt klassischer Stellvertreterpolitik rücken die Mitglieder selbst ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt und vertreten diese. Sie wissen am besten, wo es ihnen unter den Nägeln brennt. Eine Befragung hat bestätigt, dass solch eine Beteiligung gewünscht ist. Ziel ist es, den Sachverstand und die vor Ort vorhandene Kraft optimal einzusetzen und mit Unterstützung der IG BAU, Gewerkschaftsarbeit stärker erlebbar zu machen. Insbesondere die jungen Mitglieder sollen erfahren, dass ihnen gewerkschaftliches Engagement etwas bringt. Vor allem diese Gruppe droht dabei aber von den vielfältigen Funktionen innerhalb der IG BAU überlastet zu werden, so dass zu befürchten ist, dass sie sich schon bald nicht mehr in der Organisation wohl fühlen. Mit flexibleren Strukturen will die IG BAU dieser Gefahr entgegenwirken und indem sie die Mitglieder stärker schult und unterstützt. Gerade die junge Generation soll auch über die Jugendarbeit hinaus gebunden werden und in die Fach- und Betriebsgruppen hineinwachsen.

Für die Hauptamtlichen bedeutet die gewachsene Bedeutung der Mitglieder und die Arbeit in den Betrieben spürbare Veränderung in ihrer Arbeit. Statt der Rolle der Stellvertreter übernehmen sie die Funktion von Interessenvertretern, die Mitglieder bei Konflikten unterstützen und begleiten. Dabei müssen sie von Seiten der Organisation ihrerseits gezielte Hilfen erhalten. Diese Erkenntnis gab es nicht von Anfang an, sondern sie ist das Ergebnis eines kontroversen, teils auch schmerzhaften inneren Prozesses. Mit umso mehr Nachdruck setzt die IG BAU nun Schritte zu einer gezielten Unterstützung der hauptamtlichen Mitarbeiter ein. Im Einzelnen setzt die IG BAU auf stärkeren Austausch unter den Beschäftigten, so dass besonders erfolgreiche Arbeitsweisen übernommen werden können. Gleichzeitig unterstützt ein Coaching-Team die Arbeit vor Ort. Mit der bereits verabredeten Einführung von Ausbildern und Teamleitern in der Fläche, können hauptamtliche Mitarbeiter auf gezieltere Hilfestellung bei der Bewältigung ihrer Arbeit bauen. Diese Maßnahmen sind Teil eines Umbauprozesses der noch nicht abgeschlossen ist und der einen offenen, vertrauensvollen Austausch voraussetzt. Nur wenn auch unangenehme Wahrheiten auf den Tisch kommen und Probleme nicht verdrängt werden, lassen sich dafür Lösungen finden, die die IG BAU zu dem starken Partner machen, den sich die Mitglieder wünschen.

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