E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Gewerkschafter gegen Nazis


© IG Metall Archiv / IG BAU
07.05.2013
Neonazis bedrohen immer wieder unsere Kolleginnen und Kollegen und greifen sie an. Guido R. wurde lebensgefährlich verletzt. Er sagt: „Wer sich gegen Neonazis stellt, erhält von der Gesellschaft zu wenig Unterstützung. Darum engagieren wir uns in der IG BAU gemeinsam gegen Rechtsextremismus.“

Es geschieht auf dem Rückweg: IG BAU-Kollege Guido R. (seinen vollen Namen will er nicht nennen, weil er befürchtet, dass die Naziszene ihn ins Visier nehmen könnte) aus Nordhessen wird im Anschluss an eine Demonstration von Neonazis schwer verletzt.
Am 13. Februar 2009 ist er mit einer Gruppe von Gewerkschaftern und Aktivisten in einem Reisebus des DGB unterwegs. Sie kommen von einer Demonstration gegen Neonazis, die an diesem Tag in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden aufmarschiert waren.
Als die DGB-Gruppe auf einem Rastplatz bei Jena eine Pause einlegt, trifft sie auf eine Meute von mindestens 40 Rechtsextremen. Die wittern ihre Chance – 15 bis 20 Mann rotten sich zusammen, schmeißen Flaschen und schlagen zu. Die meisten der Angegriffenen schaffen es gerade noch, in ihren Bus zu flüchten. Doch für Guido R. ist es zu spät.

Drei Täter werfen den heute 47-Jährigen zu Boden. Als ein Springerstiefel seinen Kopf mit voller Wucht trifft, bricht sein Schädel. Filmriss. Er selbst kann sich nur noch daran erinnern, wie er sich aufrafft und in den Bus zurückwankt. Heute ist er sich sicher: „Ich hatte Glück. Wenn die etwas tiefer getroffen hätten, dann wäre ich heute entstellt gewesen. Von der Intensität her hätte das gereicht, um mich zu töten.“

Gewerkschafter wurden von jeher von ­Nazis bedroht. Vor 80 Jahren bliesen die Nationalsozialisten zum Großangriff auf die freien Gewerkschaften: SA- und SS-Trupps stürmten am 2. Mai 1933 Gewerkschaftshäuser und verhafteten Funktionäre – viele von ihnen kamen in Konzentrationslager, wurden gefoltert und ermordet.

„Unsere Kolleginnen und Kollegen haben sich für die Interessen der Beschäftigten eingesetzt. Dafür haben sie bitter gezahlt – mit ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und ­ihrem Leben. Der 2. Mai 1933 mahnt uns, dass wir wachsam sein müssen“, sagt IG BAU-Bundesvorsitzender Klaus Wiesehügel.

Rechte Szene ist gut vernetzt

Zwar glaubt Guido R. nicht, dass Nazis heute wieder die Macht übernehmen können. Schließlich habe sich die Gesellschaft tief greifend verändert. Trotzdem hält er Neonazis für gefährlicher, als es den meisten bewusst sei: „Man denkt immer, das ist ganz weit weg, aber die sind hier vor Ort und die sind sehr gut vernetzt!“

Die Gefahr, die von Rechtsextremen ausgeht, hätten auch in den 1930er-Jahren viele ausgeblendet, sagt Gewerkschaftsforscher Siegfried Mielke. Bereits vor Hitlers Machtübernahme wurden immer wieder Gewerkschafter von Nazi-Schlägern angegriffen. Das Ausmaß des braunen Hasses wurde damals unterschätzt. Die freien Gewerkschaften spielten auf Zeit und setzten zunächst auf Anpassung: Als die Nazis den 1. Mai 1933 zum Feiertag ausriefen, erfüllten sie damit immerhin eine alte Forderung der Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaften beteiligten sich gemeinsam mit den ­Faschisten an der pompösen Feier zum „Tag der Nationalen Arbeit“.

Zunächst hätten die Gewerkschaftsspitzen geglaubt, dass sie die Nazis überstehen könnten. „Das war eine Fehleinschätzung“, sagt Mielke. Später gingen Gewerkschafter in den Widerstand. Doch anfangs wollten viele die kommende Gefahr noch nicht ­sehen.
Heutzutage wird häufig weggeschaut, wenn Nazis zuschlagen. Nach dem brutalen Überfall auf Guido R. werden die Täter nicht gefunden. „Die Streifenpolizisten hatten wahrscheinlich wenig Lust, gegen eine Horde von Nazis zu ermitteln“, sagt Guido R.
Zwar spüren Polizisten schon kurz nach der Tat die Nazigruppe auf, aus deren Mitte die Schläger vermeintlich kommen und nehmen deren Personalien auf. Doch trotzdem schafft es die Polizei nicht zu klären, wer von ihnen sich an dem Angriff beteiligt hat. „Da hätten die mit einem ganzen Mannschaftsbus hinfahren und die Nazis stellen müssen. Die werden sich zurückgehalten haben“, sagt Guido R. Die Ermittlung wird beendet, ohne dass ein Gerichtsverfahren eingeleitet wird. Das macht ihn heute noch wütend: „Unter den Umständen ist es nachvollziehbar, aber dass die Nazis damit durchgekommen sind, ist absolut ärgerlich. Vielleicht wäre das nicht nötig gewesen, wenn die Polizei vor Ort engagierter ermittelt hätte.“

Das ist kein Einzelfall: Eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass immer wieder rechte Straftaten von staatlicher Seite vernachlässigt oder gar verharmlost würden. „Quer durch die Republik machen es Polizei, Justiz und Politiker rechten Demokratiefeinden allzu einfach, immer mehr gesellschaftlichen Raum einzunehmen“, folgert Autorin Marion Kraske.

Was können wir in der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) gegen ein Erstarken des Rechtsextremismus tun?

Damals, nachdem die freien Gewerkschaften zerschlagen wurden, gingen mutige Kolleginnen und Kollegen in den Widerstand. Mit persönlichem Risiko vernetzten sie sich, klärten über Nazi-Verbrechen auf und unterstützten NS-Opfer.

Wenn es heute darum geht, Widerstand gegen rechts zu leisten, steht die IG BAU in der ersten Reihe. So beteiligt sich die Junge BAU regelmäßig an Bündnissen, wie „Dresden Nazifrei“, und bietet bundesweit Grundlagenschulungen über Rechtsextremismus an.
Wenn bekannt wird, dass ein IG BAU-Mitglied eine rechtsextreme Einstellung hat, droht ein Ausschlussverfahren. Denn laut Satzung kann unter anderem derjenige ausgeschlossen werden, der „Mitglied in rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Organisationen oder Parteien ist“ oder „die demokratische und soziale Grundordnung bekämpft“.

Christian Beck, IG BAU-Bundesjugendsekretär, sagt: „Deren geistige Väter haben unsere Leute verhaftet, gefoltert und ermordet. Die haben bei uns nichts verloren.“

Gegen Rassismus stellt sich die IG BAU auch als Mitglied des Vereins „Mach meinen Kumpel nicht an“. Die Initiative setzt sich für gleichberechtigtes Miteinander und Chancengleichheit aller Menschen ein.

Auch in Bezirksverbänden der IG BAU tut sich was. So zum Beispiel in Mecklenburg: Bezirksverbandsvorsitzender Manfred Scharon geht im Rahmen eines DGB-Projekts in Baubetriebe. Dort spricht er mit Beschäftigten über die Gefahr, die von rechtem Gedankengut im Betrieb ausgeht. „Wir sollten nicht glauben, dass wir da drüberstehen und in unseren Betrieben nichts passiert“, wirbt er für einen Ausbau der Aufklärungsarbeit. „Die IG BAU muss in dem Bereich mehr machen“, sagt er.

Unsere Kolleginnen und Kollegen lassen wir nicht im Stich. Guido R. wurde nach dem brutalen Nazi-Überfall von der IG BAU unterstützt. „Ich hatte sofort Ansprechpartner auf allerhöchster Ebene, und wenn da was war, ein Anruf hat genügt, und die haben sich um alles gekümmert“, sagt er.

Erfolg gegen rechts gibt es nur gemeinsam. Darum gilt: Gründe Arbeitsgruppen in Deinem Bezirksverband, beteilige Dich an Demonstrationen gegen rechts. Damit wir sagen können: Wir haben aus der Geschichte gelernt, wir leisten Widerstand.

Hier kannst Du Dich in der IG BAU gegen Neonazis engagieren:

Ein Beitrag unseres Volontärs Julian Fath in der IG BAU-Mitgliederzeitschffit "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe Mai 2013.