Arbeit und Wirtschaft


Mit Handicap im Job

Wie Schwerbehindertenvertretungen helfen


© Matthias Frank Schmidt / zplusz
18.10.2016
Im vergangenen Jahr waren in Deutschland 1,15 Millionen Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. So viele wie noch nie. Tendenz steigend, denn jeder kann betroffen sein. Man sieht ihnen ihr Handicap oft nicht an, die meisten haben sich im Laufe ihres Arbeitslebens so kaputt geschafft, dass sie als schwerbehindert eingestuft werden (müssen).

Zu den körperlichen und psychischen Einschränkungen kommt noch die Angst vor den Reaktionen von Chefs und Kollegen sowie um den Arbeitsplatz hinzu. Wichtige Ansprechpartner sind in diesen Momenten die Mitglieder der Schwerbehindertenvertretung, die den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Hier berichten drei von ihnen über ihre Erfahrungen.

Aufklären, überzeugen, helfen

Klaus Ullrich, Bundesanstalt für Immobilien/Bundesforst
„Von den 6500 Beschäftigten bei der Bundesanstalt für Immobilien sind knapp 600 schwerbehindert. Das entspricht einer Quote von 9,1 Prozent. Beim Bundesforst, zu dem ich gehöre, sind es etwa 120 von 1100. Ein Großteil von ihnen ist im Laufe ihres Arbeitslebens krank ge- und als schwerbehindert eingestuft worden. Zunehmende Leistungsanforderung und einseitige Belastung sind die Hauptursachen.

Damit es erst gar nicht soweit kommt, spielt Prävention eine wichtige Rolle. Beispielsweise hat bei uns jeder der circa 500 Beschäftigten in der Waldarbeit zwei Arbeitsstunden pro Woche zur Verfügung, um etwas für seine Gesundheit zu tun. Leider nutzen nur wenige diese Möglichkeit. Für Kolleginnen und Kollegen, die von einer Schwerbehinderung betroffen sind oder sein könnten, gibt es Möglichkeiten, die Arbeit zu erleichtern oder – falls nötig – einen anderen Arbeitsplatz anzubieten.

Ich empfehle: früh genug melden. Davon haben beide Seiten etwas – die Betroffenen selbst, aber auch der Arbeitgeber. In Zeiten der Fachkräftesicherung wächst die Bereitschaft, jemanden mit Handicap zu beschäftigen. Aber es fehlt oft das Wissen, welche finanziellen und technischen Förderungen überhaupt möglich sind. Darin sehe ich meine Aufgabe – aufklären, überzeugen, Lösungen finden.

Ein Beispiel aus meiner Tätigkeit: Ein Azubi ist während der Arbeit so schwer gestürzt, dass er querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzen muss. Nachdem klar war, dass er die Ausbildung trotzdem fortführen wollte, habe ich alle Hebel und Hilfsmöglichkeiten in Bewegung gesetzt, und der Arbeitgeber hat gut mitgezogen. Der junge Mann hat die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und arbeitet als hoch geschätzter Kollege immer noch bei uns.“

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Service:

Das soziale Gewissen im Betrieb

Jürgen Bücher, Schäfer-Kalk
„Ganz klar: Die Leute müssen mir vertrauen. Das ist das A und O meiner Arbeit für die rund 50 schwerbehinderten Beschäftigten bei Schäfer-Kalk in den Werken Hahnstätten und Steeden. Sie müssen merken, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten bei mir in guten Händen sind. Und sie aufgrund ihres Handicaps keine Nachteile befürchten müssen. Der Erhalt des Arbeitsplatzes – gegebenenfalls mit technischen Hilfsmitteln – steht an erster Stelle. Sollte dies nicht möglich sein, findet sich im Betrieb eventuell ein alternativer Arbeitsplatz.

Natürlich gibt es auch Grenzen, aber wir schöpfen in der Regel erst alle Möglichkeiten aus, bis wir zusammen mit dem Betroffenen entscheiden: Es geht nicht mehr. Wir, das sind der Arbeitgeber und Führungskräfte, der Betriebsrat und natürlich ich, die Vertrauensperson für die Schwerbehinderten. Gemeinsam haben wir einen Runden Tisch ,Demografischer Wandel‘ ins Leben gerufen. Hier diskutieren wir Arbeitsprozesse und –abläufe und überlegen, wie sie sicherer und gesünder gestaltet werden können.

Die Angst vor dem Krankwerden und frühzeitigen Ausscheiden von erfahrenen Fachkräften und der damit einhergehende Wissensverlust haben den Arbeitgeber zum Umdenken gebracht. Vielleicht habe ich mit meiner Hartnäckigkeit auch dazu beigetragen. Denn ich nehme meine Position sehr ernst und fühle mich sozusagen als soziales Gewissen im Betrieb, das den Kolleginnen und Kollegen mit Rat und Tat zur Seite steht – auch im Bürokratie-Dschungel. Da muss man immer auf dem Laufenden bleiben. Deswegen ist es besonders
schade, dass es immer noch viel zu wenig Seminare für Mitglieder von Schwerbehindertenvertretungen gibt – da besteht dringender Nachholbedarf.“

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Dann weiß ich: Ich hab‘ einen guten Job gemacht

Hans-Peter Große, STRABAG AG Direktion Thüringen
„Als ich dieses Amt vor zwei Jahren übernommen habe, hatte ich – ehrlich gesagt – wenig Ahnung,was da aufmich zukommt. Ich musste mich erst von Grund auf in die Materie einarbeiten. Hilfreich waren und sind meine Mitstreiter bei STRABAG sowie die Ansprechpartner bei den zuständigen Integrationsämtern. Tritt ein Problem auf, genügt ein Anruf und sie stehen mir mit Rat und Tat zur Seite.

Informationsaustausch ist das A und O – egal ob über neue technische Hilfsmittel oder mögliche Finanzierungsmöglichkeiten. Gesetze und Vorschriften ändern sich ja auch ständig, da kommt man oft ohne das Wissen der Fachleute aus den Integrationsfachdiensten gar nicht hinterher. Ich kannmich nicht beklagen: Die Zusammenarbeit klappt wirklich prima.

Oberste Priorität meiner Tätigkeit ist natürlich, den Arbeitsplatz zu sichern. Bei uns arbeiten beispielsweise Kollegen, die an Skeletterkrankungen leiden, da gibt es schon einige Möglichkeiten, die ihnen das Arbeiten erleichtern können. Wenn die richtigen Partner an einem Tisch sitzen, konstruktiv zusammenarbeiten, dann klappt das schon.

Voraussetzung ist gegenseitiges Vertrauen. Die Betroffenen müssen sich ernst genommen fühlen. Ich nehme mir viel Zeit und besuche die Kolleginnen und Kollegen vor Ort, höre mir ihre Geschichte an und kann so ihre Sorgen und Nöte viel besser verstehen. Sie sind keine bloße Akte, sondern Menschen für mich. Wenn sie sich freuen, dass ich ihnen helfen konnte – dann weiß ich: Ich habe einen guten Job gemacht.“

© Matthias Frank Schmidt / zplusz

Ein Beitrag unserer Kollegin Christiane Nölle in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann" 10/2016.