Landwirtschaft


Spargelsaison: Es ist nicht alles weiß unter der Plane


© PECO
26.05.2016
Wie in jedem Jahr sind auch 2016 auf den Spargelfeldern in Brandenburg ErntehelferInnen unterwegs. Wie in anderen Bereichen der Landwirtschaft, in denen die Kühe einer Region statistisch besser erfasst werden als ArbeitnehmerInnen, weiß man auch im Spargelbereich zwar, wieviel Fläche und Tonnen die Region hat, aber nicht, wieviele Menschen für die Ernte benötigt werden. Schätzungsweise sind es ca. 6.000 ErntehelferInnen aus Polen, Rumänien, Kroatien und Bulgarien, die in Brandenburg tätig sind.

Deshalb habt es sich auch in diesem Jahr die Initiative Faire Landwirtschaft (Peco-Institut e.V., IG BAU, DGB Faire Mobilität und Büro für Entsandte Beschäftigte-BEB) zur Aufgabe gemacht, die ErntehelferInnen erneut zu informieren. 2016 liegt der Mindestlohn für den Osten bei 7,90 Euro und weiterhin die Pfändungsgrenzen für Unterkunft und Verpflegung dürfen nicht überschritten werden. Der Flyer „Neue Regeln in der Landwirtschaft“ informiert darüber in 6 Sprachen.

Nach unseren Erfahrungen des letzten Jahres wurde dem Flyer ein Einleger mit besonderen Hinweisen beigefügt auf:

  • den Erhalt des schriftlichen Arbeitsvertrages (in Muttersprache)
  • die Aufzeichnung und Bezeugung der Arbeitszeiten
  • die Einhaltung des Mindestlohns auch im Falle von Akkordsätzen
  • die Einbeziehung der Abzüge für Kost + Logis in einem schriftlichen Vertrag
  • die kostenfreie Arbeitsschutzausrüstung (Handschuhe, Sonnen- und Regenschutz, Trinkwasser)

Bei den Betriebsbesuchen Mitte Mai wurden aus den kleinen und mittleren Betrieben der Region weniger Beschwerden der ArbeitnehmerInnen an uns herangetragen als in den Großbetrieben. Laut Aussagen von ErntehelferInnen sind dort intransparente Bezahlungskalkulationen im Gange. In nur wenigen Fällen gibt es einen wöchentlichen Zwischenzettel. So kann der/die ArbeitnehmerIn nicht nachvollziehen wie der Stunden-Stand ist, insbesondere wenn er/sie erst die Entgeltabrechnung und Barbezahlung erst kurz vor dem Buseinstieg und der Heimreise bekommt.

Es gibt unklare Abzüge für Unterkunft, Verpflegung und Verwaltungsbögen, der schriftliche Arbeitsvertrag in Muttersprache - wenn es ihn gibt - wird oft nicht ausgehändigt. Wasser steht auf den Feldern nicht zur Verfügung, (die Saisonkräfte müssen sich selbst damit versorgen) und Essen, für das die ArbeitnehmerInnen zahlen, ist nach ihren Aussagen unzureichend für so einen Knochenjob. Mit der Drohung entlassen zu werden wird versucht, jegliche Kommunikation nach außen zu verhindern.

Wir konnten feststellen, dass sich in den gut bekannten und in der Presse umworbenen Großbetriebe die Tricks zur Umgehung des Mindestlohns verschärft haben. Ein Unterschied zwischen Mittelstand und Großbetrieb war deutlich daran zu erkennen, dass erstere kein Problem damit hatten, uns kurzfristig in voller Erntezeit Zugang zu Unterkünften, Hallen, und Feldern zu gewähren und das Gespräch mit den ArbeitnehmerInnen zu ermöglichen. Letztere dagegen verweigerten dies – und gerade dort wurde uns von massiven Problemen berichtet.

Wir wurden von einem Fernsehteam begleitet und gefilmt. Für Interessenten unser Fernsehtipp: die Reportage wird voraussichtlich am Sonntag, 12. Juni 2016, 9:00 Uhr in der ZDF-Sendung „Sonntags“ (Thema „Saisongemüse) gesendet.

Die Initiative Faire Saisonarbeit macht weiter: wir berichten nächsten Monat wieder, diesmal über die Zustände in der Erdbeerernte!