Bauhauptgewerbe


Tatort Essen: Happy End für polnische Bauarbeiter

IG BAU: Konsequente Anwendung des Tariftreuegesetzes erforderlich

© IG BAU
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17.08.2012
Der Nervenkrieg ist zu Ende - die 52 polnischen Bauarbeiter haben ihr schwer verdientes Geld bekommen. Zehn Tage saßen sie mittellos in Essen fest, ihre Unterkunft wurde gekündigt, Verpflegung gab's nur durch Spenden und mit Hilfe der IG BAU. Die wurde über die Beratungsstelle des DGB für entsandte Beschäftigte alarmiert.

Vier Wochen lang hatten sie die Kernsanierung des Klinikgebäudes an der Essener Virchowstraße – eine Baustelle des Landschaftsverbands Rheinland – durch Abbrucharbeiten für den Umbau vorbereitet. Lohn dafür? Nicht die vereinbarten wöchentlichen Abschlagszahlungen sonder einmalig 190 Euro in der ersten Woche – das war’s. Völlig verzweifelt wandten sich die Bauarbeiter an die Beratungsstelle des DGB, die sofort die Kolleginnen und Kollegen der IG BAU in Essen einschaltete. Die wurden sofort aktiv, verhandelten über die Zahlung der ausstehenden Löhne.

Das hatten die Bauleute Anfang vergangener Woche erst selbst versucht. Als sie versuchten, die vereinbarten Abschlagszahlungen zu bekommen, wurden sie von der Baustelle gejagt. Zu allem Überfluss wurden sie auch noch von ihrer Vermieterin auf die Straße gesetzt. Angeblich hatte die Firma, die die Unterkünfte in Gelsenkirchen anmietete, nicht gezahlt und den Mietvertrag zwischenzeitlich gekündigt.

Doch die Rechnung des Bauunternehmers ist nicht aufgegangen. Die Kollegen sind nicht – wie von ihm offenbar gewollt – nach Polen gefahren, um dort auf ihren Lohn zu warten. Mit Hilfe der IG BAU Mülheim-Essen-Oberhausen (MEO) suchten sie die Öffentlichkeit, verhandelten mit Vertretern der Bauleitung, des Generalunternehmens und dem Auftraggeber, dem Landschaftsverband Rheinland (LVR). Der LVR hatte den Auftrag für die Abbrucharbeiten an die Durmaz & Köse Fach-Mann GmbH aus Nürnberg vergeben, die wiederum an einen Nachunternehmer (Fach-Mann, Polska).

"Wir sind hier, wir sind laut weil man unsere Löhne klaut"

Eine Welle der Hilfsbereitschaft rollt an

Kaum wurde bekannt, wie übel den polnischen Bauarbeitern mitgespielt wurde, erfuhren die Kollegen von unerwarteter Seite viel Unterstützung und praktische Solidarität. Während ihrer Demonstration an der Virchowstraße konnten die 50 Kollegen eine größere Geldspende einer Passantin entgegennehmen - und damit Lebensmittel für das Wochenende besorgen.

Hinter den Kulissen sind ehren- und hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen aktiv: organisieren das Essen, Schlafplätze, schreiben Flugblätter, Pressemitteilungen, werben in vielen Telefonaten um Solidarität mit den polnischen Bauarbeitern. Sie tun das mit viel Engagement und großem Erfolg. Dank der Medienberichte trafen zwischenzeitlich weitere private Geldspenden und Solidaritätsbekundungen bei der IG BAU Mülheim-Essen-Oberhausen ein. So zum Beispiel die einer Essenerin, die aus der Zeitung von dem Skandal erfuhr und den Kollegen einen Schlafplatz angeboten hat. ver.di Personalräte der Uni-Klinik haben am Freitag Essen und Getränke spendiert. LVR-Personalräte waren vor Ort und haben ihre Solidarität bekundet, Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE haben sich solidarisch erklärt sowie Geldspenden überweisen.

An einen Skandal in dieser Größenordnung kann man sich in Essen kaum erinnern. 50 Bauarbeitern wird der Lohn für mehrere Wochen Arbeit nicht ausgezahlt und der Vermieter setzt sie auf die Straße. Die Gier nach dem schnellen Geld bestimmt in beiden Fällen das Verhalten von Firmeninhaber und Vermieter. Durchstehen können die Männer im Alter von 20 Jahren bis 55 Jahren das eigentlich nur durch die große Unterstützung aus der Bevölkerung.

Zähe Verhandlungen - Freitagabend der Durchbruch

Am späten Freitagabend dann der Durchbruch nach 10 Tagen zäher Verhandlungen: der Bauunternehmer hat endlich seine Ansprüche gegenüber dem Bauherren, dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), an die IG BAU abgetreten. Damit kann der LVR nun direkt an die IG BAU zahlen - und die zahlt am Montag die polnischen Kollegen aus: 73.000 Euro. Nach über einer Woche Nervenkrieg haben die Kollegen ihr schwer verdientes Geld in Händen - und können nach Hause zu ihren Familien. Das tun sie umgehend - doch zuvor hören die Gewerkschafter im Essener Gewerkschaftshaus von jedem ein überaus herzliches "Serdecznie dziękuję!“ (Vielen Dank!).

"Es ist ein Trauerspiel, dass so etwas immer wieder bei uns stattfindet", sagt Gewerkschaftssekretär Holger Vermeer, der die Verhandlungen für die Baugewerkschaft führte. " Wir brauchen gerechte Mindestlöhne und vor allem Kontrollen, die diese überwachen".

Sehr positiv bewertet die IG BAU MEO das Verhalten und die Aktivität der Verantwortlichen des LVR (Landschaftsverband Rheinland). Ohne Umschweife wurde von verantwortlicher Stelle der regelmäßige Kontakt zur IG BAU gehalten, schnelle und möglichst unbürokratische Lösungen im Interesse der Bauarbeiter gesucht. Aktuell äußerte sich der LVR, auf dem Hintergrund der Vorfälle bei zukünftiger Vergabe deutlich intensiver auf die Tariftreue - seit dem 1. Mai 2012 Gesetz in NRW - zu pochen.

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Geschafft - glückliche Bauarbeiter bei der Auszahlung

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Konsequente Anwendung des Tariftreuegesetzes notwendig

Die IG BAU Mülheim-Essen-Oberhausen (MEO) wird sich verstärkt dafür einsetzen, dass das Tariftreuegesetz konsequent angewandt wird. Die Kritik der Gewerkschaften am Entsendegesetz bestätigt sich leider einmal mehr im vorliegenden Fall. Die IG BAU MEO fordert eine ständige, regelmäßige Kontrolle der im Land auf der Basis des Entsendegesetzes tätigen Unternehmungen durch qualifiziertes unabhängiges Personal. "Wird diese Forderung nicht in die Tat umgesetzt, sind Eintragungen in einer Zuverlässigkeitsliste, einseitige Erklärungen und selbst Vertragsformulierungen das Papier nicht wert“, betont der stellvertretende Bezirksvorsitzende der IG BAU Mülheim-Essen-Oberhausen, Peter Köster.