E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser

Einer von uns: Erhan Erbay

Erhan sucht Rat bei seiner Gewerkschaft in Gelsenkirchen-Buer
Erhan sucht Rat bei seiner Gewerkschaft in Gelsenkirchen-Buer © IG BAU (Kalle Meyer)
18.08.2014
Erhan Erbay hat einen langen Atem und viel Geduld. Diese Eigenschaften waren für den 30-Jährigen gold(geld)wert bei seinem Kampf um einen gerechten Lohn. Als der Straßenbauer im Jahr 2012 seine Lohnabrechnung genauer studiert, stutzt er: „Ich werde ja nur nach Mindestlohn 1 (Werker), 11,05 Euro die Stunde, bezahlt.“ Das ist ungerecht. Immerhin kann Erhan eine dreijährige Ausbildung zum Spezialtiefbau-Facharbeiter mit Gesellenbrief vorweisen. Lohngruppe IV, 17,07 Euro, käme schon eher hin.

Erhan nimmt allen Mut zusammen und bittet bei seinem Arbeitgeber um ein klärendes Gespräch. „Ich kam mir wie ein Bittsteller vor.“ Und so wurde der Bauarbeiter auch behandelt. Hinhaltetaktik und vage Versprechungen. Frustriert verlässt er das Büro des Bauleiters.

Erhan wird von Baustelle zu Baustelle versetzt und bekommt Hilfsarbeiten aufgebrummt. Trotz Einschüchterungsversuchen hakt er immer wieder mal bei seinen Chefs wegen einer Lohn-Umgruppierung nach. „Auch von meinen Arbeitskollegen hätte ich mir mehr Solidarität gewünscht. Vor allem, dass wir gemeinsam um den gerechten Lohn kämpfen. Sie haben aber Angst um ihren Arbeitsplatz und ziehen den Kopf ein. Schade. Denn Einigkeit macht bekanntlich stark“, stellt Erhan fest.

Nach zweijährigem Kampf platzt ihm endgültig der Kragen: „Ich bin nicht hier, um zu betteln, sondern möchte, was mir zusteht. In der Türkei heißt es: ‚Man klagt nicht gegen seinen Vater.’ Aber Sie lassen mir keine andere Wahl“, sagt Erhan wütend zu seinem Chef. Wieder null Reaktion. Da kam der Baustellenbesuch von IG BAU-Mann Martin Mura gerade recht. „Ich erzählte ihm meine Geschichte. Er machte mir Mut und überzeugte mich, vor dem Arbeitsgericht zu klagen“, erinnert sich der Gladbecker noch ganz genau.

Die Fleißarbeit hat sich gelohnt

An einem Donnerstag um 18 Uhr: Erhan, Martin Mura und Heinz Wessendorf, IG BAU-Bezirksverbandsvorsitzender von Bochum-Dortmund, treffen sich im Gewerkschaftsbüro in Gelsenkirchen-Buer. Auf dem großen Schreibtisch im Besprechungszimmer stapeln sich Aktenordner und Papiere. Die Kolleginnen des IG BAU-Büros haben in weiser Voraussicht schon mal Erfrischungsgetränke und Kaffee bereitgestellt.

Eifrig durchforsten die drei Gewerkschafter Erhans Tätigkeitsnachweise der vergangenen vier Monate. Martin Mura schreibt alle Details in seinem Laptop auf. Der Verwaltungsakt muss sein. Denn für die Klage vor dem Arbeitsgericht müssen die Baustellen, auf denen Erhan in den vergangenen vier Monaten gearbeitet hat, das genaue Datum mit Uhrzeit und die Tätigkeitsbeschreibungen, möglichst mit Zeugenangaben, aufgelistet werden. „Der komplizierte Papierkrieg schreckt viele Arbeitnehmer davon ab, ihr Recht einzuklagen. Das ist unklug. Denn dafür gibt’s von den Kolleginnen und Kollegen in den IG BAU-Bezirksverbänden Unterstützung. Sie sind die absoluten Profis“, weiß Erhan aus eigener Erfahrung.

Die Kaffeekanne ist leer. Erhan, Martin und Heinz gähnen um die Wette. Um drei Uhr sind sie nicht nur mit der Recherche, sondern auch mit den Nerven fertig. Die Tätigkeitsnachweise sind komplett – einer Klage vor dem Arbeitsgericht steht nun nichts mehr im Wege. Und nach der Verhandlung gab’s von der Richterin ein dickes Lob für die Fleißarbeit.

Mit der Eingruppierung in Lohngruppe IV hat es zwar nicht geklappt, aber Lohngruppe III mit immerhin 880 brutto mehr im Monat ist auch nicht schlecht. Damit hat das perfekte Teamwork zwischen Ehren- und Hauptamt in der IG BAU-Region Westfalen Früchte getragen. „Jetzt kann ruhig mal die Waschmaschine kaputtgehen“, meint Erhan trocken und sieht sein Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ bestätigt.

Über das fette Plus in der Familienkasse freuen sich auch seine Frau Dilek, Sohn Atakan (acht Jahre) sowie Tochter Kübra (vier Jahre). Und Erhan verschmitzt: „Nun kann ichwieder öfters auf Schalke gehen. Das ist doch Ehrensache, wenn man in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen ist.“

© IG BAU (Kalle Meyer)

Ein Beitrag unserer Kollegin Gerlinde Dickert in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe 07-08/2014.