Junge BAU


Von Zwangsarbeit und Faschismus zu Arbeitszwängen und Rassismus


© IG BAU (Niel Ponczeck).
15.05.2015
Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus trafen sich Jugendliche und junge Erwachsene von der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ), der Kolpingjugend und der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU ). Die Jugendverbände nutzten diese Gelegenheit, um in Osnabrück ein ganzes Wochenende auf ihre gemeinsame Vergangenheit zu schauen und um mehr über das System der Zwangsarbeit im Dritten Reich zu erfahren. „Man muss die Vergangenheit kennen und die Gegenwart verstehen, um die Zukunft zu gestalten“, sagte Harry Gosch, Bundesjugendvorsitzender der IG BAU. „Eine Welt ohne Krieg, Faschismus und Rassismus!“

Generalvikar Theo Paul und Klaus Fischer, Regionalsekretär der IG BAU, zeigten in ihrem gemeinsamen Referat viele Parallelen der Gewerkschaftsbewegung und der christlichen Soziallehre auf. So schuf beispielsweise Adolph Kolping mit seinen Gesellenvereinen einen Ort, an dem sich Arbeiternehmer organisieren und weiterbilden konnten. „Auch wenn Gewerkschaften und Verbände wie Kolping und die CAJ unterschiedliche Wege beschritten und beschreiten, so versuchen sie doch alle dieselben Fragen zu beantworten,“ fasste Sebastian Cichos, ehrenamtlicher Diözesanleiter der CAJ Osnabrück, zusammen.

Den Überblick über das System der Zwangsarbeit gab am Samstag Dr. Michael Gander, Leiter der Gedenkstätte Augustaschacht, in verschiedenen Workshops. „Wir müssen aktiv daran erinnern, was damals geschah. Es ist unser Erbe und unsere Verantwortung, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschehen wird,“ unterstreicht Carsten Burckhardt, Mitglied des Bundesvorstandes der IG BAU.

Damit nicht nur über Menschen, sondern auch mit Menschen gesprochen werden konnte, hat Igor Rudchin für diese Veranstaltung den weiten Weg von Sewastopol /Krim auf sich genommen. Als 15-jähriger wurde er von der offenen Straße nach Deutschland verschleppt und musste als Zwangsarbeiter in den Klöckner-Werken in Georgsmarienhütte arbeiten. Sehr emotional sprach er über den Hunger, die schwere Arbeit und jeglichen Verlust von Würde und Menschlichkeit, durch die vorherrschende Ideologie in Nazi-Deutschland.

Er ist heute noch zu tiefst dankbar, dass ihn ein deutscher Arbeiter zu essen gab und ihn in seiner Familie willkommen hieß, auch wenn es ein großes Risiko für ihn und seine Familie war. Durch die Erfahrung von Menschlichkeit und Wertschätzung hatte er die Kraft, die alltägliche Demütigung zu überstehen.

Die Teilnehmer waren von der Begegnung mit dem knapp 88-Jährigen und dem Gespräch zutiefst beeindruckt.

Damit es aber nicht nur beim Erinnern blieb, wagten die Teilnehmer auch einen Blick auf die Gegenwart. Was bedeutet der Missbrauch von Werksverträgen und Rassismus für Arbeitnehmer die aus der EU und der ganzen Welt nach Deutschland kommen, um zu arbeiten? Bernhard Hemsing Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) in Osnabrück klärte in einer Diskussionsrunde darüber auf. Maren Kösener, Mitglied der Kolpingjugend Osnabrück, dazu: „Rassismus und Arbeitszwänge sind eine Herausforderung, der wir uns als kirchliche Verbände und Gewerkschaften heute stellen müssen! Unsere Verbände stehen für die Werte der Menschlichkeit und Solidarität - warum also nicht gemeinsam dafür einstehen?“

Am Sonntag diskutierten die Teilnehmer mit Gero Lüers, stellvertretender Regionalleiter der IG BAU der Region Weser-Ems, Generalvikar Theo Paul und Dr. Klaus Lang (Gedenkstätte Augustaschacht), welche Handlungsmöglichkeiten Kirchen und Gewerkschaften im Umgang mit Arbeitszwängen, Ausbeutung und Rassismus in der Arbeitswelt haben. Schnell stellte sich auch aus dem Plenum heraus, dass wir dafür Hand in Hand arbeiten müssen, um etwas bewirken zu können. So entstand die Idee, ein weiteres Treffen zwischen Kolpingjugend, CAJ und Junger BAU zu organisieren, um sich besser kennen zu lernen und gemeinsam zum Thema „prekäre Arbeit“ zu diskutieren und zu arbeiten. „Ich bin tief bewegt, wie diese doch so unterschiedlichen Jugendverbände sich angenähert, Vorurteile ausgeräumt haben und sogar zu ihren gemeinsamen Themen zusammen arbeiten wollen!“, bekundete Reinhard Molitor, Diözesanpräses des Kolpingwerkes Osnabrück.

Abschließend wurde in einer Andacht am Mahnmal den Opfern des NS-Terrors gedacht. Der Zeitzeuge Igor Rudchin gab uns allen mit auf dem Weg: „ Kämpft weiter so mutig und gemeinsam gegen Faschismus, Rassismus, Krieg, Ausbeutung und Ausgrenzung.“

Ein Beitrag unserer Kollegin Natascha Ponczeck.

© Frederick Heidenreich.

IG BAU (Natascha Ponczeck).

© IG BAU (Niel Ponczeck)