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Wer klopfet an....

Flüchtlinge in Deutschland


© IG BAU
20.12.2014
Die Weihnachtsgeschichte ereignet sich in diesem Winter direkt vor unseren Türen. Menschen, die durch Krieg und Gewalt aus ihrer Welt gerissen wurden, sind jetzt Flüchtlinge und klopfen bei uns an. Sie haben Schreckliches erlebt, sie suchen Sicherheit und Asyl. Aber sie wollen nicht nur etwas, sie bringen uns auch vieles mit.

Weil sie ja nicht registriert waren und die zuständigen Beamten vermutlich schon im Feierabend, mussten gut 100 Neuankömmlinge in der Münchner Bayernkaserne im Oktober bei fünf Grad Celsius eine Nacht im Freien verbringen. Viele schliefen auf dem blanken Boden. Decken hätte es nur für Registrierte geben können, betonte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).

Bis 2.500 Menschen drängten sich zeitweise in der Münchner Bayernkaserne, jetzt ist die Belegung wieder auf 1400 bis 1600 Flüchtlinge eingepegelt. Margit Merkle von der Flüchtlingshilfe München, die in der Kaserne aktiv ist, sagt: „Das war ein hausgemachtes Problem.“ Die Kasernengebäude seien auf 1200 Personen ausgelegt, „aber das hat eben lang gedauert, bis die Regierung das kapiert“.

Wie überall in Deutschland wurden auch in München „Überkapazitäten“ für Flüchtlingsheime aus der Zeit des Jugoslawienkriegs abgebaut und abgestoßen. Maßgeblich daran beteiligt: die Rechnungshöfe. Jetzt müssen Flüchtlinge in ausgedienten Möbelhäusern und kalten Lagerhallen hausen, in Zelten, Turnhallen und Containern. (Mag sich jemand vorstellen, wie lang so ein Tag dort werden kann?) In Oberursel am Rande des Taunus sind die rostigen Blechkisten schon 30 Jahre alt, durch die Löcher schlüpfen Ratten. Keinem Bauarbeiter, gleich welcher Nationalität, wäre das zuzumuten.

Mindeststandards in Sachen Flüchtlingsunterbringung sind mancherorts noch Mangelware. Es scheint, viele Menschen in Deutschland sind auf die hier ankommenden Flüchtlinge besser eingestellt als manche Behörden, Ämter und Kommunen. Quer durch die Republik fangen viele ehrenamtliche Helfer und soziale Organisationen manches an Not ab und leisten viel Sinnvolles. „In der Bevölkerung ist eine große Stimmung zum Helfen da“, berichtet Margit Merkle stellvertretend.

Erfahrung mit Flüchtlingswellen

Bei all den Debatten über Flüchtlings- und Integrationspolitik hilft es, ein wenig in die Vergangenheit zu schauen. Deutschland ist nicht nur ein reiches Land, es hat auch immer wieder Flüchtlinge aufgenommen - und davon profitiert. Das war schon so mit den französischen Hugenotten im 16. Und 17. Jahrhundert. Sie waren Religionsflüchtlinge, oft hoch qualifiziert, ohne sie wäre Berlin vermutlich ein Ackerstädtchen geblieben.

Verkraftet wurden die Flüchtlingsströme des Zweiten Weltkriegs, die Wanderbewegungen im Zug der deutschen Wiedervereinigung und die Flüchtlinge des Jugoslawienkriegs.Was es heißt, vertrieben worden zu sein, das wissen bei uns eigentlich noch viele.

Für das Gesamtjahr 2014 rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit rund 200.000 Asylanträgen. Das ist mehr als in den vergangenen Jahren. Gemessen an der Bevölkerungszahl und der Wirtschaftsleistung nehmen aber Schweden, Norwegen, Malta und sogar das kleine Luxemburg das Zwei- oder gar Dreifache an Flüchtlingen auf. Über die Unterscheidung zwischen Kriegsflüchtlingen und Armutsflüchtlingen ist dabei noch gar nicht geredet.

Alle Arbeitsmarktexperten sind sich einig: Deutschland braucht zugewanderte Arbeitskräfte. Die EU insgesamt ist nach Überzeugung von Handelskommissarin Cecilia Malmström auf Zuwanderung angewiesen. „Wir schrumpfen“, sagte sie bei der Vorstellung einer Studie. Der Generationenvertrag in Europa sei ohne Zuwanderer „akut bedroht.

Dass Migranten das Sozialsystemuntergraben, stimmt nicht.“ Zu diesem Ergebnis kam jüngst auch eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung, nach der gerade die Migranten mehr in die Sozialsysteme einzahlen, als sie zurückbekommen. Jeder sechste Unternehmer in Deutschland hat heute ausländische Wurzeln. Insgesamt 2,2 Millionen Arbeitsplätze wurden bisher von Migranten geschaffen.

Niemand verlässt ohne große Not sein Haus, seine Verwandten und Freunde, seine Heimat. Ob Syrien, Somalia, Eritrea, Afghanistan, Südsudan, Irak oder Libyen, oft sind es nicht die Ungebildetsten, die nach Deutschland kommen. Wir können sie gut gebrauchen. Viele gute und beste Kräfte wurden schon wieder gehen gelassen. Es gibt bei den Behörden immer noch zu wenig Augenmerk dafür.

Ein Wandel ist notwendig

„Wir brauchen einen politischen und kulturellen Wandel in der Gesellschaft, mehr Offenheit und eine Haltung, die Einwanderung als Bereicherung begreift“, bekräftigt der IG BAU-Bundesvorsitzende Robert Feiger einen entsprechenden Beschluss des DGB vom Sommer. Das geht freilich (noch) nicht in alle Köpfe. Es gibt die Unbelehrbaren, es gibt die Neo-Nazis. Dafür aber viele mehr, die dagegenhalten – nach dem Motto: „Mach meinen Kumpel nicht an!“

Nachdem vier junge Männer an einem Sonntagmorgen im hessischen Wohratal in die von rund 50 Menschen bewohnte Unterkunft eingebrochen waren und mehrere Türen eingetreten hatten, gab es als Gegenreaktion eine breite Unterstützungswelle in der Bevölkerung. Auf Initiative von IG BAU-Jugendbildungsreferent Jan Meyer organisierte der Bezirksvorstand der IG BAU Mittelhessen Unterrichtsmaterialien von der IG BAU-Bildungsstätte Steinbach. Sie sind nun bei den ehrenamtlichen Deutschkursen im Einsatz.

Ines Janker hat für ihre Schützlinge bereits einen Laptop organisiert. „Meine Familie“ nennt die IG BAU-Verwaltungsangestellte aus Wendelstein bei Nürnberg die drei jungen Menschen aus Somalia, die derzeit noch im Kirchenasyl sind. Abdi (23) und der hochschwangeren Sana (22) gelang die Flucht vor islamistischen Milizen. Weil sie vor Lampedusa aus dem Meer gefischt wurden, gilt das hoffnungslos überforderte Italien als ihr Erstaufnahmeland. Dorthin sollten sie direkt nach der Entbindung des kleinen Mohammed abgeschoben werden. Die bürokratische Hartherzigkeit sorgte für einen Aufschrei und bestärkte die Flüchtlingsarbeit in Wendelstein. Das Asylcafé im Ort hat seitdem viele Unterstützer. Integration als Bürgersache.

Ines Janker will Abdi eine Ausbildung schaffen, ackert für einen Berufsschulplatz. Viermal in der Woche büffelt Abdi Deutsch bei Ehrenamtlichen, computergestütztes Lernen soll zusätzlich helfen. Deshalb der Laptop. Abdi ist technisch geschickt und will – wie die allermeisten Flüchtlinge – niemandem zur Last fallen, sondern einfach eine Chance auf Arbeit und ein eigenes Auskommen

Zwei Schülerinnen machen Schule

Die Menschen, die zu uns nach Deutschland kommen, wollen in absoluter Überzahl in keine soziale Hängematte, sie wollen arbeiten. „Das ist immer das Erste, was sie sagen“, betont Margit Merkle. „Ich will Deutsch lernen. Ich will arbeiten.“ Ein Anrecht auf einen amtlich bezahlten Sprachkurs gibt es eigentlich erst nach der Anerkennung, viele nutzen jede Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Das ist einer der Gründe, warum die Idee zweier Schülerinnen in Bad Soden am Taunus so begeistert angenommen wird. Die 17-jährige Melanie Zimmermann hat mit ihrer Freundin Marja-Lena Jacobi kurzentschlossen im Jugendcafé einen Flüchtlingstreff eingerichtet, bei dem man sich die Augen reibt, wie entspannt sich hier Menschen aller möglichen Kulturen begegnen.

„Willkommen – Jugendliche treffen Flüchtlinge unserer Stadt“, lautet das Motto. Die Initiative zieht Kreise, Freunde und Eltern machen mit, an den Schulen gibt es Projektwochen, Kontakte entstehen. Die beiden jungen Frauen haben einen Stein ins Wasser geworfen, der die Flüchtlingsarbeit am Ort bestens ergänzt.

Aktive Solidarität mit Flüchtlingen ist für viele junge Menschen und besonders für junge Gewerkschafter wie Stanislas Heubel-Parodi in Frankfurt am Main selbstverständlich. Zusammen mit anderen vom Jugendclub des DGB hat er im Frankfurter Gewerkschaftshaus zum Beispiel eine Kleidersammlung organisiert und war erstaunt: „Unfassbar, was da zusammengekommen ist. Das war überwältigend.“ Die Flüchtlinge, die er in Frankfurt kennt, sind fast alle von Abschiebung bedroht. „Die Situation ist für viele schwierig“, berichtet Stani. Neulich machte er das Frankfurter Sozialdezernat darauf aufmerksam, dass sechs Flüchtlinge aus Ghana und Togo unter der Friedensbrücke auf Kartons und Decken schlafen, einer sei schon erkrankt. Statt einer Unterkunft („höchstens eine einzelne Notübernachtung“) bot das Amt den Flüchtlingen an, „eine Fahrkarte in das Land zu bezahlen, in dem sie ihren Asylantrag gestellt haben“. Stani findet das zynisch. Er will, dass mehr für Flüchtlinge getan wird als Abschiebe-Fahrkarten auszustellen.

Wie viele Gewerkschafter fordert er einen besseren Umgang mit den Flüchtlingen und findet Geschäfte wie jüngst zwischen Bund und Ländern anrüchig. Weil die Bundesregierung den Bundesländern 500 Millionen Euro mehr für Flüchtlinge zur Verfügung stellen wird, wollen SPD und Grüne im Gegenzug für neue, einschränkende Gesetze zum Asyl und zur Migration innerhalb der Europäischen Union stimmen. Die medizinische Versorgung bleibt so weiterhin ein Schwachpunkt, und Aufenthaltsrechte werden eingeschränkt. Dabei ruft auch die Wirtschaft immer mehr nach einem Politikwechsel.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) will ein Abschiebeverbot für asylsuchende Jugendliche während ihrer Ausbildung. DIHK-Präsident Eric Schweitzer forderte jetzt Anfang Dezember junge Flüchtlinge auf, sich bei Unternehmen und den Verbandsstellen zu melden. „Wir haben noch 38 000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Flüchtlinge sind herzlich willkommen.“

Im konservativen Bayern wollen die Industrie- und Handelskammern das „Modell 3 + 2“, drei Jahre Sicherheit während der Ausbildung und dann noch zwei obendrauf, um den Betrieben und den Menschen Perspektiven zu geben. In Bayern leben derzeit rund 10.000 berufsschulpflichtige junge Flüchtlinge im Alter von 16 bis 21 Jahren. 3.300, rund 30 Prozent, besuchen eine Berufsschule. Aktuell gibt es 180 Flüchtlingsklassen an bayerischen Berufsschulen.

Auf Zuwanderung angewiesen

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen haben Zuzügler aus dem Ausland seit 2008 die Hälfte der 2500 neuen Arbeitsplätze im Landkreis besetzt. Der Bauunternehmer und IHK-Vorsitzende Reinhold Krämmel aus Wolfratshausen betont: „Unser beeindruckendes Wirtschaftswachstum ist ohne ausländische Fachkräfte nicht zu stemmen. Die Betriebe sind auf die Zuwanderung angewiesen, um die Lücken zu füllen, die durch den demografischen Wandel entstehen.“

In Oberbayern ist der Anteil der Beschäftigten mit ausländischem Pass in den vergangenen fünf Jahren von 11,6 auf 14,3 Prozent gestiegen. Aber es fehlt an Nachwuchs. Deshalb die Forderung nach „3 + 2“ und nach einer Stärkung der Berufsschulen. Hier schlägt auch die Stunde der Gewerkschaftsmitglieder. Nämlich, wenn es um Arbeit für die Neuankömmlinge geht. Jedes IG BAU-Mitglied kann im Betrieb für ein entsprechendes Klima sorgen, kann Chef und die Kollegen überzeugen, einem Flüchtling eine Praktikums- oder Ausbildungschance zu geben. Hier kann man anpacken.



Ein Beitrag unseres Kollegen Alf Mayer in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe 12/2014-01/2015.