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"Als Bauarbeiter sehen wir die Zerstörung und denken daran, wie viel Arbeit wir nach dem Krieg haben werden"

Zeitungen
(Foto: Congerdesign / Pixabay)
07.03.2022
Internationales

Vasyl Andreyev, Vorsitzender der Gewerkschaft der Bau- und Baustoffarbeiter der Ukraine (PROFBUD), spricht im Interview (Anmerkung: vom 2. März) mit der israelischen Zeitung Davar über die Situation der Arbeiter ("Wir sind gerade mit dem Überleben beschäftigt"), die Angst vor der Zukunft ("Im Moment kann ich nur an morgen denken") und die Forderung, russische Gewerkschaften aus den internationalen Verbänden auszuschließen.

Vasyl Andrejew, 41 Jahre alt, erreichte Anfang der Woche die Grenze zu Moldawien, um seine Frau und seine Kinder an einen sicheren Ort zu bringen. "Jetzt bin ich ein bisschen ruhiger, da ich weiß, dass sie sicher sind. Gerade sind sie in einem Hotel in Chişinău untergebracht."

Andreyev berichtete, dass die Städte im Westen des Landes derzeit nicht bombardiert werden und ihre Bewohner*innen wie gewohnt arbeiten. In den meisten Teilen der Ukraine wurde die Arbeit jedoch eingestellt und Arbeiter*innen, die in zentralen Orten leben, sitzen jetzt in Schutzräumen.

"Es gibt keine Berichte aus offiziellen Quellen darüber, was in der formellen Wirtschaft passiert, aber die Wirtschaft des Landes an sich wurde zerstört. In den ersten paar Wochen werden die Menschen ihre Ersparnisse verwenden. Leider höre ich von vielen Arbeitern, dass sie die Gehälter vom Februar nicht bekommen haben. Das beeinträchtigt ihre Möglichkeiten, über die Runden zu kommen. Der Treibstoffpreis ist um 20 Prozent gestiegen, Lebensmittel sind kaum noch verfügbar. Es gibt Geschäfte, die bereits die Preise für Produkte und Lebensmittel erhöhen. Auch das ist ein großes Thema für uns als Gewerkschaft."

Die Aktivitäten der Gewerkschaft wurden in den vergangenen Tagen unterbrochen. Andreyev erzählt, wie zu Beginn des Krieges alle wegen der schweren Bombardierung in Bunkern saßen. "Am Montag habe ich die Gewerkschaftsmitarbeiter angewiesen, zu Hause zu bleiben, weil das Transportwesen nicht funktionierte und ich die Familie zur Grenze gebracht habe. Jetzt sind wir dabei, Unterkünfte für alle zu organisieren, die aus dem Osten des Landes in den Westen kommen."

Andrejevs Sorgen enden nicht beim Krieg. "Ich mache mir Sorgen um die Löhne vom Februar und wie die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, arbeiten, essen, wie die Wohnungen werden beheizt werden und die Infrastruktur funktionieren soll und darüber, wie es mit der Wirtschaft weitergeht, wenn keine Einkommen vorhanden sind. In der Ostukraine kann man bisher überhaupt nicht mit den Arbeitgebern verhandeln. Wir fordern, dass sie die Februarlöhne zahlen. Erst dann werden wir zu den humanitären Aufgaben übergehen können, um die Menschen in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen."

Andreyev kennt die Nachrichtenlage und ist über die Verwüstung und schweren Kriegsschäden schockiert. "Unser Fokus liegt jetzt bei der Situation unserer Mitglieder". Er berichtet, dass ihn Anfragen von Gewerkschaftsmitgliedern über die sozialen Medien erreichen. "Wir stehen auf diese Weise miteinander in Kontakt, um zu erfahren, welche Nöte die Menschen derzeit haben."

Die Bau- und Baustoffgewerkschaft sieht die enorme Zerstörung und damit auch die Rolle, die sie beim Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg spielen wird. "Am zweiten Tag haben wir bei aller Traurigkeit auch darüber gescherzt, dass Bauarbeiter die ersten sein werden, die nach Kriegsende wieder an die Arbeit zurückkehrten." Aber für Andrejev scheint der Wiederaufbau aktuell noch kein ernstes Thema zu sein. "Es wird Zeit brauchen, bis es wieder eine Lebensroutine gibt, in der grundlegende Bedürfnisse gestillt werden. Leider wurde viel Infrastruktur zerstört, etwa Schulen oder Kindergärten."

Andreyev hat Angst um sein Leben. Die vorherrschende Unsicherheit ist enorm und seine Existenzängste sind auch während des Interviews offensichtlich. Er könnte in die Armee eingezogen werden, da die Wehrpflicht für alle Männer gilt. Er sieht sich selbst als Anführer und er ist extra von der Grenze in die Ukraine zurückgekehrt, um sich weiter um die Angelegenheiten der Arbeitnehmer*innen zu kümmern. "Jetzt müssen wir das Land retten. Wir haben große Angst vor einem Massaker, das kommen könnte, nachdem die Russen die Ukraine besetzt haben."

Arbeiter aller Länder vereinigt euch? – Noch nicht!

Die Gewerkschaften identifizieren sich mit ihren Ländern. Es gibt keine Verbindung zwischen den Gewerkschaften in Russland und der Ukraine. Die Erklärung der russischen Gewerkschaften drückte sogar die volle Unterstützung für Putin aus und bezeichnet die Ukrainer*innen als "Nazis". "Sie sind keine richtigen Gewerkschaften und wir hoffen, dass der Internationale Gewerkschaftsbund unsere Anträge annehmen wird und sie aus der globalen Gewerkschaftsallianz ausschließt. Ich glaube nicht an Karl Marx‘ ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch! ‘. Es ist verständlich, dass sich Menschen jetzt vor allem mit ihrem Land identifizieren und dafür kämpfen. Es gab Diskussionen innerhalb der verschiedenen Gewerkschaften, in denen gesagt wurde, dass Solidarität zwischen den Arbeitern wichtiger sein sollte, als Russland oder Nato. Aber für uns geht es um existenzielle Frage des Überlebens. Wenn 2500-Kilogramm-Raketen aufs eigene Zuhause zufliegen, denkt man nicht an die Weltrevolution, sondern daran, wie man überlebt, was man isst und wie man die Kinder wärmt. Und wie man Arbeit finden, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Jetzt erleben wir die erste Stufe der Unterstützung und Solidarität seitens der europäischen Gewerkschaften, die uns in Polen und Moldawien unterstützen. Natürlich greifen wir auch auf unsere eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zurück, die wir zur Unterstützung der Arbeitnehmer haben. Leider wird die Situation schlimmer. Wir rechnen mit einer Steigerung ungesetzlicher Arbeit, niedrigeren Löhnen und schlechteren Arbeitsbedingungen. Aber wir wussten schon in der Vergangenheit, wie man diese Phänomene bekämpft und wir werden es auch für die Zukunft wissen".

Auf die Frage, was er für die nächsten Wochen erwartet, antwortet er, dass er nicht über den nächsten Tag hinaussieht. „Hier herrscht komplette Mobilisierung. Ich kam von der moldawischen Grenze zurück, nachdem ich meine Familie dort hingebracht hatte, um mein Land zu verteidigen. Ich werde bei allem helfen, was für unser Land erforderlich ist und auch die Beschäftigten unterstützen, nicht nur die Bauarbeiter, sondern alle, die Hilfe und Unterkunft brauchen.“