Carsten Pfaff
(Foto: zplusz) Carsten Pfaff, Betriebsratsvorsitzender der Hessische Staatsweingüter GmbH Kloster Eberbach
21.04.2022
Bildung / Mitbestimmung

Dies ist die fünfte Folge einer Serie von Artikeln, in denen wir über die Gründung und die Wahlen von Betriebsräten in verschiedenen Firmen berichten. Ihr erhaltet wertvolle Tipps und Informationen aus erster Hand von den Kolleginnen und Kollegen, die sich dieser wichtigen Aufgabe in ihrem Betrieb gestellt haben.

Erstmals erschienen ist der Beitrag in der März-Ausgabe unseres Mitgliedermagazins "Der Grundstein".

Es gibt sicher nicht viele Wahllokale für die Betriebsratswahl, die so idyllisch liegen wie die Vinothek der Domäne Steinberg in Eltville, auf der die Hessische Staatsweingüter GmbH Kloster Eberbach ihren Sitz hat. Der "Glaskasten", in dem die Wahl stattfindet, gewährt nicht nur einen herrlichen Ausblick in die umliegenden Hügel des Rheingaus, sondern sorgt auch für Transparenz bei der Wahl.

Wahl-Hotline eingerichtet!

In der heißen Phase der Betriebsratswahlen unterstützt die IG Bauen-Agrar-Umwelt die Wahlvorstände nicht nur mit einem umfangreichen Materialpaket zur Betriebsratswahl. Ist die zuständige Gewerkschaftssekretärin oder der zuständige Gewerkschaftssekretär nicht erreichbar,  kann Kontakt zu unserem Referat Mitbestimmung aufgenommen werden. 

Telefonisch sind wir für euch gerne unter 0160 7131676 oder per Mail unter [Bitte aktivieren Sie Javascript] zu erreichen.

Am 14. März sind die Beschäftigten zur BR-Wahl aufgerufen. Die Hessische Staatsweingüter GmbH, eine hundertprozentige Tochter des Landes Hessen, ist mit 238 Hektar Anbaufläche das größte Weingut Deutschlands. Das Anbaugebiet erstreckt sich über drei Domänen im Rheingau und eine an der Hessischen Bergstraße. Neben den 74 Festangestellten zählen kurzfristige Aushilfen, 450 Euro-Kräfte und Saisonarbeitskräfte zum Team. "Wir machen grundsätzlich keine Unterschiede zwischen festen und freien Mitarbeitenden, alle gehören dazu, und alle werden nach Tarif bezahlt", betont Carsten Pfaff. Der Betriebsratsvorsitzende ist Außenbetriebsleiter der Domäne Steinberg, die mit 47 Hektar Rebfläche zweitgrößte der Rheingauer Domänen.

Rund 120 Wahlberechtigte können am Wahltag ihre Stimme abgeben, darunter auch ausländische Saisonarbeitskräfte, die zum größten Teil aus Polen kommen. "Wählen dürfen alle, die zu dem Zeitpunkt einen Arbeitsvertrag haben und das 16. Lebensjahr vollendet haben", erklärt Carsten. Ihm ist es wichtig, dass der Betriebsrat alle Beschäftigten vertritt und für alle da ist: "Wir beschäftigen bei uns in der Domäne Steinberg über das Jahr rund 25 Kolleg*innen aus Polen. Die meisten arbeiten schon seit Jahrzehnten für uns, sogar generationsübergreifend. Ohne die läuft bei uns nix! Die Weinlese im Oktober stemmen unter anderem auch bis zu 70 fleißige Erntehelfer*innen aus Polen und Rumänien. Die Saisonarbeitskräfte spielen im Weinbau eine tragende Rolle, wie früher die Gastarbeiter aus Italien oder Spanien, die den deutschen Weinbau maßgeblich mitgeprägt haben", hebt Carsten hervor.

Ein deutliches Zeichen Richtung Chefetage

Am Wahltag geben die Beschäftigten der im Rheingau gelegenen Domänen ihre Stimme vor Ort in der Vinothek Steinberg ab; wer etwa durch Krankheit oder Urlaub verhindert ist, kann die Briefwahl in Anspruch nehmen. Die Belegschaft der rund 80 Kilometer entfernten Domäne Bergstraße beteiligt sich komplett per Briefwahl. "Normalerweise liegt die Wahlbeteiligung bei mehr als 90 Prozent", berichtet Carsten nicht ohne Stolz. "Und das soll so bleiben, auch als deutliches Zeichen in Richtung Chefetage."

Neben den üblichen Informationen zur BR-Wahl per E-Mail und mit Aushängen an den Schwarzen Brettern setzt Carsten auf persönliche Ansprache – auch, um Kandidat*innen zur Besetzung des 7er-Gremiums zu gewinnen. "Wir möchten vor allem junge Kolleg*innen in den Betriebsrat bekommen", unterstreicht er. Ihm liegt zudem sehr daran, dass die "Gewerblichen" im Betriebsrat eine starke Stimme behalten; drei bis vier gewerbliche Mitarbeitende möchte er gerne weiterhin dort sehen. Gesichert ist der Platz im Betriebsrat für drei Frauen; die weiblichen Beschäftigten machen inzwischen rund 50 Prozent der Belegschaft aus.

Nicht nur, aber auch mit Blick auf die Nachwuchsgewinnung ist dem Betriebsrat die Zusammenarbeit mit der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) wichtig. "Die JAV gibt es hier seit acht Jahren, die Vorsitzenden und die Stellvertretung werden immer jeweils nach dem Ausscheiden neu von den Azubis gewählt. Bei relevanten Themen werden sie zu den BR-Sitzungen eingeladen und können ihre Anliegen vorbringen. Aufgrund unserer betrieblichen Situation ist der Kontakt zwischen BR und JAV recht regelmäßig und eng."

 

Umarmungsversuchen widerstehen

Was Carsten wichtig ist und er auch dem Betriebsratsnachwuchs vermitteln will: "Wir müssen als Betriebsrat darauf achten, dass wir nicht von der Geschäftsführung vereinnahmt werden. Die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung sollte vertrauensvoll sein, aber vor allem professionell. Dafür muss man eine Distanz wahren und Umarmungsversuchen widerstehen."

Zusammen mit seiner BR-Kollegin Judith Schönherr, ebenfalls IG BAU-Mitglied, vertritt Carsten die Beschäftigten auch im Aufsichtsrat der GmbH. Dieser ist mit einigen Minister*innen der hessischen Landesregierung sowie weiteren hessischen Landespolitiker*innen hochkarätig besetzt. Die Mitglieder des Auf
sichtsrats sind regelmäßig bei den Betriebsversammlungen der Hessischen Staatsweingüter dabei. Dort ist ein Austausch auf Augenhöhe möglich: "Die direkte Verbindung zum Eigentümer beziehungsweise zur Politik eröffnet den Mitarbeitenden viele Möglichkeiten, bestimmte Themen zu platzieren. Sie stärkt die Vertretung der Belegschaft gegenüber der Geschäftsführung und schützt unsere Arbeitsplätze – bis hin zu Aufsichtsratsmitgliedern, die sich persönlich um Einzelfälle im Betrieb kümmern."

Die Unterstützung seiner Gewerkschaft ist dem Betriebsratsvorsitzenden nicht nur im gesamten Prozess der BR-Wahl wichtig: "Die IG BAU ist immer offen und kooperativ. Ob es um Betriebsvereinbarungen, Inhouse-Schulungen, Betriebsversammlungen oder spezielle Rechtsfragen geht, auf unsere Gewerkschaftssekretärin können wir immer zählen. Ich finde, der Kontakt zur Gewerkschaft ist für einen Betriebsrat extrem wertvoll und durch nichts zu ersetzen!"

Text: Cordula Binder