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Fachkräftemangel spitzt sich zu: Aktuell fehlen bereits 50 000 Fachkräfte mehr als zum Krisenbeginn im März 2020

Lebenslauf
(Foto: loufre / Pixabay)
11.02.2022
Arbeit

Der Fachkräftemangel nimmt in allen Berufen wieder zu. So fehlten im September 2021 knapp 390 000 Fachkräfte, das sind 50 000 mehr als zum Krisenbeginn im März 2020 (laut KOFA Kompakt-Fachkräftereport). Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert deshalb eine nachhaltige Strategie für mehr Fachkräfte.

Fachkräftemangel wird sich weiter verschärfen

Die Transformation der Arbeitswelt und die demographische Entwicklung werden den jetzt schon bestehenden Fachkräftemangel noch deutlich verschärfen. Die Erwerbsbevölkerung, also alle Personen, die älter als 14 und jünger als 70 Jahre alt sind, sinkt bereits heute und wird im Jahr 2040 nur noch bei 53,38 Millionen (2020: 58,57 Millionen) Personen liegen - laut der Prognose des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Gleichzeitig hat Deutschland im OECD-Vergleich einen großen Anteil von Arbeitsplätzen mit hohem Automatisierungsrisiko. Das bedeutet, dass zukünftig immer weniger Routinetätigkeiten gefragt sein werden. Stattdessen wird es immer mehr komplexe Tätigkeiten geben, um neue Technologien zu entwickeln und zu nutzen. Damit steigt das Anforderungsniveau der Tätigkeiten und mehr Fachkräfte werden gebraucht.

Bereit 43 Prozent der Unternehmen sind vom Fachkräftemangel beeinträchtigt

Fehlende Fachkräfte können gravierende Folgen für die Gesamtwirtschaft haben. Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gehen verloren, wenn es zu wenige Fachkräfte gibt. Damit gehen auch Arbeitsplätze verloren. Das neu konzipierte KfW-ifo-Fachkräftebarometer zeigt auf, in welchem Umfang Unternehmen in ihrer Geschäftstätigkeit durch den Fachkräftemangel behindert werden. Im Oktober 2021 sahen sich 43 Prozent aller Unternehmen durch den Fachkräftemangel beeinträchtigt. Damit sind fehlende Fachkräfte seit dem Sommer 2021 zu einem weitaus häufigeren Hemmnis für die Produktion geworden als vor der Pandemie.

Das Problem der prekären Arbeit muss angegangen werden

Neben Maßnahmen im Bereich der Ausbildung, Weiterbildung und der Gewinnung inländischer sowie ausländischer Fachkräfte und Beschäftigungspotenziale sind gute Arbeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unerlässlich, um den Bedarf an Fachkräften zu sichern.

Fachkräftemangel und prekäre Arbeit passen nicht zusammen. Prekäre Beschäftigung hat viele Gesichter. Das Spektrum erstreckt sich von Menschen, die einen unsicheren Arbeitsplatz haben oder sich von einer Befristung zur nächsten hangeln über diejenigen, die nur einen Minijob finden oder einen Zweitjob benötigen bis hin zu Leiharbeitnehmern, die schnell wieder entlassen und dann – nicht immer – wieder neu angestellt werden. In Deutschland arbeitet mittlerweile jede*r fünfte Arbeitnehmer*in in einem "atypischen" Beschäftigungsverhältnis. Das sind rund 7 Millionen Menschen laut einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes 2020.

Umdenken von Politik und Unternehmen gefordert

Arbeit sichert die Existenz des Einzelnen und der gesamten Gesellschaft dar. Arbeit bedeutet auch Wertschätzung, Selbstverwirklichung und Bestätigung. Ein guter Job ist deshalb für viele Menschen eine wichtige Voraussetzung, um zufrieden zu sein und eine gute Lebensqualität zu haben. Zudem sind leistungsfähige und innovative Unternehmen auf motivierte und zufriedene Arbeitnehmer*innen angewiesen. Es braucht daher dringend ein Umdenken von Politik und Unternehmen.

Vorschläge des DGB für Strategien zur nachhaltigen Sicherung von Fachkräften

Der DGB fordert fünf Schritte, damit es in Zukunft genügend Fachkräfte gibt. Das ausführliche DGB-Strategiepapier für die Sicherung von Fachkräften kann hier nachgelesen werden.

1. Übergangsbereich zwischen Schule und Ausbildung auf den Prüfstand stellen!

Dazu braucht es Instrumente, die Betriebsnähe herstellen, nachholende Schulabschlüsse sichern und eine kontinuierliche Begleitung von Jugendlichen bieten.

2. Ausbildung stärken!

Berufsorientierung und Beratung müssen gestärkt werden, damit der Einstieg ins Berufsleben gut klappt. Daher muss der "Sommer der Berufsausbildung" mit seinen diversen Aktivitäten rund um das Thema Ausbildung auch 2022 stattfinden.

3. Weiterbildung intensivieren!

Weiterbildung ist nicht nur für die Beschäftigungssicherung wichtig, sondern auch, um die für die Transformation notwendigen Fachkräfte zu qualifizieren und zu sichern.

Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregeirung kündigt einen "Schub für berufliche Aus- Fort- und Weiterbildung" an. Dies muss jetzt zügig ausgestaltet werden.

4. Potentiale im Inland heben!

Frauen

Das größte Beschäftigungspotenzial zur Fachkräftesicherung sind Frauen. Allerdings arbeiten in fast allen anderen EU-Ländern mehr Frauen in Vollzeit. Wichtig sind dafür bessere Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ältere Menschen

Gerade ältere Beschäftigte verfügen über umfassendes Fachwissen und langjährige Berufserfahrung. Das Fachkräftepotenzial von Personen zwischen 55 und 64 Jahren liegt bis zum Jahr 2025 zwischen 600 000 und 1,1 Millionen. Doch die Mehrheit der Arbeitgeber in Deutschland hat noch keine attraktiven Angebote für diese Zielgruppe geschaffen.

5. Zuwanderung erleichtern!

Der Sachverständigenrat hat bereits in seinem Jahresgutachten 2017/2018 festgestellt, dass dauerhaft jährlich 400 000 Personen mehr nach Deutschland einwandern als auswandern müssten, damit es genauso viele Erwerbstätige wie heute geben kann. Um Deutschland für Einwander*innen attraktiver zu machen, sind faire Anwerbe-, Arbeits- und Lebensbedingungen unerlässlich. Zudem ist die Anerkennung der ausländischen Berufsqualifikation zentral, damit Fachkräfte aus Drittstaaten zuwandern.