Karl Gerdes
(Foto: privat) Karl Gerdes, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Züblin, Direktion Nord.
04.03.2022
Bildung / Mitbestimmung

Dies ist die vierte Folge einer Serie von Artikeln, in denen wir über die Gründung und die Wahlen von Betriebsräten in verschiedenen Firmen berichten. Ihr erhaltet wertvolle Tipps und Informationen aus erster Hand von den Kolleginnen und Kollegen, die sich dieser wichtigen Aufgabe in ihrem Betrieb gestellt haben.

Wie organisiert man die Betriebsratswahlen in einem großen Unternehmen mit mehreren Standorten? Wie kann man angesichts zahlreicher Filialen, Baustellen oder Objekte sicherstellen, dass alle Beschäftigten über die Wahlen informiert sind, die Möglichkeit zur Stimmabgabe erhalten und die Wahlen geheim und ohne Einflussnahme erfolgen? Wir sprachen darüber mit Karl Gerdes, der seit fast 25 Jahren Betriebsrat beim Bauunternehmen Züblin beziehungsweise der Strabag ist.

Wahl-Hotline eingerichtet!

In der heißen Phase der Betriebsratswahlen unterstützt die IG Bauen-Agrar-Umwelt die Wahlvorstände nicht nur mit einem umfangreichen Materialpaket zur Betriebsratswahl. Ist die zuständige Gewerkschaftssekretärin oder der zuständige Gewerkschaftssekretär nicht erreichbar,  kann Kontakt zu unserem Referat Mitbestimmung aufgenommen werden. 

Telefonisch sind wir für euch gerne unter 0160 7131676 oder per Mail unter [Bitte aktivieren Sie Javascript] zu erreichen.

Grundstein:  Karl, du bist im Betriebsrat der Direktion Nord von Züblin. Ihr seid zuständig für die Standorte Berlin, Hamburg, Hannover, Niedersachsen und Bremen sowie alle Baustellen drumherum, dazu kommen Baustellen außerhalb der Direktion, wie zum Beispiel an der Messe Köln. Wie geht ihr bei den Betriebsratswahlen vor?

Karl Gerdes: Also an einem Tag bekommen wir das nicht hin! Zur Direktion Nord gehören rund 850 Beschäftigte und etwa 40 bis 50 Baustellen. Darum haben wir einen Wahlzeitraum von 14 Tagen. Zwei Betriebsratswahl-Teams fahren die Baustellen ab: eines Richtung Bremen, Ostfriesland, Köln, Hannover, das andere Richtung Kiel, Rostock, Stralsund, Berlin.

Wer bildet diese Teams, und wie gehen sie vor?

Bei uns stellen sich meist drei Listen zur Wahl. In den Teams sind jeweils drei Leute, möglichst von jeder Liste eine Vertretung. Die drei freigestellten Betriebsräte haben Firmenwagen; Wahlurnen und Stellwände leihen wir uns beim Hamburger Senat. Vorher machen wir einen genauen Fahrplan, damit klar ist, wann genau wir auf welcher Baustelle sind. Wir berechnen etwa zwei Stunden von einer Baustelle zur nächsten. So tingeln wir von Ort zu Ort. Normalerweise schafft jedes Team zwei bis drei Baustellen pro Tag.

Wie geht die Wahl auf den Baustellen dann vonstatten?

Dort gibt es meist Besprechungsräume, in denen wir das Wahllokal einrichten. An den Stellwänden hängen innen die Listen-Aushänge. Wir achten sehr auf Geheimhaltung, dass keiner außerhalb der Kabine sein Kreuz macht, weil er vielleicht nicht warten will. Nach der letzten Wahl wird die Wahlurne zugeklebt und erst vor dem ersten Wahlgang auf der nächsten Baustelle geöffnet.

Wann und wo werden die Stimmen ausgezählt?

Am letzten Tag des Wahlzeitraums findet die Wahl in unserem Betriebsratssitz in Hamburg in den "Tanzende Türmen" an der Reeperbahn statt. Dort bauen wir nach und nach in jeder Etage in den Besprechungsräumen das Wahllokal auf, weil die Wahlbeteiligung schlechter ist, wenn die Leute ihre Etage verlassen müssen. Auch hier ist vorher genau bekannt, wann auf welcher Etage gewählt wird. Schließlich werden im größten Besprechungsraum im 15. Obergeschoss alle Urnen zusammengetragen, geöffnet und zusammengeschüttet, dazu kommen die Briefwahlstimmen. Dann zählen wir aus und geben danach das Ergebnis bekannt.

Wer nimmt die Briefwahl in Anspruch?

Zum Beispiel krankgeschriebene Kolleg*innen, sowie die, die in Erziehungszeit oder im Urlaub sind. Vor der Wahl werden alle informiert, dass sie Briefwahlunterlagen anfordern können, wenn sie zur Wahl nicht vor Ort sein können. Auch wenn auf einer Baustelle Kolleg*innen kurzfristig verhindert sind, werden für sie Briefwahl unterlagen hinterlassen, die sie im Wahlzeitraum nachreichen können.

Wie kündigt ihr die Wahlen vorher an?

Zum einen über unseres internes Stranet, dort machen wir einen Aushang auf der Betriebsratsseite der Direktion Nord. Darauf haben alle Angestellten Zugriff. Auf den Baustellen wenden wir uns an den Polier mit der Bitte, dass er einen Aushang am Schwarzen Brett macht.

Wie hoch ist die Wahlbeteiligung, und finden sich immer genügend Kandidat*innen?

Die Wahlbeteiligung liegt bei uns normalerweise bei 65 bis 70 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren ist sie deutlich gestiegen. Der Betriebsrat hat inzwischen ein besseres Image als früher. Meinem Eindruck nach hat sich das nach der Lehmann-Pleite deutlich geändert. Alle sind froh, einen Betriebsrat zu haben! In unserer Direktion finden sich auch immer genug Kandidat*innen dafür. Wir sind ein 13er-Gremium und haben insgesamt meist über 40 Personen auf den verschiedenen Listen.

Wie unterstützt euch die IG BAU in dem gesamten Prozess?

Grundsätzlich sind wir ständig im Austausch mit der Gewerkschaft. Konkret für die Wahlen bekommt der Wahlvorstand jeweils eine Schulung durch die IG BAU, an der alle BR-Mitglieder teilnehmen können. Wir haben schon viele Wahlen organisiert, aber jedes Mal denkt man sich: Ach, wie war es doch gleich? Nach der Schulung steht der Zeitstrahl fest, und alle sind auf gleichem Stand. Dann kann es losgehen!

Das Interview führte Cordula Binder