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IG BAU 4.0 – wir gestalten mit!

Kein Stein bleibt auf dem anderen. In Zeiten wirtschaftlicher Umbrüche trifft dies nicht nur auf das Abbruchgewerbe zu: In allen Branchen der IG BAU wandeln sich die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird.

Feste Arbeitszeiten und -orte, ein abgestecktes Aufgabenfeld und grenzenlose Betriebstreue sind für viele Beschäftigte schon heute Relikte vergangener Zeiten.

An ihre Stelle treten flexible Arbeitsmodelle, die das klassische Verständnis von Arbeitszeit und Arbeitsort, von Chef*in und Mitarbeiter*in infrage stellen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt beschleunigt diesen Wandel.

Die IG BAU nimmt sich den Veränderungen und den Herausforderungen an, die damit verbunden sind: Sie mischt sich ein, wo nötig und gestaltet mit, wo möglich.

Ziel ist es, auch in Zukunft eine zeitgemäße Artikulation der Interessen aller Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitnehmer*innen sicherzustellen.

Damals, heute und in Zukunft: Die IG BAU kämpft für faire Arbeitsbedingungen

Unter dem Motto „Faire Arbeit – jetzt!“ hat die IG BAU in den vergangenen Jahren ihren Forderungen für einen geordneten Arbeitsmarkt stark gemacht. Im Zuge der Arbeitsmarktreformen der 2000er Jahre  und der erweiterten Arbeitnehmerfreizügigkeit 2011 hatten Unternehmen neue Profitmöglichkeiten für sich entdeckt. Illegale und illegitime Beschäftigungsformen blühten auf: Kettenbefristungen, Scheinselbstständigkeit, sachgrundlose Befristungen, außertarifliche Beschäftigung, falsche Eingruppierungen – so liest sich die Liste der politisch geförderten oder geduldeten Ungerechtigkeiten.

Die IG BAU hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit einigem Erfolg gegen diese Entwicklung gestemmt hat. Auch, wenn noch immer viel zu tun bleibt.

150 Jahre nach Gründung der Baugewerkschaft drängt nun der digitale Wandel in die arbeitsweltliche Realität. Robotik und Vernetzung stellen Arbeitsstrukturen und -prozesse, wie wir sie kennen, grundsätzlich infrage. Für die Beschäftigten steht dabei einiges auf dem Spiel.

Ist das eine Revolution?

Aber was kennzeichnet diesen Wandel, der sich gerade unter der Bezeichnung „Digitalisierung der Arbeitswelt“ oder „Industrie 4.0“ Bahn bricht. In der Vergangenheit waren es immerhin die Dampfmaschine, das Fließband und der Computer, die Pate für drei industrielle Revolutionen standen. Sie stellten bis dahin gängige Arbeitsprozesse vom Kopf auf die Füße. Heute geht es in der Arbeitswelt indes längst digital zu. Was macht die gegenwärtige also zu einer „vierter industriellen Revolution“?

01000010 – 01000001 – 01010101

Bei dieser Ziffernabfolge handelt es sich nicht um einen Formatierungsfehler, sondern um einen digitalen Code. Dahinter verbergen sich die drei Großbuchstaben B – A – U.

„Binärcodes“ wie dieser bilden die Grundlage der Informatik: Mithilfe von Computern werden Informationen graphisch oder als Zeichen dargestellt. Die Einführung des Computers am Arbeitsplatz in den 1970er Jahren war prägend für die dritte industrielle Revolution, die auch „digitale Revolution“ genannt wird.

Heute ist die Technik einen großen Schritt weiter. Digitale Informationen werden miteinander verknüpft, automatisch ausgelesen und an Menschen oder Maschinen weitergegeben, die auf Grundlage der ermittelten Daten Arbeitsschritte in der Wertschöpfungskette ausführen. Die Kollaboration im Arbeitsprozess zwischen einzelnen Akteuren steht dabei im Vordergrund.

Was abstrakt klingt, hat in der Praxis weitreichende Folgen. Augmented Reality (dt.: erweiterte Realität) etwa findet in der Forstwirtschaft längst unterstützende Anwendung. Reinigungsroboter putzen heute neben arbeitenden Menschen Flure und Hallen. Exo-Skelette erleichtern schon jetzt den Transport von Bauteilen oder das Tragen von Arbeitsmitteln. Über selbststeuernden Landmaschinen schweben mittlerweile Drohnen, die Informationen an das entmannte Cockpit senden. Building Information Modeling (BIM) simuliert undvernetzt alle Bereiche der Wertstoffkette Bau von der Baustoffindustrie bis zur Gebäudebewirtschaftung.

Kapital und Arbeit im Widerspruch

Was vorteilhaft klingt, hat aber auch ein hohes Konfliktpotential. Die Interessen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite verlaufen oftmals entgegengesetzt, wenn es um den Einsatz neuer Technologie geht. Aus Unternehmersicht müssen Produktionsprozesse effizient, schnell und kostengünstig sein. Die Verwertungslogik des Kapitalismus erfordert es. Die Digitalisierung bietet sich insofern als Erfüllungsgehilfin für neue Profite an.

Für die Gewerkschaften hingegen steht im Vordergrund, dass der Einsatz neuer Technologien Arbeit sicherer, leichter und mitbestimmt macht. Der IG BAU geht es um Humanisierung statt Rationalisierung, um Mitbestimmung statt Massenüberwachung.

Nur wenn Arbeitnehmer*innen in die Veränderungsprozesse einbezogen sind, kommt am Ende auch ein Teil der „digitalen Dividende“ bei ihnen an. Zu dieser Dividende gehören neben einer angemessenen Beteiligung am Produktivitätsfortschritt auch die Erträge, die sich aus einem besseren Gesundheits- und Arbeitsschutz ergeben.

Wo verlaufen die zentralen Auseinandersetzungen?

Verbesserungen für die Arbeitnehmer*innen kommen aber nicht von alleine. Sie müssen häufig gegen den Widerstand der Arbeitgeber*innen erkämpft werden. Einige der sich anbahnenden Konflikte hat der Bundesvorstand der IG BAU jüngst in einem Grundlagegenpapier zum digitalen Wandel skizziert. Darin enthalten sind auch Regulierungsvorschläge gegen verstärkte Leistungskontrolle, die Entgrenzung der Arbeit und zusätzliche Belastung am Arbeitsplatz.

 
Arbeitszeit
Wann beginnt der Arbeitstag, wann endet er? Was in der Fabrikhalle per Stempeluhr geregelt ist, steht in anderen Arbeitsumgebungen häufig zur Disposition. Etwa dann, wenn Mitarbeiter*innen zuhause ihre Geschäftsmails beantworten, das Diensthandy mit auf dem Sofa liegt oder der Anfahrtsweg zu immer weiter entfernten Baustellen gefordert wird.

Die IG BAU tritt der Entgrenzung von Arbeitszeit entgegen. Die bestehende Arbeitszeitgesetzgebung mit klar definierten Arbeits- und Ruhezeiten und festen Urlaubsansprüchen bietet eine regulative Grundlage. Abweichende Regelungen sind tarifvertraglich möglich, wenn es den Beschäftigten nutzt. Die IG BAU fordert darüber hinaus die Einführung der elektronischen Stechuhr, damit Überstunden nicht nur geleistet, sondern am Schluss auch bezahlt werden.

 

Arbeitsplatzgestaltung / Arbeits- und Gesundheitsschutz
Die Mensch-Maschine-Interaktion bedeutet für Beschäftigte neue Abhängigkeiten. Andererseits können digitale Assistenzsysteme, wie Maurerroboter oder Exo-Skelette für Entlastung im Arbeitsablauf sorgen. Moderne Sensortechnik macht menschliches Verhalten transparent. Andererseits können sie Staub und andere Belastungsfaktoren aufspüren und erfüllen damit eine Schutzfunktion.

Angesichts dieser Ambivalenzen fordert die IG BAU genau abzuwägen, unter welchen Bedingungen neue Technologie zum Einsatz kommt. Das Arbeitsschutzgesetz (ArbschG) bietet eine Orientierungsgrundlage, das jedoch um eine psychische Komponente ergänzt werden muss.

Die IG BAU mahnt die der Bundesregierung zudem zu stärkeren Kontrollen und will selbst mittels Belastungsschutztarifverträgen dazu beitragen, dass Belastungsmessungen und Gefahrenanalysen zum betrieblichen Alltag gehören.

 

Qualifizierung und Weiterbildung
Im Zuge der Digitalisierung kommt es sowohl zu Abwertung als auch zu Aufwertung von Arbeit. Der Einsatz neuer Technologien erfordert spezielle Fähigkeiten, die im Rahmen der Berufsausbildung oder nachträglich erlernt werden können. Gleichzeitig können und werden digitale Kompetenzen handwerkliches Know How nicht vollständig ersetzen.

Die IG BAU setzt sich dafür ein, dass die Regulierung von Handwerksberufen Bestand hat. Sie betont zugleich die Wichtigkeit der Dualen Berufsausbildung und fordert entsprechende Investitionen für die Ausbildung in Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten.

Auch der Weiterbildung im Betrieb kommt eine Schlüsselrolle zu, um Beschäftigte mit neuen Programmen und Abläufen vertraut zu machen. Die Arbeitgeber sind in der Pflicht, für eine ständige Weiterbildung ihrer Mitarbeiter*innen zu sorgen.

 

Beschäftigtendatenschutz
Den Ergebnissen des DGB-Indexes „Gute Arbeit“ von 2016 zufolge nimmt fast die Hälfte der befragten Erwerbstätigen eine Zunahme von Überwachung und Kontrolle bei der Arbeit wahr. Grund dafür sind vor allem digitale Arbeitsmittel. Für Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten müssen daher enge Grenzen gelten.

Die IG BAU fordert ein Beschäftigtendatenschutzgesetz, das digital gestützte Leistungs- und Verhaltenskontrollen am Arbeitsplatz einschränkt. Der Einsatz von elektronischen Stechuhren soll tarifvertraglich geregelt sein und nur klar definierte Daten dürfen letztlich protokolliert werden. Neben den gesetzlichen und tarifvertraglichen Regelungen sind besonders die Betriebsräte in der Verantwortung, ihre Mitbestimmungsrechte wahrzunehmen, wenn es um die Einführung von Hilfsmitteln zu Verhaltens- und Leistungskontrolle geht.

Die IG BAU gestaltet mit: Gemeinsam in eine neue Ära

Die IG BAU will den digitalen Wandel gemeinsam mit den Arbeitnehmer*innen gestalten; aber auch Grenzen setzen dort, wo sie nötig sind. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass sozialer Fortschritt immer erkämpft werden muss. Die vierte industrielle Revolution wird deshalb nur dann eine sozial gerechte sein, wenn die Beschäftigten, die Betriebsräte und die Gewerkschaften gemeinsam an einem Strang ziehen – und sich nicht spalten lassen. Weder in Angestellte und Arbeiter*innen, noch in eine Kernbelegschaft und Leihpersonal oder in alt eingesessene und neuhinzugekommene Beschäftigte.

Aufgabe von aktiven Gewerkschafter*innen ist es, den Zusammenhalt in der Belegschaft zu stärken. Wir wollen die Interessen der Beschäftigten zeitgemäß artikulieren und mit bestehenden Vorurteilen aufräumen, damit Diskriminierung keinen Platz hat. Inzwischen sind zahlreiche Fälle bekannt, wo Algorithmen, die eigentlich vorurteilsfrei ihre Arbeit machen sollten, bei der Auswahl von Bewerbungen Frauen und Migrant*innen benachteiligten. Irrtümer sind also nichts auf Menschen beschränktes.

Als Gewerkschafter*innen mit Herz und Leidenschaft können wir aber dafür sorgen, dass der technische Fortschritt nicht zum gesellschaftlichen Rückschritt wird. Wir wollen, dass Arbeit nach den Bedarfen der Menschen, die sie ausführen, gestaltet wird. Wir wollen, dass Leistung gefördert und Sicherheit zum Standard wird. Dafür kämpft die IG BAU.

Grundlagenpapier der IG BAU zum digitalen Wandel der Arbeitswelt

Grundlagenpapier der IG BAU zum digitalen Wandel der Arbeitswelt
Vorgelegt von der Steuerungsgruppe Digitalisierung der IG BAU
Februar 2019

 

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