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Interview mit Ceyda Tutan vom Bundesverband der Migrantinnen

Ceyda Tutan
(Foto: Eisenkind) Ceyda Tutan
29.11.2021
Frauen

Am 25. November war der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Die Vereinten Nationen haben diesen Tag 1999 offiziell aufgegriffen, nachdem 1989 lateinamerikanische und karibische Frauenorganisationen ihn erstmals begingen - als Reaktion auf die Ermordung der drei Widerstandskämpferinnen und Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal gegen den Diktator Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik. Die IG BAU-Bundesfrauensekretärin Renate Wapenhensch hat die Vorsitzende des Bundesverbandes der Migrantinnen, Ceyda Tutan, zu diesem Thema befragt.

Renate: Ceyda, der türkische Präsident ist per Dekret aus der Istanbul-Konvention ausgetreten. Was bedeutet das für die Frauen in der Türkei heute?

Ceyda: Der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention hat verheerende Folgen für die Rechte von Millionen Frauen und Mädchen in der Türkei. Das Abkommen ist ein Meilenstein im Bemühen, Gewalt gegen Frauen und Mädchen vorzubeugen. Der türkische Präsident Erdoğan sieht darin stattdessen einen Verstoß gegen "traditionelle Werte" und den Versuch, "Homosexualität zu normalisieren". Mit der Corona-Pandemie ist ein deutlicher Anstieg häuslicher Gewalt festzustellen. In der Türkei hat die Situation dramatische Ausmaße angenommen. Jeden Tag wird ein Frauenmord verübt. 2020 wurden nach Angaben des türkischen Innenministeriums 266 Frauen durch geschlechtsspezifische Gewalt getötet. Frauenorganisationen gehen jedoch von einer weitaus höheren Zahl aus. Dennoch gibt es in der Türkei eine starke Frauenbewegung. Trotz starker Repressionen sind Frauen fast täglich im ganzen Land auf den Straßen, demonstrieren für ihr Recht auf ein gewaltfreies Leben und halten an dem Abkommen fest.

Renate: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen kommt von uralten männlichen Herrschaftsverhältnissen. Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern ist letztlich eine Frage der Machtungleichgewichte. Das betrifft den sichersten Ort der Welt - das eigene Zuhause genauso wie den Arbeitsplatz - in allen Ländern gleich. Was können wir gemeinsam tun, um das zu verändern?

Ceyda: Wir müssen in all unseren Lebensbereichen eine Gleichstellung der Geschlechter fordern und unsere Forderungen sichtbar machen. Mit der Corona-Krise drohen erhebliche Rückschritte in der Gleichstellung von Frauen und Männern. Bestehende Abkommen wie die UN-Frauenrechtskonvention CEDAW und die Istanbul-Konvention beinhalten Gesetze und Instrumente, die Frauen schützen können. Diese müssen angewandt und umgesetzt werden, das müssen wir immer wieder auf die Tagesordnung bringen und die Umsetzung der Abkommen einfordern. Eine Angleichung der Gehälter, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gute Arbeits- und Lebensbedingungen sind wichtige Voraussetzungen für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben. Wir müssen uns vor allem organisieren und vernetzen und entlang unserer Forderungen gemeinsam dafür einstehen, zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, in der Politik. Weltweit streiten und kämpfen Frauen für ihre Rechte, gegen Gewalt, Unterdrückung, Rassismus, Diskriminierung und Ausbeutung. Gemeinsam und solidarisch müssen wir uns gegen Menschenrechtsverletzungen und für die Rechte der Frauen einsetzen.

Es ist wichtig, dass wir gemeinsam Seite an Seite dafür einstehen und die neue Bundesregierung auffordern, endlich Maßnahmen zu ergreifen, die zur Beseitigung von Gewalt an Frauen führen. Dazu gehören die umgehende Ratifizierung der ILO-Konvention C-190 sowie die konsequente und vorbehaltslose Umsetzung der Istanbul-Konvention.

Aufgezeichnet von Renate Wapenhensch