E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Malte Pertzsch: Immer in Bewegung bleiben


© zplusz / Alexander Paul Englert
05.06.2014
So geht Wachstum: Ein Ziel setzen, es erreichen und dann das nächste Ziel stecken. Das ist nicht ohne. Die Aufgabe soll machbar sein, aber doch eine Herausforderung bleiben. Dafür braucht man eine gesunde Selbsteinschätzung, hat Malte Pertzsch erfahren. Um dahin zu kommen, musste er erst einen Lernprozess durchlaufen. Diesen Mai war es Maltes erstes Mal und dauerte 3.43 Stunden. Damit ist er zufrieden, denn er hatte sich zum Ziel gesetzt, den Marathon in 3.45 Stunden zu schaffen. In Hamburg lag er souverän darunter. Natürlich hat er die 42,195 Kilometer vorher trainiert.

Ohne geht es nicht. Aber das erste Mal ist eben das erste Mal. Da weiß man vorher nicht, wie es sich läuft – egal wie oft man übt. „Erfahrung hilft aber bei der Selbsteinschätzung“, sagt er. „Ziele lassen sich so besser stecken.“

Eine wichtige Erkenntnis des 28-Jährigen. Schließlich hat sich Malte wie wohl die meisten Langstreckenläufer den härtesten Gegner ausgesucht – sich selbst, oder genauer seinen eigenen Ehrgeiz. Ist der größer als die Kraft, verpufft die Motivation ganz schnell. „Erfolge geben Mut“, sagt er und bezieht das nicht nur aufs Laufen. Zu hoch sollten die Ziele also nicht gesteckt sein, aber auch nicht zu niedrig. Auch diese Erfahrung hat er gemacht.

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Bremen, unsicher und schüchtern in der Schule, hat er sich lange unterschätzt. Erst in der Ausbildung zum Maler und Lackierer merkt er: „Das ist noch nicht alles, da steckt mehr in mir.“ Der Umdenkprozess beginnt mit dem Auszug von zu Hause. Er entdeckt die Welt, kommt in der Berufsschule super mit und mit zunehmender Selbstständigkeit wird er sicherer.

Zur gleichen Zeit tritt Malte in die IG BAU ein und verdankt nach eigener Einschätzung sein gewachsenes Selbstbewusstsein zu einem guten Teil seiner Gewerkschaft. „Die Seminare sind ganz wichtig. Früher war ich ängstlich, weil ich die Machtverhältnisse nicht richtig einschätzen konnte. Heute kenne ich meine Rechte und Pflichten“, sagt er.

Mit der IG BAU im Rücken wehrt er sich gegen die Zumutungen seines Chefs und gewinnt den Prozess. Der Chef muss Urlaubsgeld nachzahlen und die Lohnfortzahlung bei Krankheit.

Solche Erfolge meint Malte auch, wenn er von Mut-Machern spricht. Und er organisiert sie sich Schritt für Schritt. „Wichtig ist die Gewissheit, dass man schon etwas erreicht hat“, sagt er. Er tritt den Bildungsmarathon an und geht weiter zur Schule – nach der Ausbildung, erst die Fach-, dann die Berufsoberschule, wo er sein Abi nachholt. Inzwischen studiert er Politikwissenschaft.

Damit ist er der erste in seiner Familie, der zur Uni geht. Der IG BAU hält er dabei weiterhin die Treue und engagiert sich stark für die Junge BAU.

Wer ihn da kennenlernt, kann sich einen unsicheren, schüchternen Malte nur schwer vorstellen. Er bezieht im Gewerkschaftsbeirat Position, streitet vor 400 Delegierten beim DGB-Kongress für das Recht auf zivilen Ungehorsam und singt mit drei Mitstreitern bei der 1. Mai-Veranstaltung in Bremerhaven vor knapp 2000 Leuten den eigens eingespielten Faire-Arbeit-Song.

Nur hin und wieder blitzt der ganz junge Malte durch. Etwa, wenn er nach einem sehr langen Abend für die IG BAU bei seiner Bezirkschefin artig um Erlaubnis fragt, ob seine Gruppe Pizza bestellen darf.

Ein Beitrag unseres Kollegen Ruprecht Hammerschmidt, erschienen in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Juni 2014.

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