Frauen


Rente mit 67 – nein danke!


© b_engel
28.03.2006

Ich kann nicht sagen, dass ich aus Begeisterung hingefahren bin – nein, es war eher Pflichtgefühl, die Ansicht, dass es wichtig ist – die mich veranlasst hat, einen ganzen Samstag zu opfern, um an einer Zwei-Stunden-Veranstaltung in Dortmund teilzunehmen. Und so habe ich am 18. März, zusammen mit einigen anderen Kollegen aus dem BZV Nordbaden 6-7 Stunden auf der Autobahn und 3 Stunden in der Westfalenhalle in Dortmund verbracht.

Zu meiner angenehmen Überraschung habe ich es jedoch nicht bereut, denn die Veranstaltung zu „Rente mit 67“ war nicht nur hoch interessant, sondern auch sehr kurzweilig und super durchgeführt.
Klaus Wiesehügel, Bundesvorsitzender der IG Bauen Agrar Umwelt eröffnete die Tagung und übergab die weitere Leitung an den Moderator, Herrn Michael Brocker. Es begann mit einigen Interviews im Publikum. So kam neben einigen Kollegen aus verschiedenen Berufsfeldern auch eine Kollegin aus der Gebäudereinigung zu Wort. Sie alle erzählten aus ihrer Sicht wie es um die Rente steht. Viele Kollegen und Kolleginnen haben überhaupt nicht die Möglichkeit bis zum regulären Rentenalter zu arbeiten, weil sie entweder vorher arbeitsunfähig krank oder arbeitslos werden.
Als nächstes kam Franz Müntefering, SPD-Minister, zu Wort, um das Vorhaben der Bundesregierung „Rente ab 67“ zu erläutern. Das heißt, erst mal kam er nicht zu Wort, weil der Unmut im Publikum lautstark geäußert wurde. Nach Intervention vom Klaus Wiesehügel konnte er dann die Position der Regierung vortragen, die natürlich mit den leeren Kassen und der demographischen Entwicklung begründet wurde. Selbstverständlich lässt sich dies statistisch einwandfrei untermauern.
Das wissen wir ja mittlerweile alle zur Genüge. „Nur, mit der Statistik ist das so eine Sache.“ Meinte dann auch die Kollegin Annelie Buntenbach, die in ihrem anschließenden Referat die sozialpolitischen Positionen der IG BAU darlegte.
“Rein statistisch verfügt jeder Haushalt in der Bundesrepublik über 161.000 Euro an Nettovermögen.“
Ähnlich sieht es mit der Lebenserwartung aus. Natürlich ist sie im Durchschnitt gestiegen, aber die durchschnittliche Lebenserwartung eines Bauarbeiters unterscheidet sich ganz erheblich von der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Akademikers. Von tragischen Einzelschicksalen abgesehen, die man leider nie berücksichtigen kann, heißt das bezogen auf die Rente, dass ganze Gruppen benachteiligt werden. Eine systematisch Ungerechtigkeit, wie Annelie Buntenbach erklärt. Hart arbeitende Menschen, die das Rentenalter nicht gesund erreichen, werden mit Rentenabschlägen und einer kürzeren Bezugsdauer bestraft. Bei Frauen kommt noch hinzu, dass sie ohnehin im Durchschnitt ein Drittel weniger verdienen als Männer.

“Die Kolleginnen, die als Floristin oder in der Gebäudereinigung arbeiten,“ so führt sie aus, „wissen, wovon ich rede. Bei ihnen wird oft genug auch noch die Verantwortung für Kindererziehung und Familie abgeladen. Sie werden aus der Sozialversicherung heraus in Minijobs abgedrängt. Die Quittung für ein anstrengendes Arbeitsleben ist eine erschreckend niedrige Rente. Statt diese Renten noch weiter zu kürzen, sollte die Politik darüber nachdenken, wie man diese Frauen vor Armut schützen kann...!“

Eine Floristin, mit einem in diesem Bereich „normalen“, niedrigen Einkommen, wird auch wenn sie über 40 Jahre Vollzeit gearbeitet hat, mit einer Rente auf Sozialhilfeniveau bestraft.
Weiter ging Kollegin Buntenbach in ihrem Referat auf die hohe Arbeitslosenzahl ein. Die Betriebe drängen ihre Arbeitnehmer immer früher hinaus. „Und wer stellt sie ein die über 50-jährigen, die jetzt noch 17 Jahre lang arbeiten müssen?“ Hier hilft auch das vermeintlich neue Programm 50plus nichts. Denn das einzig neue ist der Name. Die Maßnahmen gibt es längst und sie haben nichts geholfen.
Stattdessen haben die Arbeitgeber jahrelang Vergünstigungen erhalten, wurden immer mehr entlastet, auf den Schultern der Arbeitnehmer/innen, und haben dennoch die in Aussicht gestellten Neueinstellungen nicht gemacht, stattdessen weiter entlassen.

Dies muss sich wieder ändern, denn „Es geht um Gerechtigkeit.“ so beendet Annelie Buntenbach ihren Vortrag. „Es geht darum, dass ein Leben im Alter in Würde möglich bleibt. Für viele geht es darum, dass überhaupt noch eine Gegenleistung für jahrzehntelange Beitragszahlung herauskommt.
Dafür kämpfen die Gewerkschaften und Sozialverbände.
Das erwarten wir von der Politik und deshalb sind wir gegen die Rente mit 67.“
Der letzte Teil der Tagung war eine Podiumsdiskussion. Im Podium saßen
• Klaus Wiesehügel, Bundesvorsitzender der IG BAU
• Prof. Karl Lauterbach für die SPD Bundestags-Fraktion
• Ilse Falk für die CDU/CSU Bundestags-Fraktion
• Irmingard Schewe-Geringk für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
• Klaus Ernst für die Fraktion LINKE
Kollege Wiesehügel stellte in kurzen Zügen das Rentenkonzept der IG BAU vor. Im Wesentlichen sieht es vor, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligen und in die Rentenkasse einzahlen. Auch Selbstständige, Beamte und alle anderen Berufsgruppen mit eigenen Versorgungswerken, sowie andere Einkommensarten, wie Erträge aus Vermögen, Vermietungen etc. sollen einbezogen werden.
In der weiteren Diskussion verteidigte Frau Falk, CDU/CSU die Politik der Bundesregierung und versuchte dies mit schlüssigen Argumenten zu untermauern, die den anwesenden BAU-Kollegen/innen allerdings kaum einleuchteten. Die Vertreterin der Grünen, Frau Schewe-Geringk unterstützte ebenso die Notwendigkeit einer Erhöhung des Renteneintrittsalters aufgrund der demographischen Entwicklung, hielt aber den Zeitpunkt für verfrüht, solange die nötigen Arbeitsplätze nicht vorhanden seien. Sie meinte, hier würde der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Der Vertreter der LINKEN, Herr Ernst, war mit seinen Forderungen natürlich voll auf unserer Linie. Der Vertreter der SPD, Herr Prof. Lauterbach überraschenderweise auch. Er sagte er sei persönlich gegen die Rente mit 67, begründete dies wissenschaftlich fundiert und fand das Rentenkonzept der IG BAU gut. Auf Nachfrage des Moderators, wollte er sich allerdings nicht darauf festlegen im Bundestag dagegen zu stimmen, denn „man müsse ja immer das Gesamtpaket sehen.“
Dieses Statement, so meine ich, ist leider typisch für die Politik der SPD. Tolle Ansichten, tolles Programm. Allein, mit der Umsetzung hapert es. Denn immer gibt es leider, leider Sachzwänge.
Alles in allem war es eine interessante und gelungene Tagung, die mir viel an Information und Motivation gebracht hat.

Ein Beitrag unserer Kollegin Angelika Müller, IG BAU Bundesfrauenvorsitzende.

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Kontakt

Sylvia Honsberg
Bundesfrauensekretärin
IG BAU-Bundesvorstand VB IV, Gebäudereiniger-
handwerk und Bildung
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Olof-Palme-Str. 19
60439 Frankfurt/ Main
mailto: frauenE-Mail-Adresseigbau.de
Sekretariat

Marion Fahrenbruch
IG BAU-Bundesvorstand VB IV, Gebäudereiniger-
handwerk und Bildung
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