E-Klasse / Wir sind die IG BAU


Vergiss nie, was Du wert bist


© IG BAU (Alexander Paul Englert)
20.12.2013
Schauplatz eins:
Eine Baustelle irgendwo in der Region Berlin. Der 60-jährige Mann (Name ist der Redaktion bekannt) hat die Arbeiten genau im Blick. Absprachen mit Architekten, Bauherren, Bauleitung, Arbeitsorganisation und Abrechnung nach Leistungsverzeichnis gehören genauso zu seinem Job wie die eigentliche gewerbliche Arbeit. „Die körperlichen wie auch die psychischen Belastungen werden immer größer.“ Auch nach Feierabend.

„Man kann einfach nicht abschalten.“

Ein gestandener Polier, möchte man meinen. Was die Arbeit betrifft schon, aber nicht, wenn es um den Lohnzettel geht. „Gerade hier in Berlin und im Osten ist es im Bauhauptgewerbe leider gängige Praxis, dass man erfahrene Kollegen als Poliere einsetzt, ihnen aber nur den Mindestlohn bezahlt“, weiß er aus eigener Erfahrung. 13,55 Euro bekommt er die Stunde, das entspricht dem Mindestlohn der Lohngruppe 2 in Berlin. Ab 1. Januar steigt dieser auf 13,80 Euro.

Mitglieder der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), die bereits länger als drei Monate in der Lohngruppe 2 gearbeitet haben, bekommen dann in Berlin sogar 13,98 Euro. Diese neue Lohngruppe 2b hat die IG BAU exklusiv für ihre Mitglieder ausgehandelt. Für ihn nur ein kleiner Trost. Denn für seine Leistung verdient er eigentlich Tariflohn statt Mindestlohn.

„Laut Tarifvertrag müsste ich für die Arbeiten, die ich ausübe, eigentlich 17,40 Euro die Stunde bekommen.“ Doch die sind in seinem Betrieb Fehlanzeige. 120 Menschen sind dort beschäftigt, der Chef bekleidet im zuständigen Arbeitgeberverband sogar ein Amt, es gibt einen Betriebsrat, und 50 Prozent der Kollegen sind in der IG BAU organisiert. Dennoch, in Sachen Bezahlung nach Tarif ist nichts zu machen – obwohl die Firma nach wie vor gute Gewinne einstreicht. „Der Betriebsrat hat schon einige Anläufe genommen und mit der Geschäftsführung über das Thema Eingruppierung gesprochen.“ Vergebens, die Chefs schalten auf stur. Ihre Antwort: Wem es nicht passe, der könne jederzeit seine Papiere holen. Auf der anderen Seite hat der Betrieb mittlerweile große Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. „Mich wundert das nicht. Denn jeder, der Facharbeit leistet, will auch entsprechend des Tarifs bezahlt werden. Gute Arbeit hat doch ihren Wert.“

Schauplatz zwei:

Ein Garten- und Landschaftsbau-Betrieb im Südwesten Deutschlands. „Eigentlich sollte man meinen, dass sich Unternehmen des Fachverbands Garten- und Landschaftsbau an Tarifverträge halten“, beklagt die junge Frau (Name ist der Redaktion bekannt). Zumal, wenn der Chef auch noch eine Funktion im Verband ausübt. Doch ihre Erfahrungen sprechen eine andere Sprache.

„Es gibt immer Ausreden, warum nicht Tarif, sondern weniger bezahlt wird.“ Bei Neueinstellungen heißt es immer wieder, erstmal abwarten, wie sich die Zusammenarbeit entwickelt. Oft entspricht die Einstufung auch nicht demTätigkeitsprofil,weil „man immer
mehr Arbeit aufs Auge gedrückt bekommt. Und die Fahrt zur Baustelle wird auch nicht bezahlt.“

Seit 2001 arbeitet sie in der Branche, hat im Garten- und Landschaftsbau gelernt, als Gesellin gearbeitet und sich immer wieder weitergebildet. Sie liebt ihren Beruf. Doch der hat sie inzwischen krank gemacht, weswegen sie ihnmomentan nicht ausüben kann. „Der Druck und die Arbeitsbelastung wurden immer größer und waren zum Schluss nicht mehr auszuhalten.“ Einen Betriebsrat gab es in der Firma, in der sie zuletzt gearbeitet hat, nicht. „Wir haben nicht geglaubt, dass das was ändern würde.“ Die Resignation der Beschäftigten war bereits zu hoch, viele hatten schon innerlich gekündigt. „Außerdem hätte sich keiner getraut, die Wahl eines Betriebsrats voranzutreiben. Dann hättest du dir gleich deine Papiere holen können.“

Dennoch oder gerade deswegen sind beide überzeugte IG BAU-Mitglieder. Sie wissen, dass es auch an ihnen und ihren Kollegen liegt, etwas an ihren Arbeitsbedingungen zu ändern. Gemäß dem Motto: „Tarif gibt’s nur aktiv“. Doch diese Hürde zu überspringen,
ist kein einfacher Weg. Die Drohgebärden der Arbeitgeber zeigen oft Wirkung bei Beschäftigten. Lieber einen schlecht bezahlten als gar keinen Arbeitsplatz, denken sich viele und lassen die, die sich wehren, allein auf weiter Flur.

Deswegen wünschen sich die Zwei mehr Hilfe und Unterstützung, besonders vonseiten der IG BAU – für sich sowie für Beschäftigte in ähnlicher Lage. „Was nutzen Regeln oder Vereinbarungen in Tarifverträgen, wenn sie keiner überprüft. Papier ist geduldig“,
weiß sie zu berichten. Und er ergänzt: „Man muss das Problem öffentlich machen, damit jede und jeder weiß, dass sie oder er nicht alleine steht.“

Es geht auch anders
Denn nur gemeinsam sind wir stark. Dass das nicht nur ein Spruch ist, zeigt das Beispiel eines Baubetriebs in Erfurt. Hier schlossen sich die Kollegen zusammen, wählten einen Betriebsrat und forderten gemeinsammit der IG BAU den Arbeitgeber auf, die gewerblich Beschäftigten richtig einzugruppieren – mit Erfolg.

Eingruppierung: Was tun?

  • Für die Eingruppierung eines Arbeitnehmers in eine bestimmte Entgeltgruppe kommt es auf die Merkmale an, die im jeweiligen Tarifvertrag genannt sind.
  • Die Eingruppierung bereits bei Abschluss des Arbeitsvertrags genau regeln.
  • Ein Arbeitnehmer hat auch dann Anspruch auf die im Arbeitsvertrag stehende Entgeltgruppe, wenn er/sie vom Arbeitgeber möglicherweise mit anderen, geringwertigeren Tätigkeiten beschäftigt wird.
  • Führt ein Arbeitnehmer höherwertige Tätigkeiten aus, sollte er/sie über einen längeren Zeitraum ein Tätigkeitsprotokoll erstellen, aus dem ersichtlich ist, wann und welche Tätigkeit er/sie wie lang ausgeübt hat. Damit sollte dann dem Arbeitgeber gegenüber die Eingruppierung in eine höhere Lohngruppe geltend gemacht werden. Weigert sich der Arbeitgeber, eine zutreffende Eingruppierung vorzunehmen, haben IG BAU-Mitglieder die Möglichkeit, mithilfe der DGB Rechtsschutz GmbH kostenlos vor den Arbeitsgerichten klären zu lassen, ob sie einen berechtigten Anspruch haben.
  • Achtung:
    Eingruppierungsstreitigkeiten im Betrieb und auch vor den Gerichten sind häufig sehr langwierig und müssen sehr gut vorbereitet werden. Insofern sollten Beschäftigte, die eine höhere Eingruppierung durchsetzen wollen, frühzeitig mit dem Betriebsrat und der IG BAU Kontakt aufnehmen.

Ein Beitrag unserer Kollegin Christiane Nölle in der
IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann",
Ausgabe 12/2013-01/2014.

Zwischenruf: Faire Bezahlung hilft auch Arbeitgebern

Was hat die Höhe des Einkommensmit der Gesundheit zu tun?
Anscheinend eine ganze Menge, denn medizinische Statistiken zeigen, dass die Gesundheit von Menschen mit niedrigen Einkommen im Durchschnitt schlechter ist als die von Menschen mit höheren Einkommen. So verringert sich zum Beispiel mit einer sinkenden Einkommenshöhe die mittlere Lebenserwartung. Auch Krankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder psychische Erkrankungen, treten in unteren Einkommensgruppen häufiger auf.

Die Wissenschaft hat verschiedene Erklärungen hierfür.
Zunächst kann ein niedriges Einkommen zu Lebensbedingungen führen, die die Gesundheit negativ beeinflussen. Folgende Situationen sind Beispiele für eine solche Verbindung: Wenn das Geld nur für eine Wohnung in einer Gegend mit Lärm und Feinstaubbelastungen reicht; wenn bei der Qualität und Frische von Lebensmitteln gespart werden muss oder wenn medizinische Leistungen, die Zuzahlung erfordern, nicht in Anspruch genommen werden können.

Zudem gehen psychologische Effekte von der Einkommenshöhe aus.
Aus der Arbeitsstressforschung ist bekannt, dass die Verarbeitung von Belastungen im Beruf besser gelingt, wenn eine angemessene Belohnung erfolgt. Beschäftigte, die von hohen psychischen Arbeitsbelastungen berichten (Zeitdruck, ständige Unterbrechungen, Konflikte) und dafür nicht entsprechend ihrer Leistung und Qualifikation entlohnt werden, entwickeln überdurchschnittlich häufig Stressreaktionen. Untersuchungen zeigen, dass in der Folge sowohl körperliche als auch psychische Erkrankungen auftreten können.

Auch wenn sich die Zusammenhänge im Detail komplizierter darstellen, kann nach dem Stand der Forschung vermutet werden, dass das Einkommen gesundheitsförderlich wirken kann, wenn es einen guten Lebensstandard ermöglicht und der Leistung sowie Qualifikation entspricht. Von dieser „Nebenwirkung“ fairer Bezahlung profitieren nicht nur die Beschäftigten. Durch die Vermeidung von Fehlzeiten und mit gesünderen, produktiveren und zufriedeneren Belegschaften können auch die Betriebe profitieren.

© privat

Prof. Dr. Nico Dragano
Geschäftsführender Direktor
Institut für Medizinische Soziologie,
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf