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Zeit fürs Ehrenamt

Zwei mit Ehrenamt: Stefan Weißgerber (25), Dresden, und Ingo von Scheffer (57), Wilstedt
Zwei mit Ehrenamt: Stefan Weißgerber (25), Dresden, und Ingo von Scheffer (57), Wilstedt © zplusz
27.02.2013
Es gibt Situationen, da müsste der Tag mehr als 24 Stunden haben: Arbeit, Familie, Haushalt - alles unter einen Hut zu bringen, ist oft schwierig und erfordert Organisationsgeschick. Und dennoch gibt es nach wie vor viele Menschen, die sich darüber hinaus noch ehrenamtlich engagieren.

Den Schrubber in der Hand, steht Corinna Huschwar auf der Bühne. Die 36-jährige freigestellte Betriebsrätin bei Piepengrock erobert gemeinsam mit zehn weiteren Gebäudereinigerinnen in den kommenden Wochen die "Bretter, die die Welt bedeuten". Mit "Theater für Tarif" wollen sie ihren Kolleginnen und Kollegen Mut und Durchsetzungskraft in der anstehenden Tarifrunde im Gebäudereiniger-Handwerk vermitteln. Ehrenamtlich - versteht sich.

Nach vier intensiven Probenwochenenden feiert das Stück – passend zum Auftakt der Verhandlungen – am 23. Februar Premiere in Nürnberg. Weitere Termine: 9. März Berlin, 23. März Frankfurt/Main, 13. April Bremen, 15. Juni Essen.

„Wir haben das Stück selbst entwickelt und geschrieben. Mir macht der Austausch mit den Kollegen sehr viel Spaß. So können wir nach außen hin zeigen, was uns bewegt“, betont die Rastätterin, die auch Mitglied im IG BAU-Bundesfachgruppenvorstand der Gebäudereiniger sowie im Elternbeirat an der Schule ihrer Tochter aktiv mitarbeitet. Die Zeit für dieses ehrenamtliche Engagement nimmt sie sich, Mann und Kinder unterstützen sie voll und ganz. Dennoch ist es nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber: „Das ist alles eine Sache der Organisation.“

Corinna und ihre Mitstreiterinnen stehen mit ihrem freiwilligen Engagement nicht alleine da. Laut einer repräsentativen Umfrage, dem sogenannten Freiwilligensurvey von 2009 (neuere Zahlen gibt es leider noch nicht), engagieren sich in Deutschland 36 Prozent der Menschen in ihrer Freizeit freiwillig in den verschiedensten Bereichen. Allen voran in Sportvereinen. Aber auch in Kindergärten, Schulen oder Kirchengemeinden leisten zahlreiche Menschen freiwillige, ehrenamtliche Arbeit. Und natürlich auch in den Reihen der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).

Mit dabei ist auch Ingo von Scheffer. Der 57-jährige Stahl- und Betonbauer bekleidet zahlreiche ehrenamtliche Funktionen in der IG BAU: unter anderem Vorsitzender der Bundesfachgruppe gewerbliche Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe, Mitglied der Bundestarifkommission Bauhauptgewerbe – dazu kommt noch die Arbeit als Betriebsrat bei Züblin.

„Ich engagiere mich ehrenamtlich in unserer IG BAU, weil es mir ganz wichtig ist, selbst mitzugestalten und somit die Dinge gemeinsam durchzusetzen, wie zum Beispiel unsere Arbeitsbedingungen“, nennt der Norddeutsche seine Beweggründe.

Deutschlandweit investieren die freiwillig Aktiven viele Stunden in ihre unentgeltlichen Nebenjobs. Organisieren Veranstaltungen, planen Aktionen und halten somit den Vereins- oder Organisationsbetrieb am Laufen. „Den Zeitaufwand kann ich eigentlich gar nicht genau benennen, aber ich würde ihn grob auf etwa vier bis fünf Stunden pro Woche schätzen“, so von Scheffer.

Laut Freiwilligensurvey investiert jeweils etwa ein Drittel der Freiwilligen bis zu zwei Stunden pro Woche, bzw. drei bis fünf Stunden pro Woche in ihr Engagement. Immerhin 17 Prozent der Engagierten waren 2009 zwischen sechs und zehn Wochenstunden im Einsatz. Knapp jeder zehnte Engagierte wandte sogar mehr als zehn Stunden pro Woche für das Engagement auf. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht wenige Engagierte zwei oder mehr Tätigkeiten ausüben. Und trotz Arbeitsverdichtung und längerer Wochenarbeitszeiten nimmt laut Umfrage das für ehrenamtliche Tätigkeit geleistete monatliche Stundenvolumen nicht ab, sondern leicht zu. Denn nicht die Dauer der Arbeitszeit an sich wirkt sich positiv auf das Ehrenamt aus, sondern die Planbarkeit derselben.

„Ich arbeite auf dem Bau. Das ist harte Arbeit, von der ich gut leben möchte. Ich will meine Arbeitsbedingungen verbessern. Auf Parteien ist da kein Verlass, auf die IG BAU schon, und ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass es besser wird“, benennt Stefan Weißgerber die Grüne, warum er sich das Ehrenamt „antut“. Der 25-Jährige aus Dresden ist nicht “nur“ in der Branche und vor Ort aktiv, besonders viel Zeit investiert er in die Arbeit im und für den Bundesjugendvorstand, dessen Vorsitzender er ist.

„Da kann es gerade im Jahr der Bundesjugendkonferenz und des Gewerkschaftstages mal mehr werden, fast ein Fulltime-Job. Aber es kommen auch wieder ruhigere Zeiten, und dann sind es nur ein paar Stunden pro Woche.“ Bei allem Stress und Zeitaufwand ist er mit viel Spaß und Energie bei der Sache.

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    Corinna Huschwar (hintere Reihe, 5. von links) mit ihrer Theatergruppe © IG BAU (zplusz)

    Die Motivation, sich zu engagieren, ist vielfältig. Einerseits soll die Tätigkeit natürlich Spaß machen. Andererseits aber auch einen Beitrag zum Wohle des Gemeinwesens leisten. „Das Ehrenamt ist eine echte Bereicherung, da hab‘ ich wirklich gewonnen. Ich habe eine wesentlich stärkere Persönlichkeit entwickelt, auch dank der Seminare, die ich besucht habe. Und habe neue Menschen aus ganz Deutschland kennengelernt, woraus auch echte Freundschaften entstanden sind.

    Vor allem aber kann ich direkten Einfluss auf Prozesse und die Organisation nehmen. Das können alle Ehrenamtlichen, und ich nutze das. Und am Ende hab ich immer das gute Gefühl, nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen etwas getan zu haben“, zieht Stefan Zwischenbilanz seiner ehrenamtlichen Tätigkeit.

    „Eins steht fest, wenn wir nicht mitbestimmen, wird über uns bestimmt. Und mitbestimmen können wir nur, wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen“, ist Ingo von Scheffer überzeugt. „Darum sollte man sich ehrenamtlich engagieren, und darum engagiere ich mich ehrenamtlich in meiner IG BAU.“

    Ein Beitrag unserer Kollegin Christiane Nölle in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann 2/2013".