Angriff auf den Sozialstaat: Jetzt redet Ihr
Scharfmacher in der Debatte um den Sozialstaat
Mit markigen Worten haben führende Unionspolitiker*innen die Debatte über Arbeit und Sozialstaat angeheizt. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert einen "Mentalitätswechsel" und stellt infrage, ob mit Vier-Tage-Woche, Work-Life-Balance und wachsender Teilzeit der Wohlstand des Landes zu sichern sei. Es brauche mehr Arbeitsanreize, weniger Regulierung und eine kritischere Sicht auf Sozialleistungen.
Besonders der Begriff "Lifestyle-Teilzeit" hat sich dabei eingebrannt, denn er offenbart ein Bild von den Beschäftigten in diesem Land, das nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Ein Bild, in dem gesellschaftliche Probleme schnell zur Frage individueller Leistungsbereitschaft werden. Hohe Krankenstände, Personalmangel oder Arbeitszeitwünsche erscheinen dann weniger als Ergebnis harter Arbeitsbedingungen, sondern als Ausdruck falscher Lebensführung.
Doch wie erleben eigentlich diejenigen diese Debatte, die jeden Tag auf Baustellen arbeiten, Wälder bewirtschaften, Gebäude reinigen oder im Betrieb schuften?
Um genau das herauszufinden, haben wir einen Aufruf gestartet – in den "sozialen Medien" und auf unserer Homepage und im Newsletter. Wir wollten wissen: Wie erlebst Du diese Debatten? Wie kommst Du über die Runden? Fühlst Du Dich respektiert oder unter Druck gesetzt? Wie klappt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirklich?
Die Resonanz war groß. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen haben uns geschrieben – manche mit Wut, andere mit Sorge, viele mit sehr persönlichen Geschichten. Auch in den "sozialen Medien" wurde intensiv diskutiert.
Im Folgenden wollen wir mit Euren Stimmen und wissenschaftlichen Studien die Debatte einordnen.
Jetzt redet Ihr!
Erst bellen, dann zurückziehen
Zuerst wollen wir aber einen Blick auf die Urheberinnen und Urheber dieser Debatte werfen. Die jüngsten Aussagen folgen dabei einem bekannten Muster: Zunächst wird die ganz große Keule herausgeholt. "Weg mit der telefonischen Krankschreibung!" lässt beispielsweise Gitta Connemann, Vorsitzende der CDU-Mittelstands-und Wirtschaftsunion (MIT), am 14. Januar bei Welt TV verlauten. Es würde den Beschäftigten zu leicht gemacht: "Einfach das Telefon in die Hand genommen" und ein "bisschen Stimme verstellen". Beschäftigte in diesem Land würden es zu oft nicht über die Bettkante schaffen, obwohl sie eigentlich arbeitsfähig seien.
Nach dem einkalkulierten Gegenwind von Gewerkschaften, Sozialverbänden und selbst aus dem Arbeitnehmerflügel der eigenen Partei wird relativiert. Man habe ja nur bestimmte Fälle gemeint. Nur jene, die bei der Krankschreibung schummelten.
Doch die Frage bleibt: Warum versteift sich der wirtschaftsliberale Flügel der CDU immer wieder auf statistisch kleine Einzelfälle? Warum werden Ausnahmen zum politischen Großthema gemacht? Liegt es vielleicht daran, dass hinter dem Getöse keine tragfähigen Konzepte für eine gerechte Reform des Sozialstaats stehen?
Lobbyverein gibt den Ton an
Eine treibende Kraft hinter der Teilzeit-Debatte ist der sogenannte wirtschaftspolitische Flügel der CDU. Darunter fällt unter anderem die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). In einem Antrag an den Bundesparteitag forderte sie, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit einzuschränken.
Noch deutlicher wird die Interessenlage beim sogenannten "Wirtschaftsrat der CDU". Anders als die MIT ist er kein offizielles Parteigremium, sondern ein Lobbyverein. Dieser brachte etwa ins Gespräch, Zahnbehandlungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen.
Wenig mediale Aufmerksamkeit erhielten weitere Forderungen des Papiers "Agenda für Arbeitnehmer in Deutschland" vom 1. Februar 2026. Neben der Streichung der Mütterrente spricht sich der Lobbyverband für eine mittelfristige Erhöhung des Renteneintrittsalters auch über den 67. Geburtstag hinaus durch Koppelung an die Lebenserwartung aus. Eine Forderung, die mittlerweile auch öffentlich vom Bundeskanzler vertreten wird. Ebenso brisant wie explosiv: die Streichung von Unfällen auf Arbeitswegen aus dem Leistungskatalog der Unfallversicherung.
Wichtig ist dabei: Der Zusatz "der CDU" signalisiert lediglich Nähe zur Partei. Anders als die Mittelstands- und Wirtschaftsunion ist er jedoch keine satzungsgemäße Vereinigung nach dem Statut der Partei. Faktisch jedoch agiert der Wirtschaftsrat wie ein parteinahes Gremium. Mit prominenten personellen Überschneidungen: Friedrich Merz, aktueller Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender, war von Juni 2019 bis November 2021 Vizepräsident des Wirtschaftsrats.

Eine Frechheit
Doch politische Debatten sind das eine. Wie sie bei den Beschäftigten ankommen, ist etwas anderes. Das zeigt beispielsweise die Zuschrift von Steffen: "Eine arrogante Debatte, die die Menschen nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil noch verhöhnt und beleidigt." Er führt weiter aus: "Eine Frechheit und ein Schlag ins Gesicht aller Beschäftigten. Hier werden die Pfründe der Reichen verteidigt."
Auch Simone (Name von der Redaktion geändert) empfindet die Tonlage als respektlos. "Ich finde die Sozialabbau-Debatte über die angeblich zu faule, zu kranke, zu oft in Teilzeit arbeitende Bevölkerung beschämend und eine Frechheit", schreibt sie.
Über den Reformbedarf des Sozialstaats lässt sich sicher streiten. Denn klar ist auch: Eine Vielzahl von Programmen, Verwaltungsstrukturen und Prüfungen sorgt dafür, dass Mittel nicht immer dort ankommen, wo sie benötigt werden. Dennoch sorgt der Sozialstaat mit Steuern, Sozialabgaben und staatlichen Leistungen dafür, dass große Unterschiede bei den Einkommen verringert werden. Gleichzeitig fängt er Einkommensschwankungen im Laufe des Lebens ab – etwa durch Leistungen wie Arbeitslosen-, Bürger- oder Krankengeld.
Insgesamt tragen diese Maßnahmen dazu bei, dass die Armutsquote um fast 40 Prozent sinkt. Trotzdem prägen Schlagworte wie "zu teuer", "zu bequem" oder "falsche Anreize" häufig die öffentliche Debatte.
Wenn das Geld nicht reicht
Völlig außen vor in der Debatte blieb: Vollzeitbeschäftigung schützt längst nicht mehr automatisch vor finanziellen Sorgen. Für viele Beschäftigte bedeutet Arbeit heute vor allem: rechnen, planen, verzichten.
Auch IG BAU-Mitglied Kim (Name von der Redaktion geändert), derzeit in der Ausbildung, schildert eine angespannte finanzielle Lage. Auf die Frage, wie der Lebensunterhalt bestritten wird, lautet die knappe Antwort: "Mit Mindestlohn – kaum."
Ein Minus von rund 1000 Euro habe sich nur durch Ersparnisse ausgleichen lassen. "Ich hatte und habe das Glück, dass meine Familie mich unterstützen kann." Ohne diese Unterstützung wäre die Situation noch schwieriger gewesen.
"Der einzige "Luxus", den ich mir leiste, ist mein Sportverein." Viele Ausgaben müssten genau geplant werden: "30 Euro für den Frisör – kann ich mir das leisten? Kleidung? Da schaue ich, dass ich sie günstig bekomme, zum Beispiel second-hand."

Selbst über zusätzliche Arbeit nach einer 40-Stunden-Woche sei nachgedacht worden – die Ideen wurden jedoch verworfen.
Was Kim beschreibt – der finanzielle Druck trotz Ausbildung und 40-Stunden-Woche – ist auch Ergebnis der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Zwar lag die Inflationsrate in Deutschland im Januar mit 2,1 Prozent nur leicht über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Der Ausblick für dieses Jahr gilt als vergleichsweise stabil. Doch der Blick auf die langfristige Entwicklung erzählt eine andere Geschichte.
Seit Januar 2020 – also unmittelbar vor Beginn der Corona-Pandemie und des Angriffs auf die Ukraine – ist der Verbraucherpreisindex bis Januar 2026 um 23 Prozent gestiegen. Das sind gut zehn Prozentpunkte mehr, als im Einklang mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank gelegen hätte. Besonders stark gestiegen sind in diesem Zeitraum die Preise für Nahrungsmittel – um 38,1 Prozent sowie für Energie um 34,7 Prozent.
Gerade diese Ausgaben treffen Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders hart. Wer einen großen Teil des Einkommens für Miete, Lebensmittel und Energie aufwenden muss, spürt Preissteigerungen unmittelbar. Spielräume gibt es kaum.
Auch wenn die aktuelle monatliche Teuerung moderat erscheint, bleibt das Preisniveau dauerhaft erhöht. Für Beschäftigte im Niedriglohnsektor oder in tariflosen Betrieben ist das besonders problematisch. Wer ohnehin wenig verdient, kann Preissteigerungen nicht einfach auffangen. Jede unerwartete Ausgabe wird zur Belastungsprobe.
Kims Rechnung zeigt: Mindestlohn allein garantiert noch kein existenzsicherndes Einkommen. Ohne starke Tarifverträge, ohne regelmäßige Anpassungen und ohne eine Politik, die die Lebenshaltungskosten im Blick behält, bleibt Vollzeitarbeit für viele ein Balanceakt.
Arbeit darf nicht arm machen. Und sie darf nicht dazu führen, dass junge Beschäftigte trotz 40-Stunden-Woche darüber nachdenken müssen, ob ein Frisörtermin finanzierbar ist.
Welcher Lifestyle?
Wie blanker Hohn wirkt in diesem Zusammenhang dabei die aktuelle Diskussion über zu hohe Teilzeitquoten. Sie geht auch deshalb an der Realität vorbei, weil die Beschäftigten aufgefordert werden, mehr zu arbeiten, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen etwas ändert. Konkret: Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, kann Arbeitszeiten nicht beliebig ausdehnen.
Neue Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigen: Im Herbst 2025 waren 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Eltern, die grundsätzlich auf eine externe Kinderbetreuung – etwa in einer Kita, bei Tageseltern oder in der schulischen Ganztagsbetreuung – angewiesen sind, an mindestens einem Tag von eingeschränkten Betreuungszeiten oder sogar kurzfristigen Schließungen der Einrichtung betroffen, beispielsweise infolge von Personalmangel. Fast ein Drittel reduziert deshalb die eigene Arbeitszeit.
Steffen beschreibt, wie sehr seine Familie auf gegenseitige Unterstützung angewiesen ist. "Nicht gut", antwortet er auf die Frage, wie Vereinbarkeit funktioniert. Ohne seine Partnerin, die neben ihrer Teilzeitbeschäftigung den Großteil von Haushalt und Kinderbetreuung übernimmt, wäre der Alltag kaum zu stemmen. "Ohne sie wäre ich aufgeschmissen", gibt er zu. Und schiebt augenzwinkernd hinterher: Ohne sie und ihre "Lifestyle-Teilzeitbeschäftigung".
Denn immer noch sind es überwiegend Mütter, die beruflich kürzertreten und sich unbezahlt um Kinder und die Pflege von Verwandten kümmern. Die Kluft bei der Sorgearbeit ist –ebenso wie bei der Bezahlung – nach wie vor groß. In diesem Zusammenhang von einem "Lifestyle" zu sprechen, verhöhnt die Lebensrealität vieler in diesem Land.

Teilzeit, weil es nicht anders geht
Auch Simone weiß, was es bedeutet, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit über Jahrzehnte hinweg zu verbinden. Sie ist 55 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Söhnen mit Beeinträchtigungen und Großmutter von drei Enkeln. Ihr Mann ist Rentner und schwerbehindert. "Ich habe im Leben viel erlebt", schreibt sie.
Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes 1995 arbeitete sie in Vollzeit als Gebäudereinigerin in der Grundreinigung. Ab 2008 war sie in Teilzeit tätig, meist nachts – eine Arbeit, die sie nach eigenen Worten sehr gern gemacht hat. Gleichzeitig kümmerte sie sich zusätzlich um ihre kranken Schwiegereltern.
2018 erhielt sie die Diagnose einer bösartigen Krebserkrankung. Fast ein Jahr ihres Lebens sei dadurch "verloren gegangen". Heute ist sie auf dem Weg der Besserung, gilt jedoch als schwerbehindert mit einem Grad der Behinderung von 60. Trotzdem ging sie wieder stundenweise arbeiten – "bis ich nicht mehr konnte".
Wer angesichts solcher Lebensläufe von "zu kranken" oder "zu bequemen" Beschäftigten spricht, verkennt die Realität.
Doch es gibt noch eine weitere Dimension, die uns Andreas, Forstwirt bei den Landesforsten Rheinland-Pfalz, mitteilt: "Die Teilzeit-Änderung hätte bei uns zur Folge, dass etwa 40 Prozent der Angestellten arbeitslos wäre. Es wird ja deshalb nicht mehr Arbeit geschaffen, wenn alle in Vollzeit arbeiten."
Buckeln bis zum Umfallen?
Auch beim Thema Krankenstand wird viel über Beschäftigte gesprochen – und allzu oft suggeriert, Fehlzeiten seien Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft oder gar "Faulheit". Diese Sicht greift zu kurz und verkennt die strukturellen Gründe für krankheitsbedingte Fehlzeiten.
Andreas ordnet ein und verweist auf die Statistik: "14,7 Krankheitstage im Durchschnitt sind meiner Meinung nach extrem wenige Tage. Schließlich zählen dazu auch Reha-Zeiten oder Kinderkrankentage. Wenn man das bedenkt, ist diese Aussage geradezu asozial."
Eine differenzierte Analyse des WSI zeigt: Die Ursachen für hohe Fehlzeiten liegen nicht in angeblicher Leistungsunwilligkeit, sondern in tatsächlichen Arbeitsbedingungen und mangelnder Prävention.
Fehlzeiten sind vielfach Folge hoher Arbeitsbelastungen, Personalmangel, unzureichender betrieblicher Gesundheitsförderung und des tatsächlichen Auftretens von Erkrankungen – insbesondere psychischer Erkrankungen, die überdurchschnittlich lange Ausfallzeiten verursachen.
Kim gehört zur jungen Generation am Beginn des Berufslebens. Der Wunsch ist da, zu arbeiten, sich etwas aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Doch stattdessen ist von Anfang an enormer Druck spürbar. "In meinem bisherigen Berufsleben erlebte ich viel Stress, Angst bis hin zur Panik, Frustration, Existenzangst, Depression und Unsicherheiten."
Hinzu kommen dünne Personaldecken. Wer ständig Lücken füllen und Mehrarbeit übernehmen muss, gerät schnell an die eigene Belastungsgrenze. Wird daraus eine Erkrankung, müssen die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen einspringen.
Das sind keine Ausnahmen, sondern Erfahrungen, die viele junge Beschäftigte teilen: Zeitdruck, hohe Erwartungen, körperliche Belastung, finanzielle Unsicherheit. Wer ohnehin am Limit arbeitet und gleichzeitig jeden Euro umdrehen muss, steht unter doppeltem Druck – körperlich und psychisch. "Wir können nur arbeiten, aber nicht zaubern."
Arbeitsleistung hat Grenzen. Wer permanent über diese Grenzen hinausgeht, zahlt einen Preis. "Druck fördert chronische Krankheiten – das ist ein Teufelskreis." So entsteht ein Kreislauf aus Personalmangel, Überlastung und neuen Ausfällen. Wer nur über Fehltage spricht, ignoriert die Arbeitsbedingungen – und verschiebt die Verantwortung weg von den Arbeitgebern auf die Beschäftigten.
Mit Macht für die 8
Klara, Rentnerin aus Thüringen, meldet sich bei uns und verweist auf die Arbeitszeitdebatte. "Wer die Streichung des 8-Stunden-Tages fordert, ist verantwortlich für steigende Arbeitsbelastung und Burnout-Zahlen. Was wir brauchen, ist nicht mehr Arbeit auf den Schultern weniger, sondern gute Arbeit für alle."
Damit macht sie deutlich: Mit Symbolpolitik sollen die Ursachen der schwachen Wirtschaft den Beschäftigten in die Schuhe geschoben werden. Die Verlängerung der täglichen Höchstarbeitszeit löst kein einziges Problem. Und führt auch nicht zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Gerade in Branchen mit hoher körperlicher Belastung – auf dem Bau, in der Reinigung, im Forst – ist der 8-Stunden-Tag kein bürokratisches Hindernis, sondern ein Schutzschild. Wer ihn aufweicht, verschiebt das Risiko einseitig auf die Beschäftigten.
Gute Arbeit entsteht nicht durch längere Tage, sondern durch gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und starke Tarifverträge. Flexibilität am Arbeitsplatz gibt es längst. Dort, wo Tarifverträge gelten. Sie bieten Spielräume, ohne den Schutz der Beschäftigten auszuhöhlen.

Eine gesetzliche Aufweichung hingegen würde vor allem jene treffen, die ohnehin kaum Mitbestimmung haben: Beschäftigte ohne Tarifbindung. Für sie hieße das längere Arbeitstage, weniger Erholung, mehr Druck.
Heraus zum 1. Mai
In diesem Jahr bekommt der Tag der Arbeit eine besondere Bedeutung. Seit zwei Jahren steckt die Wirtschaft in einer Krise. Zehntausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Standorte werden geschlossen, Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland. Doch die Verantwortung dafür wird teilweise den Beschäftigten in die Schuhe geschoben.
Unter dem Motto "Erst unsere Jobs, dann eure Profite" gehen Gewerkschaften am 1. Mai auf die Straße. Für eine Wirtschaftspolitik, die nicht allein den Interessen von Unternehmen folgt. Wer Gewinne macht und von öffentlichen Investitionen, Infrastruktur oder günstiger Energie profitiert, muss auch Verantwortung für Beschäftigte und Arbeitsplätze tragen.
Und auch die Steuerpolitik ist eine Frage der Gerechtigkeit. Während Beschäftigte jeden Monat Steuern und Sozialabgaben zahlen, werden große Vermögen und Millionenerbschaften vergleichsweise gering belastet.
Mehr als ein Ritual
Was steht nun am Ende Eurer Geschichten? Wir haben versucht, diese Debatte gemeinsam mit Euch einzuordnen. Kim steht am Anfang des Berufslebens. Simone blickt auf Jahrzehnte harter Arbeit zurück. Ihre Arbeit, Sorgearbeit und Gesundheit sind kein Talkshowthema, sondern ihr Leben. Diese Debatte ist ein Weckruf.
Der 1. Mai ist mehr als ein gut einstudiertes Ritual zwischen Bratwurst und Luftballons. Der 8-Stunden-Tag, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die gesetzliche Unfallversicherung oder die Mitbestimmung im Betrieb – all das ist Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften. Die Debatte macht deutlich: Diese Rechte waren nie selbstverständlich. Es braucht den Druck der Straße gegen diese Politik der Herabsetzung und Verächtlichmachung.
Jetzt redet Ihr!
Was meinst Du zur Position unserer Mitglieder? Stimme ab: deine.igbau.de/zukunft-sozialstaat
Text: Tobias Wark
Dieser Artikel erschien zuerst im Grundstein, Ausgabe 02/2026.




