Den Sozialstaat verteidigen!
"Was habe ich eigentlich vom Sozialstaat?"
Kurz gesagt: Der Sozialstaat ist ein Netz, das uns alle auffängt. Er sorgt für Unterstützung: wenn wir krank werden, die Arbeit verlieren, Kinder bekommen und alt werden.
Er funktioniert nach der Idee "Solidarität statt Jeder für sich": Mit unseren Steuern und Abgaben finanzieren wir den Sozialstaat alle gemeinsam. Und haben im Ausgleich auch alle etwas davon, wenn wir es benötigen, zum Beispiel:
- Kranken- und Pflegeversicherung,
- Rente,
- Arbeitslosengeld,
- Bürgergeld bzw. Grundsicherung,
- Kindergeld,
- Kitaplätze,
- Wohngeld.
Der Sozialstaat gibt Sicherheit, wenn das Leben unsicher wird. Und sorgt dafür, dass ein Schicksalsschlag nicht sofort zur Existenzkrise wird. Dadurch macht er große Lebensrisiken kalkulierbar: für alle, nicht nur für Wohlhabende.
"Ist der Sozialstaat nicht viel zu aufgebläht?"
Über den Reformbedarf des Sozialstaats lässt sich sicher streiten. Unbestritten ist jedoch, dass er eine zentrale Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.
Zwar sorgen zahlreiche Programme, Verwaltungsstrukturen und Prüfverfahren dafür, dass Leistungen nicht immer so zielgenau ankommen, wie es wünschenswert wäre. Gleichzeitig trägt der Sozialstaat aber entscheidend dazu bei, soziale Ungleichheiten auszugleichen. Durch Steuern, Sozialabgaben und staatliche Leistungen werden Einkommensunterschiede verringert und finanzielle Risiken im Lebensverlauf abgefedert – etwa bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder anderen Einkommensausfällen.
Insgesamt senken diese Maßnahmen die Armutsquote um nahezu 40 Prozent. Dennoch wird die öffentliche Debatte häufig von Schlagworten wie "zu teuer", "zu bequem" oder "falsche Anreize" geprägt.
Wesentlich angetrieben durch Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, hat sich die Sozialstaatsdebatte hierzulande seit 2025 wieder stark zugespitzt.
Betrachtet man jedoch die Fakten, entpuppen sich die meisten entsprechenden Behauptungen als bloße populistische Mythen – denen man oft das Ziel unterstellen kann, den Sozialstaat zu diskreditieren: um zu spalten und von sozialem Unfrieden zu profitieren.
Die wichtigsten Erkenntnisse vorab:
- Auch, wenn bestimmte Parteien und Medien häufig etwas anderes behaupten, gibt Deutschland mit rund 30 Prozent seiner Wirtschaftsleistung nur durchschnittlich viel für soziale Leistungen aus. Wir liegen im europäischen Mittelfeld. Nicht an der Spitze.1
- Die Staats- und Sozialausgaben sind zuletzt auch nicht auffällig stark gewachsen: Von 2002 bis 2022 stiegen sie bei uns um 26 Prozent. In Norwegen dagegen zum Beispiel im gleichen Zeitraum um 92 Prozent, in Polen um 126 Prozent, in Irland sogar um 130 Prozent.2
Sehen wir uns einige der gängigsten Behauptungen einmal genauer an:
Faktencheck: Neun Mythen über den deutschen Sozialstaat
Mythos 1: Der deutsche Sozialstaat ist zu teuer
Die Behauptung: "Die Sozialausgaben explodieren und belasten die Wirtschaft. Deutschland gibt viel zu viel für den Sozialstaat aus."
Die Fakten: Deutschland gibt im Vergleich mit anderen Industriestaaten weder besonders viel Geld für Soziales aus, noch sind die Ausgaben in den vergangenen Jahren übermäßig gewachsen. In vielen anderen Ländern sind die Sozialausgaben deutlich höher.
Laut einer Analyse des Statistischen Bundesamts liegen Deutschlands Sozialausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zudem heute nicht höher als vor zehn Jahren: 2024 betrug die Sozialleistungsquote 31,2 Prozent des BIP, verglichen mit 28,9 Prozent im Jahr 2015. Die absoluten Ausgaben stiegen zwar stark an, doch das BIP wuchs proportional mit: von 2,13 Billionen Euro (2000) auf 4,33 Billionen Euro (2024). Es ist eine glatte Lüge, wenn Bundeskanzler Merz sagt, "der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar".
Mythos 2: Sozialleistungen werden massenhaft missbraucht
Die Behauptung: "Unser Sozialsystem ist eine Hängematte und lädt zum Missbrauch ein. Viele kassieren zu Unrecht Sozialleistungen."
Die Fakten: Sozialleistungen vergibt der Staat nicht ohne regelmäßige Kontrolle und Überprüfung. Wie hoch die Zahl derjenigen ist, die zu Unrecht Grundsicherung oder Arbeitslosengeld beziehen, ist schwer zu ermitteln. Laut Bundesarbeitsministerium wurden im Jahr 2024 bundesweit 123 379 Verdachtsfälle auf Leistungsbetrug geprüft. In über 100 000 Fällen bestätigte sich der Anfangsverdacht. Bedenken muss man jedoch auch: Viele Menschen verzichten sogar bewusst auf Geld, das ihnen zusteht – aus Unwissenheit, Scham oder Scheu vor dem Gang zum Amt.
Der volkswirtschaftliche Schaden durch Missbrauch hält sich in Grenzen und liegt weit unter der Summe, die der Staat spart, weil Menschen auf Unterstützung verzichten. Und er liegt auch unter der Summe von schätzungsweise 100 bis 125 Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr durch Steuerhinterziehung verliert.
Mythos 3: Arbeit lohnt sich wegen der "sozialen Hängematte" nicht mehr
Die Behauptung: "Wenn sich Arbeit nicht lohnt, bleiben die Leute lieber zu Hause und leben von Sozialleistungen."
Die Fakten: Wenn sich Arbeit nicht lohnt, sind die Löhne zu niedrig. Die Tarifflucht der Arbeitgeber ist ein wesentlicher Grund für niedrige Löhne. Die Tarifbindung ist in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen. Während in den 1990er-Jahren noch etwa 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland unter Tarifschutz standen, sind es heute nur noch etwa 50 Prozent in Westdeutschland und sogar nur etwa 35 Prozent in Ostdeutschland. Mehr Tarifbindung sorgt für höhere Löhne; ein starker Sozialstaat schafft Sicherheit.
Mythos 4: Die Deutschen sind zu oft krank
Die Behauptung: "Die Deutschen feiern ständig krank. Die Krankmeldungen steigen, weil es zu einfach ist, sich krankschreiben zu lassen."
Die Fakten: Das ist nicht richtig. Deutschland liegt beim Krankenstand im europäischen Vergleich lediglich im oberen Mittelfeld, nämlich auf Platz sieben von 26 Ländern. Mit durchschnittlich 3,6 Wochen krankheitsbedingter Fehlzeit pro Jahr liegen deutsche Beschäftigte unter dem Niveau von Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5,0 Wochen) oder Spanien (4,9 Wochen). Der europäische Durchschnitt beträgt 2,6 Wochen.
Entscheidend ist: Der scheinbare Anstieg der Krankheitstage in Deutschland ist kein Zeichen für plötzlich 'faulere' Beschäftigte, sondern vor allem ein Messeffekt. Seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Januar 2022 werden Krankheitstage erstmals lückenlos erfasst. Zuvor blieben Millionen Krankheitstage statistisch unsichtbar. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern mit Vollerhebung. Andere Staaten erfassen Krankmeldungen nur lückenhaft oder ohne unbezahlte Karenztage.
Mythos 5: Der Sozialstaat ist nicht mehr finanzierbar
Die Behauptung: "Der demografische Wandel macht den Sozialstaat unbezahlbar. Wir können uns das alles nicht mehr leisten."
Die Fakten: Der Sozialstaat ist finanzierbar, wenn man die Kosten gerechter aufteilt. Ein gut funktionierender Sozialstaat bietet nicht nur soziale Sicherheit, sondern stabilisiert auch die Wirtschaft, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und reduziert die Ungleichheit.
Apropos Ungleichheit: Diese bleibt unverändert auf hohem Niveau. Die unteren 50 Prozent der Bevölkerung besitzen nur 2,3 Prozent des Gesamtvermögens3, auch das Armutsrisiko bleibt hoch, trotz steigender Löhne und Vermögen. Das bedeutet: Obwohl die Wirtschaft wächst und die Vermögen steigen, kommt dieser Wohlstand nicht bei allen an. Ein starker Sozialstaat ist jedoch nicht nur sozial notwendig und gerecht, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Denn er stabilisiert die Nachfrage und trägt zur gesellschaftlichen Stabilität bei.
Mythos 6: Wir brauchen mehr Eigenverantwortung und weniger "Vollkaskomentalität"
Die Behauptung: "Die Menschen müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen und privat vorsorgen. Der Staat kann nicht alles finanzieren. Mehr private Vorsorge entlastet den Sozialstaat."
Die Fakten: "Mehr Eigenverantwortung" ist Schönfärberei für die Privatisierung sozialer Risiken. Es bedeutet, dass Beschäftigte die Kosten für ihre soziale Absicherung alleine tragen sollen, während sich Arbeitgeber aus der gemeinsamen Verantwortung für die soziale Frage zurückziehen wollen.
Das Problem: Viele Menschen können sich private Vorsorge überhaupt nicht leisten. 32,2 Prozent der Deutschen4 haben keinerlei Ersparnisse und können daher auch keine Rücklagen für die private Vorsorge bilden. Außerdem ist private Vorsorge ungerecht: Bei der gesetzlichen Rente teilen sich Beschäftigte und Arbeitgeber die Beiträge 50/50. Die Kosten für private Vorsorge tragen die Beschäftigten ganz allein. Ein starker Sozialstaat ist solidarisch finanziert und schützt alle – auch diejenigen, die sich private Vorsorge nicht leisten können.
Mythos 7: Die Bürger*innen wollen weniger Sozialstaat
Die Behauptung: "Die Menschen wollen einen schlanken Staat und weniger Sozialausgaben."
Die Fakten: Die Mehrheit ist gegen Sozialabbau. Der sozialstaatsradar 2026 zeigt, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung mehr staatliche Sicherheit und mehr sozialen Ausgleich fordert. Die Menschen wollen einen starken Sozialstaat, der alle schützt. Der Sozialstaat genießt breite Unterstützung in der Bevölkerung.
Mythos 8: Sozialausgaben schaden der Wirtschaft
Die Behauptung: "Hohe Sozialausgaben machen Deutschland unattraktiv für Investoren und schaden der Wettbewerbsfähigkeit."
Die Fakten: Ein starker Sozialstaat stärkt die Wirtschaft. Er sorgt für qualifizierte und gesunde Arbeitskräfte, stabilisiert die Nachfrage und schafft Vertrauen. Der Sozialstaat ist ein Standortvorteil, kein Standortnachteil.
Mythos 9: Die Verwaltungskosten in der Sozialversicherung sind zu hoch
Die Behauptung: "Die Sozialversicherung ist ein aufgeblähter Apparat mit viel zu hohen Verwaltungskosten. Private Versicherungen sind effizienter und kostengünstiger."
Die Fakten: Das Gegenteil ist der Fall. Die deutsche Sozialversicherung arbeitet hocheffizient und kostengünstig. Die Kritik der Arbeitgeber an den vermeintlich zu hohen Verwaltungskosten ist vollkommen realitätsfern. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wendet nur 4 Cent je Euro für Verwaltungskosten auf, während die private Krankenversicherung (PKV) 9 Cent je Euro benötigt – also mehr als doppelt so viel. Bei der GKV betrugen die Verwaltungskosten 2023 nur 4,1 Prozent der Einnahmen, bei der PKV hingegen 9,3 Prozent für Verwaltungs- und Abschlusskosten.
Die deutsche Sozialversicherung ist effizient und schnell, staatsfern, aber nah an den versicherten Menschen – bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Erwerbsminderung, Arbeitsunfall, Arbeitslosigkeit, Alter. Davon profitiert die breite Masse der Erwerbstätigen mitsamt ihrer Angehörigen. Und das zu einem Bruchteil der Kosten privater Anbieter.
"Brauchen wir den Sozialstaat wirklich?"
Der deutsche Sozialstaat trägt maßgeblich zur hohen Lebensqualität bei. Beim "Human Development Index" der Vereinten Nationen, in den neben Einkommen auch Gesundheit und Bildung eingehen, lag Deutschland 2025 so etwa auf Platz 5 von 193 Ländern, und nur wenige kleine Länder rangierten vor der Bundesrepublik.
Vor allem aber bietet ein gut funktionierender Sozialstaat nicht nur soziale Sicherheit für alle, sondern trägt auch zur wirtschaftlichen Stabilität und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.
Ein starker Sozialstaat bedeutet:
- mehr Sicherheit
- mehr Chancengleichheit
- mehr Zusammenhalt
- weniger Angst vor der Zukunft
Er sorgt dafür, dass nicht nur die Starken durchkommen.
"Wer profitiert davon, wenn der Sozialstaat geschwächt wird?" – Nicht Du.
Wer profitiert davon, wenn soziale Leistungen gekürzt oder Rechte beschnitten werden? Wenn das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben wird und Ressentiments in der Gesellschaft geschürt werden? Wenn es zu Spannungen zwischen verletzlichen Gruppen kommt und sie gegeneinander ausgespielt werden?
Diese Frage beantwortet sich fast von selbst, wenn man betrachtet, von welchen Seiten die Angriffe auf den deutschen Sozialstaat kommen. Es sind nicht zufällig Wirtschaftsliberale und Rechtsextreme, die hier an vorderster Front agieren.
Der Sozialstaat bist auch Du. Wer ihn schwächt, trifft am Ende nicht "die anderen". Ein Abbau des Sozialstaats und seiner Errungenschaften trifft Kolleginnen und Kollegen, Familien, Kinder, Rentnerinnen und Rentner. Und irgendwann auch Dich.
Der Sozialstaat sorgt dafür, dass wir Risiken gemeinsam tragen statt Menschen allein zu lassen. Deshalb lohnt es sich, ihn zu verteidigen. Mit aller Macht.
Werde jetzt Mitglied der IG BAU und mach Dich stark mit uns für ein solidarisches Gemeinwesen!





