Diskriminierung: Gleich behandelt?
Sie sitzt noch immer mit am Tisch in den Pausenräumen. Sie läuft über Baustellen. Sie steckt in schiefen Blicken, dummen Sprüchen und ungerechten Entscheidungen. Sie ist da, wenn Frauen weniger verdienen, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten. Wenn Kolleginnen nach der Elternzeit plötzlich "nicht mehr flexibel genug" sind und von der Liste potenzieller Führungskräfte verschwinden. Wenn Beschäftigte mit Migrationsbiografie doppelt kämpfen müssen, um respektiert zu werden. Wenn ältere Arbeitnehmerinnen behandelt werden, als hätten sie kein Morgen mehr im Betrieb. Wir Frauen kennen diese Geschichten, weil sie Alltag sind. Der Zufall will es, dass
dieses Jubiläum in eine Zeit fällt, in der auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin so hart über Demokratie, Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit gestritten wurde. Denn der Wind hat sich gedreht.
Mehr Zusammenhalt
Rechte Kräfte greifen Frauenrechte offen an. Vielfalt wird oft belächelt. Solidarität soll ersetzt werden durch Konkurrenz, denn alles ruft nach Wachstum. Beschäftigte werden gegeneinander ausgespielt wie billige Ware: jung gegen alt, deutsch gegen migrantisch, Vollzeit gegen Teilzeit. Gleichstellung ist keine Nebensache. Sie ist eine Machtfrage. Wer darf mitreden? Wer wird ernst genommen? Wer bekommt Sicherheit? Und wer soll still funktionieren?
Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf dem DGB-Bundeskongress mehrfach gesagt, dass alle ihren Beitrag leisten müssen, damit meinte er die Arbeitnehmer*innen dieses Landes. Kein Wort über die Reichen und Superreichen. Kein Wort über eine Bürgerversicherung, in die ALLE einzahlen.
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz war vor zwanzig Jahren ein wichtiger Schritt. Endlich stand im Gesetz, dass Menschen nicht wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Alters, ihrer Religion, ihrer Behinderung oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden dürfen. Doch ein Gesetz allein verändert noch keine Wirklichkeit.
Darum reicht es nicht, schöne Reden über Gleichstellung zu halten. Rechte müssen durchsetzbar sein. Betroffene brauchen mehr Schutz. Mehr Zeit. Mehr Unterstützung. Und vor allem
Kolleginnen und Kollegen, die nicht wegsehen.
Eleanor Roosevelt sagte einmal, Menschenrechte beginnen "an den kleinen Orten, nah am Zuhause". Für uns IG BAU-Frauen sind diese Orte die Baustellen, die Büros, die Kantinen, die Werkhöfe und die Reinigungskammern dieses Landes. Genau dort entscheidet sich, ob Würde nur ein großes Wort bleibt — oder Wirklichkeit wird.
Darum unser Appell:
Bleibt nicht still, wenn Menschen klein gemacht werden. Mischt Euch ein, wenn Frauen benachteiligt werden. Widersprecht, wenn Hass und Ausgrenzung salonfähig werden.
Text: Renate Wapenhensch
Der Beitrag ist erstmals in der Grundstein-Ausgabe 3/2026 erschienen.


