Seitenpfad:

EU Inc.: Neue EU-Firma – neue Schlupflöcher?

EU-Fahne vor wolkigem Himmel
(Foto: Dušan Cvetanović / Pexels)
06.10.2026
Arbeit

Mit der geplanten "EU Inc." will die EU-Kommission Unternehmensgründungen von Start-ups einfacher und günstiger machen. Doch die neue Rechtsform steht grundsätzlich allen Unternehmen und Konzernen offen und könnte so ausgerechnet den Branchen schaden, die bereits heute besonders unter Briefkastenfirmen, Sozialbetrug und verschachtelten Subunternehmerketten leiden. Es drohen neue Möglichkeiten, Verantwortung zu verschleiern und Arbeitnehmerrechte zu umgehen.

Nach den bisherigen Plänen könnten Unternehmen künftig vollständig digital gegründet werden – schnell, kostengünstig und mit deutlich weniger bürokratischem Aufwand. Besonders kritisch ist, dass Unternehmen ihren juristischen Sitz künftig leichter in anderen europäischen Mitgliedstaaten anmelden könnten als dort, wo sie tatsächlich tätig sind. So könnte ein Unternehmen auf deutschen Baustellen arbeiten, seinen offiziellen Sitz aber in einem Land haben, in dem andere sozialrechtliche Vorgaben gelten.

Im Dickicht der Verantwortung

Gerade im Baugewerbe sind Briefkastenfirmen und undurchsichtige Subunternehmerketten seit Jahren ein Problem. Je länger die Kette zwischen Auftraggeber und Beschäftigten wird, desto schwieriger wird es nachzuvollziehen, wer tatsächlich Verantwortung trägt. Nicht selten verstecken sich die Verantwortlichen hinter verschachtelten Unternehmensstrukturen oder formalen Geschäftsführer*innen. Das Vorhaben kollidiert deshalb deutlich mit anderen Zielen der europäischen Kommission. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat angekündigt, entschlossener gegen kriminelle Netzwerke und Wirtschaftsbetrug vorzugehen. Ein Widerspruch: Während die Europäische Union (EU) mehr Transparenz fordert, könnte die EU Inc. Konstruktionen erleichtern, die Kontrollen und Rechtsdurchsetzung erschweren. Hinzu kommt, dass eine EU Inc. nach den bisherigen Plänen innerhalb kürzester Zeit vollständig digital gegründet werden soll – für weniger als 100 Euro und ohne Mindestkapital. Dadurch wird es schwieriger sein, zu überprüfen, ob tatsächlich eine wirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt wird oder lediglich eine rechtliche Hülle entsteht.

Die Folgen wären nicht nur für Beschäftigte, sondern auch für seriöse Unternehmen spürbar. Wer Tariflöhne, Sozialabgaben oder arbeitsrechtliche Vorgaben umgeht, kann Aufträge oft günstiger anbieten als tarifgebundene Betriebe. Der Preisdruck steigt, faire Unternehmen geraten ins Hintertreffen, und es droht ein Wettbewerb zulasten von Löhnen, Arbeitsbedingungen und sozialen Standards.

Dabei verfolgt die EU-Kommission ein nachvollziehbares Ziel: Innovationen fördern und Unternehmensgründungen erleichtern. Fraglich bleibt jedoch, ob eine neue Rechtsform die zentralen Herausforderungen junger Unternehmen tatsächlich löst. Oft fehlt es weniger an rechtlichen Möglichkeiten als an Kapital, Investitionen und Finanzierung. Europa braucht wirtschaftliche Stärke und Innovationen – neue Schlupflöcher für Sozialdumping dürfen daraus jedoch nicht entstehen.

Text: Tobias Wark
Der Artikel erschien erstmal in der Grundstein-Ausgabe 04/2026