susanne holtkotte
23.12.2019
E wie Ehrenamt

Für besonders großes Medienecho sorgte ihr Auftritt in der Talkshow „hart aber fair“ rund um die Grundrente von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Februar. Dort las sie den Politikern die Leviten und machte deutlich, dass viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, von ihrer Rente nicht leben können. Am Ende der Talkshow stand die Verabredung, mit Heil für jeweils einen Tag die Jobs zu tauschen.

Am 12. März besuchte Susanne „Hubertus“  im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „Das war ein super Tag“, erinnert sie sich. „Klar, dass ich nicht den Minister vertreten konnte, aber einen guten Eindruck von seiner Arbeit habe ich bekommen.“ Wobei dieser Tag ein außergewöhnlicher war, denn das 100-jährige Bestehen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) wurde im Ministerium gefeiert: Austausch mit ILO-Generaldirektor Guy Ryder und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, ein Riesenaufgebot an Medien. Susannes Fazit: „Politiker sind auch nur Menschen. Wir schimpfen gerne über sie. Aber tauschen will ich mit keinem. Du trägst Verantwortung, musst Entscheidungen für ein ganzes Volk treffen. Und du kannst es nie allen recht machen.“ Über Hubertus Heil: „Er ist ein Mensch wie du und ich, nicht reich geboren, hat in der Altenpflege gearbeitet. Ich glaube ihm wirklich, dass er Verbesserungen umsetzen will.“

Im Mai folgte der Gegenbesuch des Ministers an Susannes Arbeitsstätte, dem Bochumer Krankenhaus Bergmannsheil. Die 49-Jährige koordiniert dort die „Bettenzentrale“, die mit 14 Kolleg*innen das ganze Haus mit frischen Betten und Bettwäsche beliefert. Wie sich Heil dort geschlagen hat? „Bei uns im Team sitzt jeder Handgriff. Er hat alles gleich verstanden und richtig gut mitgearbeitet. Man hat gemerkt, er weiß, was er da tut. Zum Schluss hat er zugegeben, dass das ein super anstrengender, krasser Job ist. Und dass wir zu wenig Geld dafür bekommen.“

Kämpferin für soziale Gerechtigkeit

Die aktuellen Themen des Ministers – Rentenkonzept, Mindestlohn, Arbeitsbedingungen – bewegen auch die engagierte Gewerkschaftsfrau: Beisitzerin im Bezirksarbeitskreis Frauen, Mitglied im Bezirksbeirat, stellvertretende Vorsitzende der Fachgruppe Gebäudereiniger-Handwerk – Susanne will Dinge ändern, die ihr nicht passen. „Ich mach das einfach gerne“, meint sie. „Das ist eine Aufgabe, das ist Abwechslung. Und es sind super Freundschaften daraus entstanden.“ Dass man sich von Arbeitgeber und Vorgesetzen nicht alles gefallen lassen darf, davon ist sie überzeugt und setzt sich als Betriebsrätin für die Belange der Beschäftigten ein. „Das ist auch ein Vorteil, denn bei der großen Fresse hätten die schon so einigen Grund gehabt, mich abzusägen“, meint sie augenzwinkernd.

Neben Arbeit und gewerkschaftlichem Engagement ist Susanne ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht – und Autorin! Im Juni ist ihr Buch „715 Euro. Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an“ erschienen. Und das Medieninteresse reißt nicht ab; kürzlich hat sie einen Artikel für das Straßenmagazin fiftyfifty geschrieben, ein Team des ZDF hat sie zwei Tage in ihrem Alltag begleitet. Susanne will ihre Medienpräsenz nutzen, um bei jeder Gelegenheit auf Niedriglöhne, Minirenten und Altersarmut hinzuweisen. Und sie will weiterhin selbst aktiv gegen diese Missstände vorgehen.

Die IG BAU ist ihr bei all dem ein großer Rückhalt: „Ich bin ein riesiger Gewerkschaftsfan. Die Gewerkschaft, das ist ein Verbund, das ist Stärke vor allem auch für Menschen, die Unterstützung brauchen. Mit der IG BAU bist du nie alleine, musst keine Angst haben. Im Miteinander kann man Dinge bewegen, Ziele verfolgen und letztendlich auch erreichen.“ Der kürzlich nach hartem Ringen durchgesetzte neue Rahmentarifvertrag für das Gebäudereiniger-Handwerk ist dafür ein gutes Beispiel.

Cordula Binder für "Der Grundstein / Der Säemann"