Delegierte bei der Abstimmung
(Foto: Tobias Seifert)
29.09.2026
24. Ordentlicher Gewerkschaftstag

Am zweiten Tag unseres 24. Ordentlichen Gewerkschaftstages standen die Wahlen des neuen Bundesvorstands im Mittelpunkt. Nach 13 Jahren haben wir uns von Robert Feiger verabschiedet. Der neue Bundesvorsitzende ist Carsten Burckhardt: Herzlichen Glückwunsch!

Carsten Burckhardt ist neuer IG BAU-Chef

Die Delegierten des 24. Ordentlichen Gewerkschaftstag haben die personellen Weichen für die kommenden vier Jahre gestellt. Carsten Burckhardt heißt der neue Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Er wurde mit großer Mehrheit von den rund 300 Stimmberechtigten auf dem Gewerkschaftstag in Kassel gewählt. "Ich freue mich über das Vertrauen und will gemeinsam mit unseren Mitgliedern dafür sorgen, dass es in diesem Land gerechter zugeht. Wer den Wohlstand erarbeitet, muss seinen gerechten Anteil bekommen, von seiner Arbeit gut leben können und bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit und im Alter verlässlich abgesichert sein. Dafür machen wir auch nach den Sozialprotesten vom 26. September weiter Druck – auf der Straße und am Verhandlungstisch. In allen Branchen der IG BAU kämpfen wir für starke Tarifverträge und mehr Tarifbindung, für ordentliche Löhne und Arbeitsbedingungen, die Menschen nicht kaputtmachen", sagt Burckhardt.

Gruppenfoto-Bundesvorstand (von links): Lars Dieckmann, Zeynep Bicici, Carsten Burckhardt, Nicole Simons, Christian Beck
(Foto: Rolf Oeser) Gruppenfoto-Bundesvorstand (von links): Lars Dieckmann, Zeynep Bicici, Carsten Burckhardt, Nicole Simons, Christian Beck

Danke, Robert!

Nach 13 Jahren an der Spitze der IG BAU verabschieden wir Robert Feiger als Bundesvorsitzenden unserer Gewerkschaft.

In all diesen Jahren war Robert eine verlässliche und starke Stimme für die Beschäftigten unserer Branchen. Er hat sich eingemischt, gestritten und die heutzutage vielzitierte Haltung gezeigt. Er war ein wichtiges Korrektiv in der Bundespolitik – beharrlich, wenn es darauf ankam, und stets auf der Seite derjenigen, die von ihrer Arbeit leben oder es gerade nicht können.

Und Robert hat nie einen Zweifel daran gelassen, wo die IG BAU steht, wenn Menschen ausgegrenzt und gegeneinander ausgespielt werden. Seine klare Haltung gegen rechts gehört für ihn genauso zu gewerkschaftlicher Arbeit wie der Kampf für gute Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung. Nach 13 Jahren heißt es nun Abschied nehmen. Mach's gut und danke, lieber Robert.

Robert Feiger
(Foto: Tobias Seifert)

"Es geht auf unseren Nacken, auf unsere Knochen"

Heidi Reichinnek
(Foto: Tobias Seifert) Heidi Reichinnek

Klare Worte zu Rente, Arbeitszeit und Hitzeschutz hatte Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, beim 24. Ordentlichen Gewerkschaftstag der IG BAU in Kassel. Mit einem Redebeitrag warnte sie vor einem höheren Renteneintrittsalter und der Aufweichung des Achtstundentags. Zugleich forderte sie verbindliche Regeln zum Schutz von Beschäftigten vor extremer Hitze.

"Ich will nicht, dass Politik die Arbeit der Gewerkschaften macht", sagte Reichinnek. "Aber ich will, dass Politik nicht gegen die Gewerkschaften agiert, sondern Rahmenbedingungen schafft, innerhalb derer Ihr vernünftig kämpfen könnt."

Als Beispiel nannte sie die laufende Tarifrunde in der Gebäudereinigung. Die Forderung der IG BAU nach 17 Euro in der Lohngruppe 1 bezeichnete Reichinnek angesichts des bisherigen Stundenlohns von 15 Euro als "wirklich lächerlich wenig", ohne dabei die Forderung in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Vielmehr sei der aktuelle Lohn "nicht einmal armutsfest".

"Man kann mit 90 nicht mehr auf dem Dach herumkraxeln"

Beim Thema Rente wandte sich Reichinnek wenig überraschend gegen Forderungen nach einem höheren Renteneintrittsalter. Das Argument, angesichts einer steigenden Lebenserwartung müssten alle länger arbeiten, greife zu kurz: "Wir werden nicht alle 100 Jahre alt. Schön wär’s."

Mit einem augenzwinkernden Verweis auf Gregor Gysi nahm Reichinnek die eigene Berufsgruppe dabei nicht aus: Wir  Abgeordnete könnten "mit 90 noch im Bundestag sitzen und irgendeine Grütze von uns geben". Für körperlich arbeitende Menschen sehe die Realität anders aus: "Aber man kann mit 90 nicht mehr auf dem Dach herumkraxeln, ein Gebäude reinigen oder Pflegekraft sein. Es funktioniert einfach nicht."

Hitzeschutz: Tarifliche Lösungen ausweiten

Eine weitere konkrete Verbindung zur Arbeit der IG BAU stellte Reichinnek beim Hitzeschutz her. Beschäftigte dürften bei extremen Temperaturen nicht gezwungen sein, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. "Du kannst doch nicht bei über 40 Grad in Vollzeit noch auf dem Bau schuften." Die Linke habe deshalb unter anderem ein Hitzekurzarbeitergeld in die politische Debatte eingebracht. Wo Schutzvorgaben nicht eingehalten werden könnten, müsse die Arbeitszeit verkürzt werden. "Denn das geht alles auf unseren Nacken, auf unsere Knochen."

In zwei Branchen hat die IG BAU bereits tarifliche Lösungen durchgesetzt. Im Dachdeckerhandwerk wurde das Ausfallgeld bereits 2020 auf die Sommermonate ausgeweitet. Kann wegen großer Hitze nicht weitergearbeitet werden, erhalten Beschäftigte 75 Prozent ihres Stundenlohns. Bis zu 53 Ausfallstunden im Jahr sind möglich. Die Leistung wird über die Sozialkasse des Dachdeckerhandwerks erstattet.

Auch im Gerüstbauerhandwerk gibt es eine entsprechende Regelung. Kann zwischen dem 1. Mai und dem 31. August wegen starker Hitze, heftigen Regens, Orkanböen oder anderer extremer Witterung nicht gearbeitet werden, erhalten Beschäftigte ebenfalls 75 Prozent ihres Stundenlohns für bis zu 50 Stunden im Jahr.

Der neue IG-BAU-Bundesvorsitzende Carsten Burckhardt griff das Thema deshalb in seiner Antwort auf Reichinnek auf. Ziel sei es, entsprechende Regelungen auch für weitere Outdoor-Berufe zu erreichen. Dafür brauche die Gewerkschaft politische Unterstützung aus Berlin. "Die Wege haben wir aufgezeigt", sagte Burckhardt. Mit einem Klima-Kurzarbeitergeld will die IG BAU Beschäftigte verlässlich absichern, wenn Arbeiten aufgrund extremer Hitze nicht mehr möglich oder gesundheitlich nicht vertretbar ist.

"Zwischen sozialem Kahlschlag und Rechtsextremismus stehen wir"

Reichinnek beendete ihre Rede mit einem Appell an die Delegierten: "Zwischen sozialem Kahlschlag und Rechtsextremismus stehen immer noch wir." Wenn es jemand schaffen könne, sich dem entgegenzustellen, dann "diejenigen, die hier im Raum sitzen, gemeinsam mit den vielen anderen an unserer Seite".

Burckhardt stellte anschließend die Gemeinsamkeiten heraus. In den kommenden Monaten und Jahren könne man "sehr viel gemeinsam rocken" im Kampf für soziale Gerechtigkeit und bezahlbaren Wohnraum ebenso wie beim Hitzeschutz für die Beschäftigten.

Text: Tobias Wark

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