Beratungen
(Foto: Tobias Seifert)
30.09.2026
24. Ordentlicher Gewerkschaftstag

Das Grundsatzreferat des neuen Bundesvorsitzenden, Denkanstöße zur Rente und ein Abschied: das alles gehört zu den Höhepunkten am 29. September.

Die Fahnen bleiben oben

In seinem Grundsatzreferat auf dem 24. Ordentlichen Gewerkschaftstag der IG BAU in Kassel hat der neue Bundesvorsitzende Carsten Burckhardt seine politischen Schwerpunkte benannt.

Zu Beginn richtete Burckhardt den Blick auf die Beschäftigten in den Branchen der IG BAU: Auf diejenigen, die in Ställen und Wäldern, auf Gerüsten, Dächern, Straßen und Brücken arbeiten, die bauen, reinigen, sanieren, produzieren, füttern und schützen. "Sie sorgen dafür, dass unser Land funktioniert. Diese Menschen sind die IG BAU." Daran knüpfte Burckhardt das Motto des Gewerkschaftstags: "Respekt für unsere Arbeit." Wer glaube, die Gewerkschaften würden nach den Demonstrationen und Kundgebungen vom 26. September die Fahnen wieder einrollen, habe sich verrechnet: "Wir rollen unsere Fahnen nicht ein. Wir heben sie höher und sie werden mehr, wenn die Politik sich in diesem Land nicht ändert."

Carsten Burckhardt
(Foto: Tobias Seifert)

45 Beitragsjahre müssen reichen

Einen Schwerpunkt setzte Burckhardt bei der Rente. Eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters dürfe es ebenso wenig geben wie eine Absenkung des Rentenniveaus. Nach 45 Beitragsjahren müsse eine abschlagsfreie Rente möglich sein. Besonders für Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen, von denen viele bereits mit 16 oder 17 Jahren angefangen hätten zu arbeiten. "Diese Menschen haben den Wohlstand dieses Landes geschaffen. Mit ihren Händen. Mit ihrer Gesundheit. Mit ihrer Lebenszeit."

Die Rente brauche deshalb einen "Muskelkraft-Faktor": Wer körperlich hart arbeite, müsse früher ohne Abschläge in Rente gehen können. "Denn Job ist nicht gleich Job. Wer körperlich hart arbeitet, hat früher die volle Rente verdient." Auch beim Sozialstaat forderte Burckhardt eine andere Verteilung der Lasten. "Solidarität ist keine Einbahnstraße nach unten. Solidarität verpflichtet alle!" Er sprach sich für eine Reichensteuer, die Abschöpfung von Übergewinnen und niedrigere Energiekosten aus.

Frieden als Bauauftrag

Auch die internationale Lage griff Burckhardt auf. Frieden, Demokratie und soziale Gerechtigkeit stellte er dabei in einen Zusammenhang: "Frieden ist vielleicht der größte Bauauftrag der Menschheit. Sein Fundament ist die Menschenwürde. Sein Bauplan ist das Recht. Seine tragenden Wände sind Demokratie und soziale Gerechtigkeit."

Zum Ende betonte Burckhardt, die IG BAU sei gesprächsbereit, übernehme Verantwortung und ringe um vernünftige Lösungen. Zugleich machte er deutlich, wo für die Gewerkschaft Grenzen liegen: "Wer unsere Arbeitszeit angreift, bekommt es mit uns zu tun! Wer unsere Rente angreift, bekommt es mit uns zu tun! Wer unseren Sozialstaat angreift, bekommt es mit uns zu tun!"

Zum Schluss kam Burckhardt noch einmal auf die Fahnen zurück: "Wir rollen unsere Fahnen nicht ein. Wir tragen sie weiter."

Text: Tobias Wark

Alles Gute, Ulrike

Ulrike Laux
(Foto: Tobias Seifert) Seit Oktober 2013 war sie Mitglied des IG BAU-Bundesvorstandes: Ulrike Laux.

Mehr als ein Jahrzehnt hat Ulrike an zentraler Stelle Verantwortung für unsere Gewerkschaft getragen – auch international. "Du hast die Branchen- und Tarifpolitik im Gebäudereiniger-Handwerk, im Facility Management und in der Industriellen Dienstleistung verantwortet", betonte IG BAU-Bundesvorsitzender Carsten Burckhardt in seiner Abschiedsrede.

Dazu kamen Frauen- und Gleichstellungspolitik, Queerpolitik und Senior*innenpolitik – Themen, die für dich nie einfach nur Zuständigkeiten
waren, sondern immer mit Haltung und persönlicher Überzeugung verbunden waren. "Du hast dich mit großer Beharrlichkeit für höhere Einkommen und bessere Tarifverträge eingesetzt. Dabei ging es dir immer um das Entscheidende: die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten ganz konkret zu verbessern."

Wir wünschen Ulrike für ihren (Un-)Ruhestand alles Gute. 

Der Bierpreis und der Rentenzuschuss

Rolf Schmachtenberg
(Foto: Rolf Oeser) Dr. Rolf Schmachtenberg, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Warum machen Talk-Shows verrückt und warum trinken Rentner*innen immer weniger Bier? Nicht nur die Antworten auf diese Fragen lieferte Dr. Rolf Schmachtenberg in seinem Redebeitrag.

Darin ging es ihm um nichts anderes als die "Zukunft unseres Sozialstaates". "Der deutsche Sozialstaat erbringt Leistungen für uns alle." Die Hauptlast trügen allerdings die Beschäftigten.

Seit Jahren liegt die Sozialleistungsquote des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei rund 30 Prozent. "Die Kosten wachsen nicht in den Himmel, es wird auch nicht zusammengestrichen." Allein 60 Prozent fließen in die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Damit liegt Deutschland auf Platz fünf in Europa.

Problematisch dabei: ein Zweiklassensystem. Für die breite Masse sind die gesetzlichen Versicherungen zuständig, um "die Herrschaften" kümmern sich die privaten, wo sie einige Privilegien genießen. Das muss sich ändern. "Deswegen ist es wichtig, an der Forderung nach einer Bürgerversicherung festzuhalten“, einer sozialpolitischen Kernforderung der IG BAU.

Insbesondere zum Thema Rente machte Schmachtenberg anschauliche, zukunftsfähige Vorschläge. Der Wirtschaftswissenschaftler war von 2018 bis 2025 Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Zu Zeiten der Ampelregierung war er für das Rentenpaket 2 zuständig. Dieses sollte das aktuelle Rentenniveau sichern, scheiterte aber am Widerstand der FDP.

"70 Prozent Nettoeinkommen im Alter sind machbar", da ist sich Schmachtenberg ganz sicher. Zwei Bausteine sind hierfür notwendig: Das Niveau der gesetzlichen Rente erhöhen sowie die betriebliche Altersvorsorge für alle ausbauen. Sein knappes Fazit: "Private Vorsorge kann man vergessen."

Wichtig ist ihm auch die Sicherungslücke für Beschäftigte in gesundheitlich besonders belastenden Berufen. Für die sei die "Rente mit 63" keine Lösung. "In der Regel erreichen sie keine 45 Versicherungsjahre in ihren Berufen." Ein Altersflexizuschuss, wie ihn beispielsweise die IG BAU fordert, sei hier die geeignete Lösung. Heißt also: dranbleiben!

Mit seiner Rede gab Schmachtenberg den Delegierten sowie den neu gewählten Bundesvorstand einige Denkanstöße mit auf den Weg, die Rente zukunftsfähig zu machen. Fehlen noch die Antworten auf die Eingangsfragen: in den Talk-Shows reden die sogenannten Expert*innen "nur Blabla". Und Bierpreis auf der Wiesn ist zwischen 2000 und 2024 um 138 Prozent gestiegen, der Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rente dahingegen um 86 Prozent.

Text: Christiane Nölle

Weitere Eindrücke vom 29. September