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Ost-West-Angleich: Ein Land – ein Lohn

Deutschlandkarte mit Fotos von Streikdemos zur Bautarifrunde 2024
(Grafik: zplusz)
14.07.2026
Arbeit

Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gilt für die Arbeit am Bau endlich: Ein Land – ein Lohn, ein Gehalt. Mit der vollständigen Angleichung der Einkommen in Ost und West wird eine jahrzehntelange Ungleichbehandlung beendet.

"Das ist ein historischer Schritt. Darauf haben wir mit großer Hartnäckigkeit, unter anderem einem knapp dreiwöchigen Streik, lange hingearbeitet", sagt Carsten Burckhardt, Stellvertretender IG BAU-Bundesvorsitzender und im Bundesvorstand für das Bauhauptgewerbe zuständig. Lange genug gedauert, das ist wohl war. Eine ganze Bauarbeitergeneration sozusagen.

"Natürlich freue ich mich. Noch mehr hätte es mich gefreut, wenn es ein paar Jahre früher passiert wäre. Aber das war mit der Arbeitgeberseite nicht zu machen“, betont Markus Pohlmann Betriebsratsvorsitzender bei der STRABAG AG – Direktion Niedersachsen/Sachsen-Anhalt.

"In meinen Bereich arbeiten Kollegen aus Ost und West", deswegen war Markus mit der ungleichen Bezahlung nahezu täglich konfrontiert, eine schlüssige Erklärung hierfür konnte er auch nicht liefern. Das führte zu Frust und Enttäuschung. "Viele haben sich in Direktionen in den westlichen Bundesländern versetzen lassen, um mehr Geld zu verdienen."

Nachvollziehbar. Umso mehr freut sich Markus, dass einige jetzt wieder zurückkommen möchten. Doch er ist auch selbstkritisch. "Wenn hier mehr Kollegen in der Gewerkschaft wären und mehr Druck gemacht hätten… vielleicht wäre es schon früher möglich gewesen." Sich beschweren, aber selbst den Hintern nicht hoch kriegen. Nicht nur Markus erlebt das oft im Betrieb. "Klar haben wir uns oft als Beschäftigte zweiter Klasse gefühlt", verrät Jörg Oehmigen, Betriebsratsvorsitzender bei Diringer & Scheidel (Leipzig). Besonders dann, wenn Westkollegen auf Ostbaustellen gearbeitet haben. Resultat: Gleiche Arbeit, unterschiedlicher Lohn.

"Im Osten wird genauso gut gearbeitet. Und das Leben ist genauso teuer." Jörg bringt noch einen weiteren Aspekt in die Diskussion: "Durch mein geringeres Einkommen habe ich in den vergangenen Jahrzehnten auch weniger in die Rentenkasse eingezahlt." Das wird er im Alter noch zu spüren bekommen.

Markus Pohlmann
(Foto: zplusz/Thomas Lein) Markus Pohlmann, Straßenbauer und Betriebsrat

Grund zu feiern

Andere Branchen waren schneller: In der Gebäudereinigung sind die Löhne seit 1. Dezember 2020 bundeseinheitlich.

"Jetzt ist es endlich soweit. Für mich ist das ein historischer Tag", freute sich Heidrun Schuster in der Grundstein-Ausgabe Dezember 2020/Januar 2021. Die Gebäudereinigerin aus Suhl war Mitglied in der Verhandlungskommission. Lebhaft erinnerte sie sich seinerzeit an die Tarifverhandlungen. "Wir wollten alle, dass diese Lohnmauer endlich fällt – egal, ob wir aus dem Osten oder dem Westen kamen. Wir haben alle am gleichen Strang gezogen. Da bin ich verdammt stolz drauf."

Jörg Oehmigen
(Foto: zplusz) Jörg Oehmigen, Polier und Betriebsrat

Jetzt ist mit dem Bau also eine weitere Mauer endgültig gefallen. Aber wie sieht es in anderen Branchen aus? Auch 35 Jahre nach der Deutschen Einheit besteht bei den Löhnen noch eine beträchtliche Ost-West-Lücke, stellt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) fest. Während Vollzeitbeschäftigte in Westdeutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 4810 Euro brutto im Monat verdienten, waren es in Ostdeutschland nur 3973 Euro monatlich – ein Unterschied von 17,4 Prozent. Insgesamt gab es in den vergangenen Jahren aber einige Fortschritte: Seit 2014 ist die Lohnlücke zwischen West und Ost um sieben Prozentpunkte kleiner geworden.

Für ostdeutsche Kolleg*innen wohl aber nur ein kleiner Grund zur Freude. Mögliche Ursachen für das Schneckentempo in Sachen gleicher Lohn: Wo Flächentarife fehlen, entstehen Unterschiede, mittlerweile sogar zwischen den Bundesländern. In der Baustoffindustrie ist die Tariflandschaft beispielsweise stark regional geprägt und umfasst über alle Branchen 30 Tarifgebiete. Auch in den vergangenen Jahren spielte die Ost-West-Angleichung eine maßgebliche Rolle in den Tarifverhandlungen. Bis auf die Betonbranche ist sie so weit vorangeschritten, dass zum Teil die Ost-Tarifbereiche höhere Entgelte erhalten. Entsprechend verschiebt sich auch das tarifpolitische Ziel hin zum Ausgleich regionaler Unterschiede generell im Einkommen.

Gesetzlicher Mindestlohn hilft

Ohne gesetzlichen Mindestlohn, der seit 1. Januar 13,90 Euro pro Stunde beträgt, sähe die Lage in einigen Branchen sehr düster aus. "Beschäftigte in den ostdeutschen Bundesländern haben vom Mindestlohn überdurchschnittlich häufig profitiert – und zwar einfach, weil sich hier in den Jahren nach der Wende ein besonders großer Niedriglohnsektor ausgebreitet hatte", so Dr. Malte Lübker, Entgeltexperte am WSI.

Beispiel Floristik. Seit 1. Juli 2025 liegt dort der Stundenlohn im Westen bei 15,48 Euro. "Rabenschwarz" sieht es dagegen immer noch für die Floristinnen und Floristen im Osten aus. Sie erhalten aufgrund der massiven Blockadehaltung der Arbeitgeberseite lediglich immer noch den gesetzlichen Mindestlohn.

Hier muss dringend eine Lösung her, das kann so nicht weitergehen. Die Folgen der Lohnlücke – nicht nur in der Floristik: Fachkräftemangel, Abwanderung, Rentenlücke, das Gefühl, "Bürger zweiter Klasse" zu sein.

Der Ausweg aus dem Dilemma wäre eine höhere Tarifbindung – in Ost und West. "Für die breite Mehrheit der Beschäftigten,
deren Entgeltniveau über dem Mindestlohn liegt, führt der Weg zu besseren Löhnen über Tarifverträge. Mit Tarifvertrag sind die Löhne in vergleichbaren Betrieben etwa zehn Prozent höher, als wenn der Tarifvertrag fehlt", so Lübker.

Zulasten der ostdeutschen Beschäftigten wirkt jedoch, dass die Tarifbindung nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Ostdeutschland mit 41,7 Prozent deutlich unterhalb des Wertes für Westdeutschland (50 Prozent) liegt. Gleichzeitig unterbieten viele tariflose Arbeitgeber*innen in Ostdeutschland die Tarifstandards besonders deutlich.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist das Bundestariftreuegesetz, das zum 1. Mai in Kraft getreten ist. Weitere Schritte müssen folgen. Jede und jeder kann dazu beitragen, dass sich Löhne und Arbeitsbedingungen im Betrieb verbessern. Du willst, dass in Deinem Unternehmen künftig ein Tarifvertrag gilt? Du willst dazu beitragen, dass dein Unternehmen tarifgebunden bleibt? Du willst, dass die Politik endlich mehr tut, um die Tarifbindung in Deutschland wieder zu erhöhen? Du hast die Macht, selbst etwas zu bewegen! Ohne Dich und Deine Kolleg*innen geht es nicht: Gemeinsam müssen wir Druck machen, dann sind wir gemeinsam erfolgreich – in Ost und West.

Text: Christiane Nölle
Der Beitrag erschien ursprünglich in der Grundstein-Ausgabe 3/26.