Rente: Warum "länger arbeiten" keine Lösung ist
Besonders umstritten ist die sogenannte "Rente mit 63". Die Rentenkommission will die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren abschaffen. Außerdem soll der frühestmögliche Renteneintritt für langjährig Versicherte angehoben werden. Nach 2031 soll auch die Regelaltersgrenze weiter steigen und an die Entwicklung der Lebenserwartung gekoppelt werden.
Seit Ende der Sommerpause ist Bewegung in die Debatte gekommen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat klargestellt, dass die abschlagsfreie Rente nicht von einem Tag auf den anderen abgeschafft werden soll. Angesprochen auf den Widerstand auf Ebene der Ministerpräsidenten antwortete der Bundeskanzler: "Aber der Trend zur Frühverrentung bei einer älter werdenden Gesellschaft muss gestoppt werden. Darüber sind wir uns in der Koalition einig, und ich gehe davon aus, dass ich auch die Ministerpräsidenten davon überzeugen kann, diesem Weg zu folgen."
Für alle, die ihre Lebensplanung auf die bisherigen Regeln ausgerichtet haben, ist das wichtig. Eine Entwarnung ist es nicht. Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren bleibt auf dem Tisch. Welche Jahrgänge betroffen wären, und wann die neuen Regeln greifen, ist noch offen. Und: Der Bericht der Rentenkommission ist noch kein Gesetz. Über einzelne Vorschläge wird in der Koalition weiter gestritten. Die Bundesregierung will die Reform dennoch zügig auf den Weg bringen. Damit beginnt die entscheidende Auseinandersetzung erst. Denn hinter vielen Vorschlägen steht eine scheinbar einfache Rechnung: Wenn wir länger leben, können wir auch länger arbeiten.
Viele schaffen es schon heute nicht bis zur Rente
Nach dem DGB-Index Gute Arbeit gehen nur 53 Prozent der Beschäftigten davon aus, ihre derzeitige Tätigkeit unter den aktuellen Bedingungen bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben zu können. 40 Prozent rechnen damit, vorher aufhören zu müssen.
Das betrifft nicht nur klassische körperliche Berufe. Auch Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit können auf Dauer krank machen. Besonders groß ist die Belastung dort, wo schwere körperliche Arbeit hinzukommt. Ein höheres Rentenalter bedeutet deshalb nicht einfach "nur" ein zusätzliches Jahr im Beruf. Es kann heißen: Noch ein Jahr durchhalten oder früher aufhören und dafür Abschläge bei der Rente hinnehmen.
Entscheidend ist nicht nur, wie alt wir werden
In der Rentendebatte wird häufig mit der steigenden Lebenserwartung argumentiert. Entscheidend ist aber nicht allein, wie alt ein Mensch wird. Es geht auch darum, wie viele Jahre nach dem Renteneintritt bleiben. Das Rentenalter steigt bereits schrittweise auf 67 Jahre. Danach will die Rentenkommission die Regelaltersgrenze an die weitere Entwicklung der Lebenserwartung koppeln. Zwei Drittel des Zugewinns an Lebenszeit sollen auf eine längere Erwerbsphase entfallen, ein Drittel auf die Rentenphase. Damit würde die Regelaltersgrenze nach 2031 weiter steigen. Für Beschäftigte, die ihren Beruf schon heute kaum bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten, verschärft sich das Problem. Ihnen droht faktisch eine weitere Rentenkürzung.
Gesundheit ist ungleich verteilt
Hinzu kommt: Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen auf ein langes und vor allem gesundes Leben. Deshalb trifft ein höheres Rentenalter nicht alle gleich. Wer gesund ist und länger arbeiten möchte, soll das tun können. Daraus darf aber kein Zwang für alle werden. Wer nach Jahrzehnten harter Arbeit nicht mehr kann, wie viele Kolleginnen und Kollegen in den Branchen der IG BAU, braucht einen verlässlichen Weg in die Rente.
45 Jahre sind genug
Deshalb ist für die IG BAU klar: Die Regelaltersgrenze darf nicht weiter angehoben und auch nicht automatisch an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Auch die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren muss bleiben. Wer 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, muss weiterhin früher ohne Abschläge in Rente gehen können. Das ist kein Privileg. Es berücksichtigt lange Erwerbsbiografien, insbesondere gerade von Menschen, die nach der Ausbildung früh ins Berufsleben eingestiegen sind.
Übergangsfristen, wie sie derzeit diskutiert werden, schützen möglicherweise diejenigen, die kurz vor der Rente stehen und mit den geltenden Regeln geplant haben. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) fordert hier Übergangsfristen und Vertrauensschutz. Sie hält einen Zeitraum von etwa fünf Jahren für denkbar. Das Grundproblem löst dies aber nicht. Wer heute 50 Jahre alt ist und bereits seit mehr als 30 Jahren auf dem Bau arbeitet, wird durch eine fünfjährige Übergangsfrist nicht weniger belastet. Neben der Rente nach 45 Versicherungsjahren braucht es deshalb alternative Wege für einen flexiblen Übergang.
Alters-Flexi: Wenn Vollzeit nicht mehr geht
Was passiert mit jemandem, der seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Vollzeit ausüben kann, aber auch nicht die Voraussetzungen für eine Erwerbsminderungsrente erfüllt? Genau hier braucht es das Modell der Alters-Flexi. Die Idee: Arbeitszeit reduzieren und das geringere Einkommen durch eine Einkommensersatzleistung, ähnlich dem Kurzarbeitergeld, ausgleichen. Abschläge bei der Altersrente könnten so vermieden werden. Finanziert werden könnte ein solches Alters-Flexi-Geld durch Staat und die Tarifvertragsparteien gemeinsam. Beschäftigten, die aus gesundheitlichen Gründen an ihrem bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr in Vollzeit arbeiten können, ermöglicht es, länger im Beruf zu bleiben. Dann aber mit einer Arbeitszeit und Tätigkeit, die an die Gesundheit angepasst ist.
Wichtig dabei: Der Zugang muss einfach und sozial abgesichert sein. Beschäftigte dürfen sich nicht erst durch langwierige Begutachtungen und komplizierte Verfahren kämpfen müssen. Gleichzeitig müssen Krankenversicherung und andere Sozialleistungen gesichert bleiben. Auch für Menschen mit dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen braucht es bessere Möglichkeiten für einen früheren Renteneintritt. Nicht jede dauerhafte Einschränkung führt schließlich zu einer anerkannten Schwerbehinderung oder erfüllt die Voraussetzungen für eine Erwerbsminderungsrente.
Jung gegen Alt?
Die Rechnung klingt bedrohlich: Immer mehr Rentnerinnen und Rentnern stehen immer weniger Beitragszahlerinnen und Beitragszahler gegenüber. Also müssten die Renten gekürzt, die Beiträge drastisch erhöht oder das Rentenalter immer weiter nach oben geschoben werden. Doch so einfach ist es nicht. Für die Finanzierung der Rente zählt nicht allein das Verhältnis von Jung zu Alt. Entscheidend ist auch, wie viele Menschen arbeiten, was sie verdienen, wie sich die Produktivität entwickelt und wer dabei in die Rentenversicherung einzahlt.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Von einer bevorstehenden Implosion der gesetzlichen Rente kann keine Rede sein. 2024 entsprachen die Rentenausgaben 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 1997 waren es 10 Prozent, 2003 sogar 10,4 Prozent. Und das, obwohl seit 2003 mehr als drei Millionen Rentnerinnen und Rentner hinzugekommen sind. Auch der Beitragssatz ist heute niedriger als vor rund 25 Jahren. Er liegt bei 18,6 Prozent. Ende der 1990er-Jahre waren es noch 20,3 Prozent. Nach den derzeitigen Planungen soll der Beitragssatz auch 2027 zunächst bei 18,6 Prozent bleiben. Ähnlich sieht es beim Bundeszuschuss aus. Der Bundeszuschuss Rente ist eine finanzielle Leistung des Staates aus Steuermitteln zur Unterstützung der gesetzlichen Rentenversicherung. Im Jahr 2000 entsprachen die Zuschüsse zur Rentenversicherung 25 Prozent der Einnahmen des Bundes. 2025 waren es 25,2 Prozent. Gemessen an den Einnahmen der Rentenversicherung ist der Anteil sogar exakt gleichgeblieben: 23,2 Prozent im Jahr 2000 und 23,2 Prozent im Jahr 2025.
Klar ist: Die gesetzliche Rente steht vor Herausforderungen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, weniger junge Menschen rücken nach. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Leistungen gekürzt werden oder alle länger arbeiten müssen.
Die Rente lässt sich anders finanzieren
Es gibt andere Stellschrauben. Mehr Erwerbstätige können in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, etwa Selbstständige, Beamtinnen und Beamte und Abgeordnete. Höhere Einkommen und große Vermögen können über das Steuersystem stärker zur Finanzierung beitragen. Deutschland gibt gemessen an seiner Wirtschaftsleistung im europäischen Vergleich keineswegs außergewöhnlich viel für die Alterssicherung aus. Es gibt also politische Alternativen zu Leistungskürzungen und einem immer
höheren Rentenalter. Denn Kürzungen lassen die Kosten des Älterwerdens nicht verschwinden. Sie verlagern sie lediglich auf die einzelnen Beschäftigten und Rentnerinnen und Rentner. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie bringen wir alle dazu, länger zu arbeiten? Sondern: Wie schaffen wir ein Rentensystem, das der unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsrealität der Menschen gerecht wird? Denn die gesetzliche Rente ist kein Almosen. Sie ist der Lohn für jahrzehntelange Arbeit und gezahlte Beiträge.
Text: Tobias Wark
Der Beitrag ist ursprünglich im Grundstein Oktober/November 2026 erschienen.


