Überhitzt: Wenn Hitze die Arbeit stoppt
Der Körper fährt nicht mehr runter

Baustellenleiter im Gartenbau bei der Benning GmbH & Co. in Münster-Roxel.
Thomas Eckertz, Baustellenleiter im Garten- und Landschaftsbau, kennt die Situation genau. Als wir mit ihm im April in Gronau (Westfalen) an der niederländischen Grenze das Interview führen, trägt er morgens noch zwei Jacken übereinander. Doch die kühlen Nächte täuschen. "Da gibt es keine feste Grenze, ab der Hitze plötzlich ein Problem wird. Das fängt im Frühjahr an und steigert sich dann über den Sommer", beschreibt er. Besonders belastend seien Phasen, in denen sich die Temperaturen auch nachts kaum noch abkühlen. "Ich mache seit 40 Jahren diesen Job, was ich bemerke: Die Tage, an denen der Körper nicht mehr richtig runterfahren kann, sind mehr geworden."
Wenn die Temperaturen nachts nicht unter 20 Grad fallen, spricht man von sogenannten Tropennächten. Sie erschweren die Regeneration und führen dazu, dass sich Belastungen über mehrere Tage hinweg aufbauen. Gerade bei körperlicher Arbeit kann das die Gesundheit beeinträchtigen. Hitze wirkt sich dabei nicht nur auf das Wohlbefinden aus. Sie hat direkte Folgen für den Körper: schnellere Ermüdung, Konzentrationsprobleme, Dehydrierung und Kreislaufbelastungen. Auch das Unfallrisiko steigt, etwa durch Schwindel oder nachlassende Aufmerksamkeit. Und dann ist da immer auch der Risikofaktor weißer Hautkrebs.
Hinzu kommt die körperliche Belastung durch die Arbeit selbst. Wer schwere Lasten bewegt oder über längere Zeit in der Sonne arbeitet, muss deutlich mehr trinken und Pausen einplanen. "Und irgendwann kommst du an den Punkt, wo es einfach zu viel wird."
Staub auf der Sonnencreme
In vielen Betrieben wird versucht, darauf zu reagieren. Arbeitsabläufe werden angepasst, Tätigkeiten nach Möglichkeit verlagert, Pausen ausgeweitet. "Wenn es geht, arbeitest du im Schatten oder teilst die Arbeit anders ein", sagt er. "Aber das geht nicht überall." Gerade im Garten- und Landschaftsbau wird häufig auf großen Flächen gearbeitet, auf Straßen, Plätzen oder offenen Anlagen. Beschattung ist dort kaum möglich. "Du kannst nicht über eine ganze Fußgängerzone ein Zeltdach bauen."
Schutzmaßnahmen gehören inzwischen zum Alltag. Wasser wird bereitgestellt, oft gekühlt. Auch Sonnenschutzmittel stehen zur Verfügung. "Wir haben Wasserkisten auf den Baustellen und Kühlschränke in den Containern. Und überall Spender für Sonnencreme." Gleichzeitig zeigen sich auch hier Grenzen: "Wenn du dich eincremst und dann im Staub arbeitest, bleibt alles daran kleben", beschreibt Thomas die Praxis. "Gerade bei Kalk- oder Zementstaub ist das nicht angenehm." Auch spezielle Kleidung kann die Belastung nur begrenzt reduzieren. "Es gibt Shirts, die sind leichter und luftiger", sagt er. "Aber, wenn du 38 Grad hast, dann hilft dir das auch nur bedingt."
Die Erfahrung vieler Beschäftigter ist deshalb ähnlich: Persönliche und technische Schutzmaßnahmen können die Belastung verringern, sie können sie aber nicht vollständig ausgleichen.
Sonne satt
Erfahrungen, die auch Stefan Haker, Gerüstbauer und Bauleiter bei Xervon, im brandenburgischen Hennickendorf bestätigt. "Wir arbeiten fast immer mit Stahl. Das Material wird im Sommer sehr heiß."
Beim Aufbau von Gerüsten fehlt häufig jeder Schatten. Gerade beim sogenannten sukzessiven Bau, wenn das Gebäude noch wächst, während die Gerüste schon komplett stehen. In dieser Situation sind die Kolleginnen und Kollegen auf dem Gerüst von allen Seiten der Sonne ausgesetzt. "Du hast die Sonne von oben, das aufgeheizte Material von unten und dazu noch die körperliche Arbeit."
Auch die Schutzausrüstung spielt eine Rolle. Helm, Handschuhe und Sicherheitsausrüstung sind notwendig, erschweren aber die Wärmeabgabe des Körpers. "Die Sachen musst du tragen, das ist klar", sagt er. "Aber es macht die Sache natürlich nicht einfacher." Mit steigender Hitze verändert sich auch die Arbeit selbst.

Jungbullen auf dem Gerüst
"Bei Hitze arbeitet man langsamer", sagt Stefan. „"Das ist einfach so." Das betrifft nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Konzentration. Gerade auf dem Gerüst kann das entscheidend sein. "Wenn du merkst, dass es nicht mehr richtig geht, dann hörst du besser auf. Das ist eine Frage der Sicherheit." In vielen Betrieben wird darauf inzwischen stärker geachtet. Pausen werden eingeplant, Wasser bereitgestellt, die Belastung im Blick behalten.
Gleichzeitig hat sich der Umgang mit Hitze im Laufe der Zeit verändert. "Früher galt im Sommer ganz klar oben ohne", erinnert sich der Bauleiter. "Da hat sich keiner groß Gedanken gemacht. Da gab es immer diese Jungbullen. Ich war ja selbst mal so einer. Da ging es darum zu zeigen, dass man das durchzieht."
Heute sei das anders. "Jetzt achten die Leute mehr aufeinander und sagen: Lass die Klamotte mal lieber an." Trotz dieser Veränderungen bleibt die grundsätzliche Situation gleich: Die Arbeit findet draußen statt, oft ohne Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung. Technische Lösungen sind nur begrenzt möglich. Beschattung oder Kühlungsvorrichtungen lassen sich auf Gerüsten in vielen Fällen nicht umsetzen.
Schmelztiegel erreicht
Auch die Bedingungen auf dem Dach sind im hohen Maße von den verwendete", betont Michelle Meaubert, Dachdeckermeisterin in Dresden. "Die Materialien heizen sich zusätzlich auf." Schiefer, Beton oder Blech erreichen dabei schnell sehr hohe Temperaturen. „"Du hast da Oberflächentemperaturen von über 60 Grad. Du kannst dir die Haut verbrennen, wenn du die Materialien anfasst." Schatten gibt es meist keinen. "Gerade auf Flachdächern kannst du keinen Schatten schaffen. Du bist in der Regel der höchste Punkt in der Umgebung."
Auch das Material reagiert auf die Temperaturen. "Die Bitumenbahnen werden weich. Du trittst drauf, und es gibt nach."
Damit wird die Arbeit nicht nur anstrengender, auch der Umgang mit dem Material ändert sich und Arbeitsabläufe müssen angepasst werden.

Wenn die Feuerwehr kommt
Für Michelle ist deshalb ein Punkt entscheidend: "Sobald die Konzentration nachlässt, ist eigentlich der Moment erreicht, wo man vom Dach gehen sollte." Denn im Dachdeckerhandwerk kann ein Fehler gravierende Folgen haben. "Bei uns kann der kleinste falsche Schritt im schlimmsten Fall bedeuten, dass jemand stirbt." Dass Hitze zur konkreten Gefahr werden kann, hat sie selbst erlebt. "Ein Kollege hat auf dem Dach einen Hitzeschock erlitten, saß regungslos da oben auf dem First. Er war nicht ansprechbar und es war unklar, wie wir ihn da wieder runterkriegen." Die Situation war so ernst, dass die Feuerwehr zur Bergung gerufen werden musste.
Zehn gute Tage im Jahr
Die Belastung gehört zum Berufsalltag, ist Teil des Jobs. "Mein Chef sagt immer: Es gibt vielleicht zehn gute Tage im Jahr zum Arbeiten." Gemeint sind Tage mit moderaten Temperaturen, wenig Wind und stabilen Bedingungen. Der Rest sei geprägt von Hitze, Kälte, Regen oder Sturm. Diese Realität wird auch gegenüber Bewerbern im Betrieb offen kommuniziert. "Wir stellen das nicht geschönt dar." Niemand solle sich falsche Vorstellungen machen. In der Praxis kommt es dann doch oft anders, wie auch Thomas zu berichten weiß: "Manche machen zwei, drei Wochen Praktikum in voller Sonne und sagen danach: Das ist nichts für mich." Und das hat mitunter Auswirkungen auf die Branche. "Die Kollegen, die jetzt jünger sind, treffen eher die Entscheidung: Ich mach was anderes. Ich arbeite lieber in einer Halle, wo ich nicht der Sonne ausgesetzt bin."
Betriebsräte in Verantwortung
Arbeitsschutz erschöpft sich nicht nur in UV-Kleidung, Sonnencreme und technischen Maßnahmen wie Sonnensegel, sondern betrifft auch die Organisation der Arbeit auf betrieblicher Ebene. Hier spielen Betriebsräte einezentrale Rolle, da sie den Arbeits- und Gesundheitsschutz fördern und die Einhaltung der Vorschriften überwachen. Sie können bei der Festlegung von Arbeitszeitregelungen, Pausenverteilung und Schutzmaßnahmen mitbestimmen, um die Belastung durch hohe Temperaturen zu mindern.
Dennoch zeigen sich klare Grenzen für betriebliche Lösungen: Pausen und Arbeitszeitverlagerungen bieten zwar Schutz, reichen aber nicht aus, wenn die Arbeit aufgrund extremer Hitze zeitweise unmöglich wird. In solchen Fällen muss der Schutz der Beschäftigten auch finanziell abgesichert werden.
Pionierarbeit der IG BAU
In einigen Branchen gibt es dazu tarifliche Regelungen. So wurde durch die IG BAU bereits im Jahr 2020 im Dachdeckerhandwerk das Ausfallgeld auf die Sommermonate ausgeweitet. Wenn wegen Hitze nicht weitergearbeitet werden kann, erhalten Beschäftigte 75 Prozent ihres Stundenlohns. Die Leistung wird über die Sozialkasse des Dachdeckerhandwerks erstattet. Und auch das Gerüstbauerhandwerk zog nach: Wenn es zwischen dem 1. Mai und dem 31. August eines Jahres aufgrund von starker Hitze, heftigen Regenfällen, Orkanböen und dergleichen mehr, nicht möglich ist, zu arbeiten, werden auch hier 75 Prozent des Stundenlohnes an die Beschäftigten als Ausfall bezahlt. Maximal 50 Stunden pro Jahr können in Anspruch genommen werden, im Dachdeckerhandwerk sind es 53 Stunden.
"Das ist eine Win-Win-Situation und nimmt den Druck von allen Parteien." ergänzt Stefan. "Der Arbeitgeber ist dann auch eher mal in der Lage zu sagen 'jetzt ist Schluss', denn es wird ja von der Lohnfortzahlun getragen." Während der erste Sommer mit Ausfallgeld im Gerüstbauerhandwerk noch bevorsteht, hat sich es sich im Dachdeckerhandwerk bereits bewährt. "Wir entscheiden gemeinsam, wann wir vom Dach gehen," sagt Michelle. Wenn sich zeigt, dass die Belastung zu hoch wird oder die Konzentration nachlässt, wird die Arbeit beendet. "Meistens richtet sich das danach, wem es am schlechtesten geht." Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass die steigenden Hitzetage die Regelungen an ihre Grenzen bringen. "Die 53 Stunden Sommerausfallgeld im Jahr sind einfach zu wenig", sagt Michelle. In längeren Hitzephasen seien diese schnell aufgebraucht.
Klima-Kurzarbeitergeld
Während tarifliche Regelungen erste Ansätze bieten, wird gleichzeitig über eine gesetzliche Lösung nachgedacht. Denn nicht jede Branche verfügt über gemeinsame Einrichtungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die Lohnausfälle finanziell ausgleichen zu können. Mit dem Saison-Kurzarbeitergeld gibt es bereits eine Regelung für Betriebe des Baugewerbes, die in den Wintermonaten greift und von der Bundesagentur für Arbeit durch Gelder zur Arbeitslosenversicherung finanziert wird.
Daran anknüpfend hat die IG BAU in den Jahren 2024 und 2025 öffentlichkeitswirksam ein Klima-Kurzarbeitergeld (Klima-KUG) gefordert. Eine Forderung, die Thomas gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen der Bundesfachgruppe Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau in einem Antrag an den 24. Ordentlichen Gewerkschaftstag der IG BAU aufgreift. Ihnen ist wichtig, dass eine solche Regelung alle von der Fassadenreinigung, der Landwirtschaft, dem Garten- und Landschaftsbau über den Hoch- und Tiefbau bis hin zum Gerüstbauer- und Dachdeckerhandwerk abdeckt.
Absicherung statt Nacharbeit
Ein zentraler Punkt ist dabei die Frage, wie Arbeitsausfälle ausgeglichen werden. "Du kannst nicht sagen: Wir brechen wegen Hitze ab – und auf die Stunden müsst ihr halt verzichten." Das "Klima-KUG" sieht dabei einen Lohnausgleich durch Gelder der Agentur für Arbeit vor. Mindestens 60 Prozent des aktuellen Nettoeinkommens würden dabei von der Agentur getragen, wenn die Arbeit aufgrund von Hitze unterbrochen wird.
Keine Schreibtischentscheidung
Dabei geht es nicht nur um eine pauschale festgeschriebene Temperaturobergrenze, die zum Stopp der Arbeit führt. Entscheidend seien die Bedingungen vor Ort. "Das muss auf der Baustelle vor Ort entschieden werden und nicht pauschal am Schreibtisch", sagt Thomas. Denn die Bedingungen unterscheiden sich deutlich.
Michelle führt aus: "Es gibt Tage, da ist es bei 28 Grad schon einfach unerträglich, und es gibt andere Tage, da sind 35 Grad voll in Ordnung. Es ist einfach tagesformabhängig. Manchmal steckt man es besser weg, manchmal schlechter."
"Du kannst nicht einfach sagen: Ab 30 Grad wird nicht mehr gearbeitet", sagt Thomas. "Das hängt immer davon ab, wo du bist. Bei 32 Grad unter einer dicken Eiche lässt es sich gut aushalten, auf dem Dach ist das eine ganz andere Sache."
Alles nur Privatsache?
Während die Beschäftigten also Verantwortung für die Branche übernehmen und sich selbst um Lösungen kümmern, sieht die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf. Am 1. Juli 2024 trat das sogenannte Klimaanpassungsgesetz in Kraft, in dem die Bundesregierung erste Handlungsfelder für Bund, Länder und Kommunen definiert. Darunter fällt beispielsweise der Bau von
öffentlichen Trinkbrunnen oder die Schaffung von Grünflächen in der Stadt. Der Arbeitsschutz wurde im Gesetzentwurf erst gar nicht und in der finalen Version nur am Rande adressiert. Auch die von Gesundheitsministerin Warken (CDU) vorgestellten Hitzeschutzpläne erschöpfen sich mit Appellen an die Bürgerinnen und Bürger, bei Hitze genug zu trinken. Richtig konkret wurde die Ministerin nur an anderer Stelle: Im Zuge der Gesundheitsreform soll das Hautkrebsscreening als Kassenleistung gestrichen werden. Und das obwohl alleine im Jahr 2024 bei mehr als 5700 Beschäftigten eine schwere Hauterkrankung oder ein heller Hautkrebs als Berufserkrankung anerkannt wurde. Schutz und Vorsorge und damit Chance auf Heilung der Beschäftigten werden so einmal mehr zur Privatsache erklärt.
Fazit
Die Erfahrungen von Thomas, Stefan und Michelle zeigen: Es wird heißer. Ohne verbindliche, flächendeckende Regelungen bleibt die Belastung für Beschäftigte im Freien ein hohes Risiko. Mit den bestehenden Regelungen zum Sommerausfall tragen die Beschäftigten im Dachdecker- und Gerüstbauerhandwerk diese Last nicht allein. Doch der Klimawandel betrifft alle, die draußen arbeiten. Ein ganzjähriges gesetzliches Klima-Kurzarbeitergeld ist ein Ansatz, um Gesundheit und Einkommen zu schützen. Denn wie Stefan sagt: "Am Ende wollen wir alle heil nach Hause kommen."
Text: Tobias Wark
Der Artikel erschien erstmals in der Juni/Juli 2026 Ausgabe des Grundstein.



