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Vereintes Land? – Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall

Seminarteilnehmer Nordhausen
Die Teilnehmer*innen des Seminars mit Egon Primas (Dritter von rechts). © IG BAU
03.10.2019
Senioren

30 Jahre nach dem Fall der deutschen Mauer, finden in diesen Monaten Veranstaltungen der IG BAU-Seniorenvorstände statt, vor allem in den grenznahen Bezirksverbänden. Den Auftakt dazu gab ein Seminar des IG BAU Bundesseniorenvorstandes.

Organisiert in Zusammenarbeit mit dem Johannes-Albers-Bildungsforum Königswinter, lag es nahe, am Beispiel von Nordhausen in Thüringen mit seiner bewegten Geschichte und zentraler Lage in Deutschland, Zeitzeugen vor Ort einzubinden. Gespräche, Diskussionen und Exkursionen bestimmten den Seminarinhalt.

Unser erster Zeitzeuge, Egon Primas, seit der Wende Abgeordneter im Thüringischen Landtag, berichtete über seine persönliche Biographie. Angesprochen auf den Grund für die Demonstrationen ab 1987, antwortete er, dass sei nicht die wirtschaftliche Lage in der DDR gewesen, vielmehr seien das Eingesperrt sein und der Drang nach Freiheit so groß gewesen, dass sich die Bürger auf die Straße trauten. Primas schilderte eindringlich, welch glückliche Fügung die friedliche Revolution gewesen sei, denn man habe seinerzeit mit dem Schlimmsten gerechnet.

Zeitzeuge, Gert Kummer, Betriebsratsvorsitzender vom ehemaligen Volkseigenen Gut Tierzucht in Nordhausen folgte spontan der Einladung und berichtete sehr anschaulich aus dem Arbeitsalltag in einem solchen Großbetrieb.  Nach der Wende verlieren fast alle Mitarbeiter der Nordhäuser Tierzucht frustriert ihre Arbeit. Eine Handvoll Mitarbeiter verwaltete den letzten Rest jenes Gutes, das nach dem Krieg von einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb zum großen Player in der DDR wurde und wissenschaftliche Erfolge in der Zucht und in anderen Bereichen vorweisen kann.

Abschließend wurde im Teilnehmerkreis darüber diskutiert, inwiefern es sich bei der ehemaligen DDR um ein Arbeiterparadies und/oder einen autoritären Staat handelte. Das Klischee des Arbeiterparadieses konnte nicht bestätigt werden, jedoch gab es in dem autoritären Staat, neben Gängelung und Zensur, auch Freiräume und Privatleben. Es gab „ein Richtiges im Falschen“ - um es mit den Worten von Joachim Gauck zu sagen.

eva-maria pfeil, gert kummer, elke garbe
Eva-Maria Pfeil (links), Gert Kummer und Elke Garbe sind schon seit der Wende in der Gewerkschaftsarbeit aktiv dabei - und das nicht nur in Thüringen.

Herr Mehler, Referent der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, führte uns zur Lagergeschichte durch die Dauerausstellung des Konzentrationslagermuseums von 1943-45.

Anschließend wurde der begehbare Teil des Raketen-Fertigungstunnels besichtigt, wobei innerhalb von 18 Monaten über 20.000 Menschen durch die Nazis den Tod fanden.

Alle Teilnehmenden waren tief erschüttert von diesem Zeugnis der Unmenschlichkeit. Nach der Befreiung durch die Amerikaner wurden hier sogenannte Umsiedler untergebracht. Wie auf der Konferenz von Jalta (Krim) beschlossen, überließen die Amerikaner schließlich Russland das Gebiet und Mittelbau-Dora wurde nahezu komplett zurückgebaut.

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Denkmal in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.
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Im Raketen-Fertigungstunnel.

Werner Schollek, Vorsitzender des IG BAU-Bezirksseniorenvorstandes Nordthüringen, ist direkt nach der Wende als „Wessi“ berufsbedingt nach Nordhausen zugezogen und ist jetzt hier tief verwurzelt.

Nach der Mittagspause wurde Nordhausen unter historischen und politischen Aspekten besichtigt. Werner Schollek führte uns durch den historischen Stadtkern. Hier wurde sichtbar, wie groß die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gewesen sein muss, da die meisten Häuser der noch vorhandenen Altstadt restauriert sind. Er wusste zu berichten, dass man ursprünglich die Stadt Gotha in Thüringen habe bombardieren wollen, da dort aber schon die alliierten Truppen waren, sei Nordhausen als Ersatzziel ausgewählt worden und wurde zu 75 Prozent zerstört.

stadtbesichtigung nordhausen
Die Gruppe beim Stadtrundgang vor der Rolandsfigur als Symbol für Freiheit, Macht und Gerichtsbarkeit der Stadt Nordhausen.

Nach dem Krieg zählten zu den wichtigsten Betrieben das IFA Motorenwerk, der VEB Schachtbau und das RFT Fernmeldewerk, in dem alle Telefone für die DDR produziert wurden, VEB Tabak als der größte Zigarettenhersteller der DDR und der VEB Nordbrand der größte und modernste Spirituosenproduzent in der DDR. Nordhausen ohne Korn - nicht denkbar.

Dabei hätte nach der Wende durchaus Schluss sein können, denn der VEB Nordbrand ging über in die Hände der westdeutschen Firma "Eckes". Doch anstatt die Produktion zu verlagern, wurde investiert.

Heute produziert Nordbrand 97 verschiedene Spirituosen, wie Korn, Likör und Gin 200. In der Echter Nordhäuser Traditionsbrennerei erfuhren wir mehr über die Geschichte von über 500 Jahre Korn-Brenntradition. Rund 25.000 Roggenkörner sind übrigens nötig, um eine einzige Flasche Echter Nordhäuser Korn zu brennen. Geerntet aus der Goldenen Aue, dem Getreideanbaugebiet bei Nordhausen.

Zeitzeuge Herr Wilhelm, ehemaliger Beschäftigter im IFA Motorenwerk Nordhausen, berichtete uns im IFA-Museum, das von ehemaligen Mitarbeitern getragen wird, was nach der Wende aus so einem großen Betrieb geworden ist.

Ergänzend wurde die Geschichte des Werkes, im Zusammenhang mit der Geschichte der DDR und der Wiedervereinigung anhand eines Dokumentarfilms veranschaulicht. Als Beispiel ostdeutscher Industrie: von der Herstellung von Grubenloks, über das größte Werk ostdeutscher Dieselmotoren bis hin zur Schließung und über die umstrittene Rolle der Treuhand bei der Privatisierung der DDR-Betriebe. Das IFA-Museum zeigte eindrucksvoll viele Exponate aus der fast 90-jährigen Geschichte des Werkes.

modell ifa gelände
Blick auf ein Modell des ehemaligen IFA-Werksgeländes.

Als Fazit aus dem Seminar kann gesagt werden, dass die Gespräche mit den Zeitzeugen und die vermittelten Eindrücke vom Leben und Arbeiten in der ehemaligen DDR die Seminarteilnehmer nachdenklich gestimmt haben.

Wer nicht in der DDR gelebt hat, kann nun besser verstehen, warum sich auch 30 Jahre nach dem Mauerfall viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse fühlen. Die Wunden und der Frust sitzen tief, seit die Treuhand-Anstalt die sozialistische DDR-Wirtschaft abgewickelt hat und viele Menschen von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit verloren haben.

Im Seminar wurde aber auch deutlich, dass es für viele Menschen aus den alten Bundesländern schwer nachvollziehbar ist, was immer noch viele Menschen in den neuen Bundesländern stark emotional bewegt. Da geht es um die Anerkennung ihrer Lebensleistung, einen gut bezahlten Arbeitsplatz und eine Rente, die für ein gutes Leben reicht und Altersarmut verhindert, eine Perspektive für sich und die kommende Generation, bezahlbaren Wohnraum, einen guten öffentlichen Nahverkehr und ein wirtschaftliches Vorankommen.

Es ist gesamtgesellschaftlich wichtig, die deutsche Nachkriegsgeschichte zu kennen und daraus Lehren zu ziehen. dies war die Grundtendenz unseres Seminars, das uns ein Erleben und Lernen vor Ort ermöglichte und uns in unserem gewerkschaftlichen Engagement stärkte.

Besonders die ländlichen Regionen brauchen eine stärkere politische Beachtung, damit die jungen Menschen dort bleiben und sich wohlfühlen. Die älteren Menschen, die dort wohnen, müssen gut versorgt und medizinisch betreut werden.

Dieter Szabadi, Vorsitzender des IG BAU-Bezirksseniorenvorstandes Berlin, sagte in der Auswertungsrunde: „Ich denke der Austausch der Kolleg*innen hat einigen aus dem ,alten Bundesgebiet' etwas mehr Verständnis für das Leben und die Probleme ,hinter der Elbe' nach dem 13. August 1961 bis zum Fall der Mauer erweckt und fördert den Zusammenhalt aller Senior*innen noch mehr.

Jeder könnte viele Episoden mehr aus dieser Zeit, aber auch von heute erzählen. Denn wir haben immer noch nicht gleiche Löhne, gleiche Rentenanwartschaften etc. und das frustriert bei steigenden Mieten und Preisen und oft geringerem Einkommen die Menschen hier in den neuen Bundesländern immer noch.

Ich höre es auf den Baustellen, die wir ab und zu besuchen und wo die Kollegen uns Gewerkschaftern das vorhalten. Manchmal auch berechtigt. Wir haben also alle noch viel zu tun.“

 

Ein Artikel unserer Kollegin Eva-Maria Pfeil.

peter mohn, manfred schmitt, dieter szabadi
Peter Mohn, Manfred Schmitt und Dieter Szabadi (rechts)