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Ausbildungsstart: Leistungsbereit – aber ohne klare Perspektive
Klischees und Realitäten
Die jungen Männer und Frauen, die jetzt eine betriebliche Ausbildung oder ein Studium beginnen, müssen oft gegen Klischees kämpfen. Zu faul, zu geldgierig, zu doof. Die Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026" räumt nun mit diesen Vorurteilen auf. Fazit der Forschenden: Der seit Jahren anhaltende Krisenmodus, geprägt von Krieg, Inflation, steigenden Wohnkosten und Populisten wie US-Präsident Donald Trump, überfordert immer mehr junge Menschen.
"Die Ergebnisse zeigen auf dramatische Weise, wie sehr die Belastungen den jungen Menschen zusetzen – in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit", betont Studienleiter Simon Schnetzer. Doch trotz der schwierigen Lage bleibe die Leistungsbereitschaft der jungen Generation hoch. Die große Mehrheit sei bereit, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig wachsen jedoch Zweifel, "ob sich Leistung in Deutschland noch lohnt".
Gerade in der Arbeitswelt zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen: Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und des voranschreitenden Einflusses von Künstlicher Intelligenz bewerten junge Menschen ihre beruflichen Chancen nach einem Studium deutlich schlechter als noch zuvor. Dies führt beispielsweise dazu, dass die berufliche Ausbildung an Attraktivität gewinnt.
Gerade diese Erkenntnis kann eine Möglichkeit sein, junge Menschen wieder für die Ausbildung im Betrieb zu gewinnen. Doch zwischen Theorie und Praxis klaffen Welten.
"Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz für junge Menschen haben sich weiter verschlechtert. Der aktuelle Berufsbildungsbericht zeigt weniger Ausbildungsangebot und eine steigende Nachfrage: Trotz aller Klagen über einen vermeintlichen Fachkräftemangel bilden immer weniger Arbeitgeber aus", kritisiert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. "Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt weiter, während knapp 40 000 junge Menschen komplett unversorgt geblieben sind – so viele wie seit 2009 nicht mehr."
Nur noch 18,7 Prozent der Betriebe bilden aus. Kleinere Betriebe ziehen sich oft komplett aus der Ausbildung zurück, größere Unternehmen streichen Ausbildungsplätze aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung. "Das reicht nicht, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen und alle jungen Menschen zu einem Berufsabschluss zu führen", so Hannack.
Beispiel Bau
Der Mangel an Fachkräften ist längst mehr als eine wirtschaftliche Kennzahl – er ist eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Bereits seit 50 Jahren investiert deswegen die Bauwirtschaft gemeinsam in die Zukunft der Branche und hat mit der Berufsausbildungsumlage ein Modell etabliert, das wirkt. Entgegen dem allgemeinen Trend steigen hier die Ausbildungszahlen – ein ermutigendes Signal. Die solidarisch finanzierte Ausbildung zeigt, dass gemeinsames Handeln den Unterschied machen kann. Als wirksames Mittel gegen den Fachkräftemangel und als inspirierendes Vorbild weit über die Branche hinaus.
Das Prinzip ist einfach: Alle Betriebe der Bauwirtschaft zahlen monatlich einen Berufsbildungsbeitrag für jede*n Arbeitnehmer*in an die SOKA-BAU. Baubetriebe, die ausbilden, bekommen aus diesem Topf einen Großteil der Ausbildungskosten erstattet. Die Umlage hat sich bewährt. So hat sich die Zahl der Auszubildenden in der Bauwirtschaft seit vielen Jahren deutlich besser entwickelt als im übrigen Handwerk und auch in der Gesamtwirtschaft. Im laufenden Ausbildungsjahr ist die Zahl der neuen Auszubildenden am Bau um rund 13 Prozent gestiegen, während sie branchenübergreifend um rund drei Prozent gesunken ist.
Beispiel Landwirtschaft
"Ausbildung wird mit Arbeit verwechselt!" Das ist eines der Ergebnisse einer Online-Umfrage der IG BAU unter Auszubildenden, Ausbilder*innen, Berufsschullehrkräften und Ausbildungsberater*innen in der Landwirtschaft.
Lange und unregelmäßige Arbeitszeiten sowie fehlende Regelungen für Überstunden gehören zu den größten Kritikpunkten der Auszubildenden. Zahlreiche Rückmeldungen thematisieren viele Überstunden und häufige Wochenendarbeit ohne Regelungen zum Ausgleich der Mehrarbeit.
Die Ergebnisse zu Fragen der Arbeitszeit stimmen mit denen einer Umfrage der Universität Kassel überein. Diese Umfrage unter mehr als 380 Auszubildenden ergab eine durchschnittliche Arbeitszeit von rund 50 Wochenstunden. Bei 31 Prozent der Auszubilden den, die Überstunden leisteten, und 42 Prozent derjenigen, die am Wochenende arbeiteten, wurden diese zusätzlichen Arbeitszeiten weder durch eine Bezahlung noch durch Freizeit ausgeglichen.
Beide Befragungen lassen darauf schließen, dass Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung keine Ausnahmen darstellen. Für viele der befragten Auszubildenden ist die geringe Ausbildungsvergütung eines der größten Probleme. Aussagen wie "Man wird oft als billige Arbeitskraft gesehen" oder "Wenig Gehalt, viel Arbeit" verdeutlichen diese Wahrnehmung.
In den Antworten werden zudem der Umgangston und die Kommunikationskultur in Ausbildungsbetrieben deutlich problematisiert.

Klare Rückmeldungen, konstruktives Feedback und ein respektvoller Umgang fehlen vielerorts, was sich negativ auf die Motivation und den Ausbildungserfolg auswirken dürfte. Dazu gehören auch abwertende Sprüche gegenüber den Auszubildenden.
Die Ergebnisse der Befragung zeigen aber auch, dass es große Qualitätsunterschiede in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung gibt. Wie mit diesen Ergebnissen umgehen?
Bessere Bedingungen schaffen
Die IG BAU-Bundesfachgruppe Landwirtschaft hat sich dazu Gedanken gemacht und Forderungen aufgestellt:
- Die Ausbildungsberatungen müssen gestärkt werden. Sie brauchen mehr Handlungsspielraum, um gute Ausbildung in den Betrieben durchzusetzen. Dafür ist es notwendig, dass sie ausreichend Kapazitäten zur Verfügung haben. Um gute Arbeit auch nach der Ausbildung durchsetzen zu können, gilt es, die landwirtschaftliche Arbeitnehmerberatung bundesweit auszubauen.
- Gut ausgebildete Fachkräfte sind für die Landwirtschaft unverzichtbar. Trotzdem bilden nur wenige Betriebe aus. Eine solidarische Finanzierung der Ausbildung kann hier Abhilfe schaffen: Alle Betriebe zahlen anteilig in einen gemeinsamen Topf, aus dem jene unterstützt werden, die ausbilden.
- Um auf die zunehmende Spezialisierung der Branche sowie die steigende soziale Heterogenität der Auszubildenden reagieren zu können, gilt es, die überbetriebliche Ausbildung zu stärken.
- Um aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen zu meistern, ist es unerlässlich, die Ausbilder*innen regelmäßig fortzubilden.
Verstehen lernen
Wer heute Auszubildende gewinnen und langfristig binden möchte, braucht mehr als einen guten Ausbildungsplan. Dieser hinkt in vielen Betrieben sowieso dem neuesten technischen Stand hinterher. Es braucht Ausbildungsverantwortliche und Führungskräfte, die verstehen, wie die Jungen ticken, wie sie diese abholen und motivieren können. Und dann folgt schnell die Erkenntnis: Junge Menschen sind nicht zu faul, zu geldgierig, zu doof. Sie brauchen Perspektiven und sie wollen ernst genommen werden.
Text: Christiane Nölle
Der Artikel erschien erstmals in der Grundstein-Ausgabe August/September 2026


