Lamo in der Werkstatt
(Foto: Tobias Seifert) Lamo ist Zimmerer in Ausbildung. Vom Spaß an der Arbeit mit den Händen wächst im Jugendalter ein Interesse für Gebäude.
12.03.2026
Azubis & junge Beschäftigte

Kaum ein Thema sorgt im Handwerk derzeit für so viele Diskussionen wie die Generation Z, also junge Menschen, die zwischen 1995 und 2009 geboren wurden. Zu laut, zu leise, zu fragil, zuanspruchsvoll, zu faul – die Zuschreibungen sind zahlreich, aber selten durch Fakten gedeckt. Während Betriebe über Nachwuchsmangel klagen und der gesellschaftliche Ton gegenüber jungen Beschäftigten härter wird, bleibt oft unklar, welche Bedingungen sie tatsächlich vorfinden und wie diese ihre Motivation beeinflussen.

Warum wir genauer hinschauen müssen

Für diese Geschichte haben wir uns entschlossen, das Bild zu schärfen. Wir haben einen Berliner Zimmerer-Auszubildenden getroffen und ausführlich mit ihm gesprochen. Wir haben eine Diskussion in den Räumen der BAUWERKstatt besucht und zwei aktuelle wissenschaftliche Studien ausgewertet, die empirisch hinterfragen, ob die verbreiteten Klischees über die Generation Z überhaupt stimmen.

Natürlich können wir kein vollständiges Bild zum Zustand der Ausbildung im Handwerk geben. Das wollen wir auch gar nicht. Unser Ziel ist es, ein Bild zu zeichnen, das realistischer und hoffnungsvoller ist als die Debatten in den Talkshows. Junge Menschen wollen arbeiten. Sie wollen Verantwortung. Sie wollen lernen. Doch sie bewegen sich in Strukturen, die ihnen diesen Wunsch häufig schwermachen. Und sie treffen auf ein gesellschaftliches Klima, das ihr Engagement übersieht, während es ihre vermeintlichen Schwächen in den Vordergrund stellt.

Der Weg in das Handwerk

Wir treffen Lamo in Berlin. Auch wenn er es so nicht direkt sagt, den Grundstein für seinen Weg in das Handwerk legte er vermutlich selbst: "Ich habe schon als Grundschulkind alte Fahrräder vom Schrott gekauft und repariert. Ich habe ständig irgendwas gebaut." Vom Spaß an der Arbeit mit den Händen wächst im Jugendalter ein Interesse für Gebäude. Nicht für neue, sondern für alte, für beschädigte, für die, an denen die Zeit Spuren hinterlassen hat. "Ich wollte Häuser retten. Vor allem solche, die jemand anderes abreißen würde."

Es folgte die Instandsetzung eines Schuppens. Erste Skizzen wurden gemalt und eine lange Einkaufsliste für den Baumarkt geschrieben. Dann eine Fernsehdokumentation über Gutshaussanierungen. "Da dachte ich: Da habe ich richtig Bock drauf." Seine Entscheidung für die Zimmerei fällt bewusst und durchdacht. "Ich hatte das Gefühl, dass ich mit einer Zimmererausbildung am weitesten komme. Gerade bei alten Häusern, bei denen das Dach oft besonders heruntergekommen ist."

Das Umfeld

In seinem persönlichen Umfeld stößt der Berufswunsch auf breite Zustimmung. Seine Familie unterstützt ihn ausdrücklich. Im Freundeskreis ist er der Einzige, der einen Handwerksberuf ergreift. Doch auch dort erfährt er Anerkennung: "Meine Freunde haben das sehr positiv aufgenommen. Das wundert mich ein bisschen, weil ich selbst gar nicht so einen positiven Blick auf die Zimmerei hatte, als ich angefangen habe. Ich dachte, es wären viel mehr grobe Leute auf den Baustellen. Die sind da auch, aber ich habe auch richtig gute Kollegen kennengelernt, mit denen ich sehr gern zusammengearbeitet habe".

Gleichzeitig nimmt er wahr, dass das gesellschaftliche Bild des Handwerks ein anderes ist. Dazu kommt ein wiederkehrendes Missverständnis: "Ich bin Zimmerer, aber sie nennen mich immer Tischler. Das gibt’s doch nicht." Die Wertschätzung ist vorhanden, aber das Wissen über handwerkliche Berufe bleibt oft oberflächlich.

Vom Können in der Gesellschaft

Diese Mischung aus grundsätzlicher Wertschätzung und fehlendem Wissen über handwerkliche Berufe ist kein Einzelfall. Sie verweist auf eine Leerstelle: Viele junge Menschen haben kaum noch Gelegenheiten, Handwerk real kennenzulernen, bevor sie sich für eine Ausbildung entscheiden.

Perspektivwechsel: Ortstermin in der alten Malzfabrik im Berliner Stadtteil Schöneberg-Tempelhof. Hier finden sich die Räume des Projekts "mobile BAUWERKstatt", ein Projekt des Bildungsvereins Bautechnik, eine gemeinsame Einrichtung des Bauindustrieverbandes Ost e. V., der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg e. V. und der IG BAU. Am Abend des 26. November 2025 feiert die BAUWERKstatt ihr fünfjähriges Bestehen.

Der Raum ist schlicht, aber funktional: Geflieste Wände, Hobelbänke, Holzreste, Regale, Werkzeuge, die sichtbar benutzt werden. Keine Inszenierung, sondern ein Arbeitsort.

Einer der Anleitung gibt, ist Ausbilder Mathias Link. Er selbst ist gelernter Handwerker. Doch weil das Handwerk gesellschaftlich so abgewertet wurde, stieg er aus, um das zu ändern. Im Gespräch mit dem Autor und Journalisten Simon Strauß gibt er zu Protokoll: "Es gab Zeiten, in denen Handwerker sehr angesehen waren, weil sie Dinge konnten, die andere nicht konnten. Heute hat man das Gefühl: Jeder kann alles und im Zweifelsfall macht es die KI. Dieses 'Können' ist aber unbedingt notwendig für eine Gesellschaft. Nur wer weiß, was da eigentlich geschaffen wird, kann dem auch Wertschätzung entgegenbringen. Deshalb ist es so wichtig, einen Zugang zum Handwerk zu vermitteln."

Die BAUWERKstatt versucht, diese Lücke zu schließen. Jugendliche können dort grundlegende Arbeitsschritte ausprobieren und ein Verständnis für das Zusammenspiel von Werkzeug, Technik und Material entwickeln. Dabei wird deutlich, warum das Handwerk heute oft als weniger sichtbar wahrgenommen wird als früher.

"Heute spüren wir: Für die Jugendlichen gibt es keine Vorbilder mehr, denen man nacheifern kann. Das Ergebnis, welches wir heute sehen, so wie die Jugendlichen heute sind – ist das Ergebnis unseres Designs. Es sind nicht die Jugendlichen, die etwas nicht auf die Reihe kriegen oder keinen Zugang haben. Wir leben es vor. Wenn wir es nicht schaffen, Vorbilder zu sein, werden wir kein anderes Ergebnis bekommen."

Er macht deutlich, dass die Probleme, die dem Handwerk heute zugeschrieben werden – zu wenig Nachwuchs, zu wenig Bindung, zu wenig Begeisterung –, nicht "von den Jugendlichen kommen", sondern aus den Bedingungen, die Erwachsene über viele Jahre geschaffen haben. Dabei geht es letztlich immer auch um das Gehalt.

Was ist die Ausbildung wert?

Im Baugewerbe hängt die Ausbildungsvergütung stark davon ab, ob ein Betrieb tarifgebunden ist. Nach der Erhöhung der tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen im Ausbildungsjahr 2024/25 liegen sie im Bauhauptgewerbe im ersten Ausbildungsjahr häufig zwischen 1000 und 1200 Euro im Monat. In den folgenden Jahren steigen sie weiter an.

In Betrieben ohne Tarifbindung sieht es oft anders aus. Dort erhalten Auszubildende meist nur die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung. Sie liegt derzeit bei 682 Euro im Monat. Wie knapp dieses Geld für den Alltag ist, zeigt auch der DGB-Ausbildungsreport 2025. Eine Mehrheit der Auszubildenden gibt an, von ihrer Vergütung kein eigenständiges Leben  führen zu können. Viele sind auf Unterstützung durch Eltern oder staatliche Leistungen angewiesen, andere arbeiten zusätzlich neben der Ausbildung. Lamo beschreibt diese Situation aus seiner Perspektive so: "Wir sind hier eine reiche Gegend, und trotzdem wird ein Handwerker in Berlin bezahlt wie in Sachsen – obwohl die Auftragslage seit einigen Jahren sehr gut ist."

Dass sich der wirtschaftliche Erfolg vieler Betriebe nicht in den Löhnen widerspiegelt, erlebt er immer wieder. "Dieses Geld kommt bei den Beschäftigten einfach nicht an. Stattdessen verdienen Chefs genug, um sich das nächste Haus zu bauen und Porsche zu fahren. Uns sagen sie dann: Dich kann ich leider nicht besser bezahlen."

Lamo mit Werkzeug
(Foto: Tobias Seifert) Klare Vision: Lamo bleibt im Handwerk.

Tarifflucht im Handwerk

Warum die Unterschiede zwischen tarifgebundenen und nicht tarifgebundenen Betrieben so groß sind, hat auch mit den Strukturen im Handwerk zu tun. In vielen Regionen gibt es keine flächendeckenden Tarifverträge mehr. Einige Innungen führen keine Tarifverhandlungen mit den DGB-Gewerkschaften. Gleichzeitig ermöglichen die Innungen Mitgliedsbetrieben eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung, sogenannte OT-Mitgliedschaften. Für die Betriebe bedeutet das, nicht an Tarifverträge gebunden zu sein. Für Auszubildende heißt es, dass Vergütung und Arbeitsbedingungen ausschließlich vom jeweiligen Betrieb abhängen.

Lamo hat diese Situation selbst erlebt: "In meinem ersten Ausbildungsbetrieb mit Sitz in Brandenburg wurde ich nicht nach der tarifvertraglichen Vergütungshöhe bezahlt, sondern zwanzig Prozent darunter. Das war so ein richtiger Ausbeutungsbetrieb."

Dass er dort überhaupt angefangen hat, lag an fehlenden Alternativen. "Der Betrieb war halt so krass drauf. Das habe ich von Anfang an gewusst. Ich habe nur keine andere Zimmerei gefunden. Als Zimmerer-Azubi ist das in Berlin nicht so leicht." Zu Beginn seiner Ausbildung hatte er dreizehn Bewerbungen verschickt. Vier Betriebe meldeten sich zurück. Am Ende blieben zwei, die für ihn infrage kamen.

Lamo verlässt den Betrieb, zwei weitere Auszubildende tuen es ihm gleich. Doch vor dem Betriebswechsel möchte er sich absichern.

Der Weg zur IG BAU

"Ich habe mich dann sehr mit meinen Rechten und Pflichten als  Auszubildender im Betrieb beschäftigt. Dann war ich auf der Website der IG BAU und dachte: Da müsste ich mich eigentlich mal melden‘."

Er nimmt Kontakt zur Gewerkschaft auf, schon vorher wird er Mitglied. Und dachte dann: "Okay, man kann zwar auch anrufen, ohne Gewerkschaftsmitglied zu sein — aber das ist ja irgendwie blöd. Und bin dann Mitglied geworden."

Lamo wird über seine Rechte als Azubi beim Betriebswechsel aufgeklärt. Und er weiß jetzt: Ich habe eine starke Gemeinschaft an meiner Seite.

Das gebrochene Versprechen

Die Erfahrung aus dem ersten Ausbildungsbetrieb wirkt noch nach, als sich Ärger im neuen Betrieb, diesmal mit Sitz in Brandenburg, anbahnt. Im Bewerbungsgespräch mit seinen Vorgesetzen wird vereinbart, dass er nach Inkrafttreten des neuen Tarifvertrages für das Bauhauptgewerbe die höhere Ausbildungsvergütung erhält. 2024 hatte die IG BAU nach wochenlangen Warnstreiks auch eine Erhöhung der Vergütung für Auszubildende erkämpft.

"Wir haben uns die Hand draufgegeben"

Doch als der neue Tarifvertrag in Kraft tritt, passiert nichts. Der Chef windet sich raus mit den Worten: "Wir haben darüber gesprochen, aber ich habe nichts zugesichert." Die Auseinandersetzung zieht sich über Monate. Am Ende erhält er die neue Vergütung erst im dritten Lehrjahr. "Mir ging’s gar nicht darum, dass ich 1000 Euro verloren habe. Es war einfach nicht ehrlich."

Vorbilder im Betrieb

Innerhalb der Ausbildung pendelt Lamo zwischen Baustelle und Berufsschule: mal hier, mal da, große Baustellen, mehrere Gewerke, wechselnde Einsatzorte. Gerade am Anfang fällt es nicht leicht, den Überblick zu behalten.

"Wenn man dann auf eine Baustelle kommt, die schon vier Wochen läuft, hat man erstmal keinen Überblick." Für Auszubildende bedeutet das oft, dass Verantwortung schwer greifbar bleibt. "Alle haben den Plan im Kopf – nur ich nicht."

Ob daraus Frustration oder Lernbereitschaft entsteht, hängt für Lamo weniger von der Arbeit selbst ab, als von den Menschen, die ihn anleiten. "Wenn der Chef auf die Baustelle kam, und ich das vorher wusste, war meine Laune schon auf dem Weg zur Baustelle nicht mehr so gut", so der Zimmerer.

Anders erlebt er es bei einem Vorarbeiter, mit dem er regelmäßig zusammenarbeitet. Der ist seit dreißig Jahren auf dem Bau, zuständig für die Auszubildenden. "Das ist mein Lieblingsvorarbeiter. Total freundlich und immer hilfsbereit." Was diesen Kollegen auszeichnet, ist kein besonderes Ausbildungskonzept, sondern sein Umgang mit den Auszubildenden. "Der bringt keine dummen Sprüche, wenn man irgendwas nicht hinbekommt." Fragen seien erlaubt, Fehler kein Anlass für Spott. "Der will dir wirklich etwas beibringen." Das macht den Unterschied. Nicht jede Baustelle ist übersichtlich, nicht jeder Arbeitstag bringt Freude. Soll er auch gar nicht. Aber dort, wo jemand erklärt, zuhört und Verantwortung teilt, bleibt Motivation auf Dauer erhalten.

Zuschreibungen kaum haltbar

In der öffentlichen Debatte wird der Generation Z vieles zugeschrieben: fehlende Belastbarkeit, mangelnde Ausdauer, ein übersteigerter Wunsch nach Komfort. Doch die wissenschaftlichen Untersuchungen, die wir für diese Geschichte ausgewertet haben, zeichnen ein anderes Bild.

Daten des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) zeigen, dass junge Menschen heute nicht weniger arbeiten als frühere Generationen. Im Gegenteil: Die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen liegt so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Die verbreitete Behauptung, die jungen Leute drängten in Teilzeit oder versuchten, sich aus der Arbeitswelt herauszuhalten, lässt sich darin nicht wiederfinden. Viel eher deuten die Zahlen darauf hin, dass die Generation Z bereit ist, Verantwortung zu übernehmen – wenn die Bedingungen stimmen.

Auch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) kommt zu dem Schluss, dass viele Zuschreibungen an die Generation Z wissenschaftlich kaum haltbar sind. Dort heißt es, das Unterschiede in der Motivation oder Belastbarkeit deutlich stärker durch Arbeitsumfelder erklärt werden können, als durch das Geburtsjahr. Das deckt sich mit dem, was der Auszubildende beschreibt, wenn er sagt: "Am Anfang wollte ich total gerne mitdenken und Vorschläge machen. Das habe ich dann irgendwann weniger gemacht."

Nach Lamos Erfahrung wird dies häufig vorschnell als generelle "Unlust" abgetan. Die Studien zeigen jedoch, dass sich solche Reaktionen nicht aus der Generation erklären lassen, sondern aus den Strukturen, in denen junge Menschen arbeiten. Wer zu spät in Abläufe eingebunden wird, keine Übersicht bekommt oder erlebt, dass Absprachen nicht gelten, zieht sich irgendwann zurück – unabhängig vom Alter. Die Forschung spricht davon, dass Arbeitsbedingungen motivieren oder demotivieren, aber nicht Geburtsjahrgänge.

Die Studien ordnen solche Beobachtungen ein: Engagement entsteht dort, wo sich Menschen gesehen fühlen, wo sie merken, dass ihre Ideen Wirkung haben können und dass Arbeit nicht gegen, sondern mit ihnen organisiert wird. Es ist also kein Hinweis auf eine "anspruchsvolle Generation", sondern ein Hinweis darauf, wie stark Führung und Betriebskultur Motivation beeinflussen.

Beide Studien betonen außerdem: Junge Menschen suchen nach Sinn, nach nachvollziehbaren Strukturen und nach Verlässlichkeit. Das ist keine "Weigerung zu arbeiten", sondern eine Erwartung, dass Arbeit mehr sein kann als die fachliche korrekte Verschraubung eines Dachbalkens.

Wenn Lamo sagt: "Verantwortung übernehmen heißt, Kraft reinstecken – und die hatte ich in dem dortigen Umfeld nicht mehr", dann ist das kein Ausdruck von Faulheit, sondern von Enttäuschung über Strukturen, die die Lernbereitschaft nicht aufnehmen.

Für viele junge Menschen ist Verantwortung nichts Abstraktes. Sie entsteht, wenn Arbeit sinnvoll ist und man versteht, warum sie gemacht wird.

Materialien, Orte und Verantwortung

Verantwortung vor dem eigenen Handwerk und der Verantwortung gegenüber der Geschichte: Lamo erhält die Möglichkeit auf einer Lehrbaustelle in Griechenland seine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. Der Aufenthalt ist Teil eines regulären Austauschprojekts, organisiert vom Bildungsverein Bautechnik und getragen von den Tarifparteien der Bauwirtschaft in Berlin und Brandenburg und damit auch der IG BAU. Ein Meister begleitet die Auszubildenden und sorgt für die Einbettung in die regulären Ausbildungsinhalte.

Gearbeitet wird an einer alten, wasserbetriebenen Kornmühle. Natursteinmauerwerk, Kalkmörtel und traditionelle Bauweisen prägen die Baustelle. Für den Auszubildenden ist das Neuland: "Mit Naturstein zu mauern, war neu. Und mit Kalk hatte ich vorher gar nichts zu tun."

Auch konstruktive Details unterscheiden sich von dem, was er aus Deutschland kennt. "Der Fußpunkt des Sparrens ist hier ganz anders ausgebildet, der Versatz ist kleiner, der Sparren liegt anders auf." Am Anfang habe er gedacht, das könne so nicht halten. "Ich dachte, der müsste doch sofort wegrutschen."

Erst beim Arbeiten wurde ihm klar, warum andere Konstruktionen hier funktionieren. Sie sind auf das Material, das Klima und die Bauweise abgestimmt – nicht auf Normen, sondern auf Erfahrung.

Neben dem handwerklichen Teil gehört ein historisches Begleitprogramm zum Aufenthalt. Die Gruppe besucht das Dorf Kalavryta auf der Peloponnes, wo am 13. Dezember 1943 rund 1000 Bewohnerinnen und Bewohner systematisch ermordet wurden. Die dreijährige Besatzung Griechenlands durch die Wehrmacht war von Terror und der Vernichtung fast aller griechischen Jüdinnen und Juden geprägt.

Trotz dieser Verbrechen gilt Griechenland vielen Deutschen heute vor allem als Urlaubsland und nicht als Ort deutscher Kriegsverbrechen. Dass ihm die nationalsozialistischen Verbrechen bekannt sind, betont Lamo ausdrücklich.

Trotzdem ist die Wirkung vor Ort eine andere: "Man steht dann da in diesem Raum und hört: Hier wurden 600 Männer eingesperrt." Es ist kein abstrakter Ort der Erinnerung: "Es ist genau hier passiert – genau in dem Raum, in dem wir standen."

Später geht die Gruppe gemeinsam auf einen Hügel oberhalb des Dorfes, dorthin, wo sich Frauen und Kinder versteckt hatten. "Man wollte die ganze Zeit etwas sagen – aber gleichzeitig war da so ein bedrückendes Gefühl." Auch der Bezug zur Gegenwart lässt ihn nicht los. "Man denkt erst: Sowas passiert nie wieder. Und dann merkt man: In anderen Teilen der Welt passiert genau das."

Lamo und ein Meister mit einem Dachstuhl-Modell
(Foto: Tobias Seifert) Vom Modell zur praktischen Umsetzung: Bau eines Dachstuhls unter Anleitung eines Meisters in den Räumen des Lehrbauhofs Berlin.

Handwerk hat Zukunft

Die Abwertung des Handwerks über Jahrzehnte hinweg, befeuert durch Bildungsdebatten, Lohnstrukturen und die Überbewertung akademischer Laufbahnen, hat Spuren hinterlassen. Die Jugendlichen, die heute vor der Ausbildungswahl stehen, sind nicht weniger interessiert oder weniger begabt. Ihnen fehlt schlicht oft die Möglichkeit, Handwerk als ernstzunehmende berufliche Option kennenzulernen.

Am Ende dieser Geschichte steht kein Abschied vom Handwerk. Der junge Zimmerer bleibt. Nicht aus Mangel an Alternativen, sondern, weil ihn die Arbeit überzeugt und er einen Sinn darin sieht.

Was ihm gefehlt hat, benennt er dennoch klar. "Man hat nicht das Gefühl, das Betriebe wirklich ausbilden wollen", sagt er rückblickend über Teile seiner Ausbildungszeit. Gemeint ist damit nicht die handwerkliche Arbeit selbst, sondern der Alltag der Ausbildung: fehlende Einbindung, unklare
Absprachen, wenig Zeit für Erklärung.

Umso wichtiger ist der Rückhalt außerhalb des Betriebes. Als er Unterstützung brauchte, fand er sie bei der IG BAU: Beratung, klare Informationen. Dinge, die im Alltag oft erst dann sichtbar werden, wenn sie fehlen. "Ich bin sehr dankbar für das, was die IG BAU leistet für uns als Arbeitnehmer", so Lamo. Und bleibt Mitglied.

Sein eigener Weg ist inzwischen klarer geworden. Nach der Gesellenprüfung will er selbstständig arbeiten. Alte Häuser erhalten, im Bestand arbeiten, der Gedanke begleitet ihn seit Beginn seiner Ausbildung.

Sein Weg liefert uns eine erste Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Handwerks. Motivation und Lernbereitschaft sind vorhanden. Ob junge Menschen im Handwerk bleiben, entscheidet nicht nur die Arbeit selbst, sondern wie Ausbildung gestaltet wird, und ob junge Menschen darin ernst genommen werden.

Text: Tobias Wark
Der Artikel erschien ursprünglich im Grundstein